
Der Londoner Aktienmarkt hat sich trotz weltpolitischer und konjunktureller Unsicherheit in den vergangenen Monaten recht gut gehalten. Bei knapp unter 10.400 Punkten steht der britische Leitindex FTSE 100 derzeit. Das sind gut vier Prozent weniger als der Allzeitrekord von 10.934 Punkten, auf den er am 27. Februar im Intraday-Handel kletterte – am Tag vor Beginn des Irankriegs. Seitdem hält der Ölpreisschock die Weltwirtschaft in Atem. Der Inflationsausblick hat sich verschlechtert, Finanzierungskosten stiegen, Stimmungsindikatoren haben sich deutlich eingetrübt.
Manche haben allerdings durch die Energiepreiskrise zugelegt. So profitierten die an der Börse London gehandelten Schwergewichte der Ölindustrie, Shell und BP. Der Kurs von Shell, nach HSBC und Astra-Zeneca das drittwertvollste Unternehmen an der Börse London, ist allerdings wieder auf den Stand von Ende Februar zurückgefallen. BP machten zuletzt die Turbulenzen um den Rauswurf des Verwaltungsratsvorsitzenden zu schaffen. Doch liegen die Ölgiganten noch immer gut im Plus gegenüber Jahresbeginn. Die Unternehmen der Energiebranche im breiter gefassten Index FTSE 350 haben laut einer Übersicht von Goldman Sachs sogar um fast 19 Prozent zugelegt.
Mit einem Plus von rund sieben Prozent seit Jahresanfang (inklusive Dividenden) steht der FTSE 100 im europäischen Vergleich gut da. Anleger machten in London mehr Gewinn als im deutschen Leitindex Dax oder im französischen CAC40. Der italienische MIB oder der spanische Ibex lagen etwas darüber. Weit kräftiger sind indes die von Tech-Aktien getriebenen US-Börsen gestiegen.
London bleibt indes ein wichtiger Markt, auch für internationale Investoren. Derren Nathan, Leiter der Aktienanalyse bei Hargreaves Lansdown, sagt dazu: „Die Londoner Märkte umfassen zwar nicht dieselbe Vielzahl an Technologiegiganten wie die US-Börsen, doch gibt es genügend Qualität und Wertpotential, um britischen börsennotierten Unternehmen in den meisten Portfolios einen Platz einzuräumen, wobei wichtige Branchen wie Verteidigung, Energie, Rohstoffe und Finanzen alle gut vertreten sind.“
Neben den Energiewerten haben sich die Aktien der Grundstoff- und Rohstoffkonzerne glänzend entwickelt. Sie gewannen seit Jahresbeginn mehr als 30 Prozent. Auch Banken (mit zehn Prozent Plus) und Telekommunikation (13 Prozent) gehörten zu den Gewinnern. Schlecht dagegen entwickelten sich einige Technologiewerte sowie Automobil-, Einzelhandels- und Konsumgüterkurse.
Die Konjunktur wird schwächer
Darin spiegeln sich auch die gedämpften Konjunkturaussichten wider. Im ersten Quartal hat die Wirtschaftsleistung laut Statistikamt ONS zwar überraschend um 0,6 Prozent zugelegt. Aber seitdem deutet alles auf Stagnation hin. „Die zugrunde liegende Dynamik lässt nach, und die Frühindikatoren deuten auf eine Konjunkturabkühlung hin“, schreibt Goldman Sachs. Für die nächsten Quartale ist allenfalls noch minimales Wachstum zu erwarten.
Die höheren Energiepreise und gestiegene Zinskosten belasten. Hinzu kommt in Großbritannien die politische Unsicherheit. Wie lange sich Premierminister Keir Starmer noch halten kann, ist ungewiss. Am Anleihemarkt sorgte die Aussicht einer nach links rückenden Labour-Partei für Nervosität. Nachdem der Starmer-Herausforderer Andy Burnham sich aber zu den Fiskalregeln bekannte, erholten sich die Staatsanleihekurse wieder etwas. Die Renditen bleiben jedoch nahe an Rekordniveaus.
Unklar ist, wie die Bank of England auf den Inflationsanstieg reagieren wird. Die Notenbank hat bislang den Leitzins von 3,75 Prozent konstant gehalten. BoE-Gouverneur Andrew Bailey sagte Ende Mai, angesichts der schwächeren Wirtschaftsentwicklung und der Unsicherheit, wie lange der Energiepreisschock andauern wird, sei „ein temporäres Tolerieren“ der Inflation über dem Zwei-Prozent-Zielwert angemessen. Allerdings würde sie wohl handeln, wenn es Anzeichen für Zweitrundeneffekte der Inflation gebe.
Am Anleihemarkt sind derzeit zwei bis drei Zinserhöhungen eingepreist, doch das erscheint vielen übertrieben. „Selbst wenn die Energiepreise hoch bleiben, wird die Bank of England allerhöchstens einen Zinsschritt um 25 Basispunkte gehen“, sagt Andrew Wishart von der Berenberg Bank in London. Gegen Zinserhöhungen spreche, dass sich der Arbeitsmarkt verschlechtert und das Lohnwachstum merklich abschwächt. Daraus resultiert geringerer Preisdruck. Wishart erwartet, dass die BoE den Leitzins bis Dezember konstant halten und dann von 3,75 auf 3,50 Prozent senken werde. Die US-Investmentbank Goldman Sachs prognostiziert bis Jahresende konstante Leitzinsen, keinen Anstieg.
Sanjay Raja, britischer Chefvolkswirt der Deutschen Bank in London, erwartet ebenfalls keine Zinserhöhungen. „Sollte die Bank of England an der Seitenlinie stehen bleiben, wäre dies positiv für britische Aktien.“ Denn konstante Leitzinsen würden das Wirtschaftswachstum weniger belasten, es gebe geringere Kapitalabflüsse in Anleihen. Derren Nathan von Hargreaves Lansdown verweist auf die weitgehend stabilen Gewinne der meisten Unternehmen. Es gebe Raum für eine Höherbewertung britischer Aktien.
