Vorsichtigen Schrittes geht Eva Umlauf die wenigen Stufen hoch auf die Bühne und setzt sich an den Tisch neben dem Rednerpult. Gleich wird die 83 Jahre alte zierliche Frau im Gießener Rathaus einige Auszüge aus ihrem Buch „Genau so fängt es an“ lesen. „Worüber wir sprechen werden, geht uns alle an“, hat Sascha Feuchert kurz zuvor am Rednerpult gesagt. „Es fängt nicht mehr nur an, ich fürchte, wir sind mittendrin in einer Entwicklung, die Anlass zu großer Sorge gibt“, fügte der Literatur-Professor mit Blick auf den Aufstieg der AfD und den bis in die Mitte der Gesellschaft reichenden Judenhass hinzu.
Umlauf trägt ein dünnes, dunkelblaues Jäckchen über ihrem Kleid. Am linken Handgelenk sticht ihre Uhr mit dem roten Armband hervor. Die kurzen Ärmel geben den Blick frei auf eine blasse und etwas verzerrt wirkende Unterarm-Tätowierung. A-26959 steht dort. Eintätowiert worden ist die Nummer ihr im Alter von gut zwei Jahren im Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz. Das im Mai 1942 in einem slowakischen Arbeitslager für Juden geborene Mädchen war im Spätherbst 1944 mit ihren Eltern dorthin deportiert worden.
AfD als Feind der Demokratie
Die Nummer hat sie lange Zeit unter langen Ärmeln versteckt, wie Umlauf in ihrem neuen Buch schreibt. Im Verlauf des Abends wird sie sagen: „Diese Nummer gehört zu mir – ich kenne mich nur so.“ Überdies habe sie als Kind gedacht, jeder trage solch eine Nummer. Diesen „Stempel der Entmenschlichung“. Sie überlebte das KZ nur, weil die Gaskammern als Versuch der Vertuschung der NS-Verbrechen seinerzeit schon gesprengt worden waren, wie sie schreibt.
Ihr neues Buch weist viele autobiographische Einsprengsel auf. Sie fällt gleich mit der Tür ins Haus: „Ich bin ein Kind der Konzentrationslager“, lautet der erste Satz. Doch will Umlauf das schmale Bändchen als Appell verstanden wissen. Darauf lässt schon die Leitlinie des Startkapitels „Nie wieder? Schon wieder“ schließen. Was das „Nie wieder“ denn heutzutage bedeute, will Moderatorin Anika Binsch von der Arbeitsstelle Holocaustliteratur an der Justus-Liebig-Universität wissen, die gemeinsam mit anderen Institutionen Gastgeber der Lesung ist.

Die säkulare Jüdin beunruhigen der im Nachgang zum Überfall von Terroristen der palästinensischen Hamas auf Menschen in Israel stark gestiegene Antisemitismus und die Straftaten gegen jüdische Menschen. Aber nicht nur das: Geschockt hat sie nach ihren Worten der rechtlich folgenlose Entschließungsantrag für eine verschärfte Migrationspolitik, den die Union im Bundestag am 29. Januar 2025 gemeinsam mit der AfD und der FDP durchbrachte. Ausgerechnet am Tag des Gedenkens der NS-Opfer, den sie im Bundestag selbst miterlebte. Dieser Tag sei nicht von ungefähr in die Geschichtsbücher eingegangen. „Denn genau so fängt es an, so normalisieren wir die Feinde unserer Demokratie“, mahnt Umlauf.
Sie habe dem CDU-Vorsitzenden Friedrich Merz daraufhin einen Brief geschrieben. Er habe ihr, die Präsidentin des Internationalen Auschwitz-Komitees ist, nicht einmal geantwortet. „Aber er war noch nicht Kanzler“, sagt sie im bis auf ein paar Plätze vollbesetzten Hermann-Levi-Saal des Rathauses. Sie lächelt dazu und erntet Lacher, was die Beklommenheit löst.
Sie habe nach dieser Abstimmung gedacht, etwas tun zu müssen. Vor allem an einen Appell an die Jugend habe sie gedacht. Wenn junge Leute an die Wahlurne treten, sollten sie sich genau Gedanken darüber machen, was sie wählen, wie Umlauf meint. Die 1967 aus der damals kommunistisch regierten Slowakei nach München umgesiedelte Frau spricht, wie sie schreibt. In klaren, leicht verständlichen Sätzen. Und dazu mit einem Akzent, der auf ihre regionale Herkunft schließen lässt, und gleichzeitig bayerisch eingefärbtem Zungenschlag.
„Nichts tun ist auch keine Lösung“
So spricht sie über den im Verlauf vieler Jahrhunderte aufgebauten strukturellen Antisemitismus, der mit dem Ende der Nazizeit eben nicht verschwunden sei. Sie spricht über Traumata als Erbe, die beide Seiten plagten: die Opfer der NS-Terrorherrschaft und die Täter. Dabei prägt sie das Wort von den verwundeten Opfer-Menschen und den verwundeten Täter-Menschen. Narben und Wunden seien vielfach auf die nächsten Generationen übertragen worden.
Sie habe gehofft, nie mehr den Aufstieg einer rechtsextremen Partei miterleben zu müssen. „Ich bemühe mich, ich gehe in Schulen und lese – und die AfD-Zahlen steigen doch weiter“, sagt sie. Und fügt nach einer Atempause mit fester Stimme an: „Aber nichts tun ist auch keine Lösung.“
