Schon im Titel steckt die Idee der Konservierung. In Brezel Görings DIY-Metafilm „Für immer 16“ geht es aber weniger um konservierte Nostalgie, keine Forever-Young-Verklärung, sondern um eine Einstellung zum Leben, zur Kunst und zum gepflegten Chaos: Der Punk ist Tod, es lebe der Punk! Oder: Es lebe Françoise Cactus!
Görings Film atmet den Spirit der 2021 verstorbenen Autorin und Musikerin, mit der er lange liiert war und bald 30 Jahre Musik gemacht hat. Mit Stereo Total haben die beiden Musikgeschichte geschrieben: fluffiger Synthiepop, punkig, trashig, getragen von Cactus’ Gesang mit französischem Akzent. Ihr Augenzwinkern gegen den Spießer fehlt, „wir tanzen im Viereck, wir tanzen konzentriert“!
Mit „Für immer 16“ verbeugt sich Göring vor seiner verstorbenen Partnerin. Das Drehbuch basiert lose auf „Lebenslänglich vierzehn“, einem unveröffentlichten Roman von Cactus, den Göring gemeinsam mit weiteren Texten in der Sammlung „Oh Oh Mythomanie“ 2024 anlässlich des 60. Geburtstags der Künstlerin im Ventil Verlag veröffentlicht hat. „Für immer 16“ könnte dabei kaum weiter vom „klassischen“ deutschen Film entfernt sein. Die wackeligen und knisternden Super-8-Bilder, die Charlotte (Lilith Stangenberg) zu Beginn beim Gang aus dem Bett hin zur Zigarettenschachtel zeigen, sind kein verspieltes Intermezzo.
Alles wirkt so verwaschen
Hier wirkt alles verwaschen und amateurhaft, ganz so, wie man das vielleicht von alten Aufnahmen von Familienzusammenkünften und Urlauben kennt. „Für immer 16“ ist ein bisschen von beidem und spielt mit der Verfremdung, indem die Dialoge separat eingesprochen und anschließend teils lippenunsychron über die Bilder gelegt wurden. Ein Soundteppich mit Stereo Total-Songs begleitet den Film durchgehend.
Zu Filmbeginn erklärt Charlotte, wie immer rauchend: „Ich hab zwei Freunde eingeladen. Aber wir streiten uns eigentlich immer.“ Kurz darauf folgen wir ihr, Helena (Mücke) und Oskar (Chang Wang) bei einem gemeinsamen Urlaub – gedreht wurde „Für immer 16“ in Palermo. Das Trio im Film, das früher die Experimentalfilmgruppe „Les enfants terrible“ bildete, ist zerstritten und rauft sich mehr oder weniger zusammen. Neid ist ein großer Faktor, denn während Charlotte als Schauspielerin erfolgreich geworden ist, dümpeln Helena und Oskar am Existenzminimum herum.
„Ich habe so viel über mein Alter gelogen, ich weiß selbst nicht mehr, wie alt ich bin“, sagt Charlotte – einer der vielen herrlichen Sätze, von denen der Film nur so wimmelt. Die drei beschließen, quasi back to the roots, im Urlaub einen Undergroundfilm zu drehen. Es soll um die männermordende Serienkillerin Dementia gehen, gespielt von Charlotte im Lederoutfit. Als Opfer wird der Wohnungsnachbar Rudolph (Twiggy Glouglou) gecastet, der allerdings auch mit allen anbandelt.
Wir folgen dem Quartett bei den bekloppten Dreharbeiten, in denen Dementia ihre Opfer umwirft, mit einem Stein zu Brei schlägt oder mit einem Holzstab durchbohrt. Später kommt jemand, getränkt in literweise Tomatenketchup, am Set um, und die drei Freunde versuchen, die Leiche loszuwerden. „Die grausame Wahrheit ist: Der Mord hat dir gutgetan“, sagt jemand: ein Mord als – auch feministische – Emanzipation.
Wer sich als Zuschauer mit diesem Quatsch und dem experimentellen Laienmodus arrangieren kann, wird belohnt. Denn in dem Bestreben, vom Entstehen eines trashigen Undergroundstreifens zu erzählen, ist „Für immer 16“ in seiner anarchischen Selbstreflexion selbst einer. Mit seinem unangepassten Eigenbrötlertum macht der Film Spaß und ist zugleich vielschichtiger, als man anfangs meinen könnte. Ohne sich selbst zu ernst zu nehmen, stellt er sich gegen eine auf Warenförmigkeit gebürstete Mainstreamkultur. Für Subversion ist man nie zu alt, es lebe der Punk!
