
Es fing damit an, dass ein Schriftsteller, den ich nicht persönlich kannte, mich bei einer Party fragte, ob ich Wein möge. Ehrlich gesagt, habe ich jahrelang auf eine solche Frage gewartet, und so hat es mich nach Deidesheim verschlagen, eine alte Kleinstadt an der Weinstraße, mit 3700 Einwohnern, also ungefähr einem Tausendstel der Einwohnerzahl von Berlin oder meiner Heimatstadt Kiew.
Ich habe nur „Ja“ gesagt, und wurde zur Deidesheimer Turmschreiberin. Niemand weiß wirklich, was das bedeutet. Muss man über den Turm von Deidesheim schreiben? In dem Turm schreiben, mit Blick auf den Garten? Die Stadt verteidigen? Einfach Wein trinken? Klar ist nur, dass man in den Besitz eines Schlüssels, eines Turms, und in den Genuss von Wein kommen soll, fast dazu verpflichtet wird. Die Idee war so neu und so schräg, dass ich dachte: Die Zukunft findet doch statt.
Feiern in jeder Gasse
Noch nie war ich in der Pfalz. Weintrinken habe ich mir vor Jahren in Georgien prächtig antrainiert, auch selbst Wein produziert – eine uralte, tief in der Mythologie verankerte Tätigkeit. Ich habe zwölf Bücher mitgenommen und bin losgefahren. Ich kam ausgerechnet mitten in die Weinkerwe, ein Weinfest, das wie ein mittelalterlicher Karneval tobte. Die ganze kleine Stadt trank Schorle aus riesigen Schoppengläsern, an den Ständen an der „Woigass“, der pfälzischen Weingasse, in die sich die ganze Bahnhofstraße verwandelte. In den Weingütern, in den Höfen wurden lange Tische aufgestellt. Ich wurde mitgenommen, reingezogen. In jeder Gasse wurde Musik gespielt, die Deidesheimer vermischten sich mit zahlreichen Touristen, die Menge sah so gepflegt und sonnengebräunt aus, als hätte sie ein halbes Jahr auf Mallorca verbracht. Es ging nicht ohne Saumagen – und den bekam man irgendwie wirklich –, es wurde die lokale Hymne mit den „Desperados“, lokalen Altrockern, gesungen.
Die jungen Männer in Fracks und Zylindern, sogenannte Kerwebuwe, Junggesellen, sind so etwas wie Sicherheitskräfte, ein bisschen Zeremonienmeister und auch die Narren der Kerwe. Sie schützen junge Frauen (wurde mir erklärt, ich habe sie nur flirten sehen), singen pfälzische Lieder, und halten auf reinem Pfälzisch die Kerweredd, einen etwas spöttischen Kommentar zu den Ereignissen der Stadt und der Politik. Ich lernte noch die Deidesheimer Weinprinzessin kennen, dann die pfälzische Weinkönigin und dann den Bürgermeister, und sah, wie mein Leben sich, leicht benebelt, langsam ordnete.
Darf man sich vom Krieg „beurlauben“?
Es gab auch magische Anblicke. Zu Anfang der Kerwe haben die Buwen in der Mitte des Marktplatzes eine hohe Fichte aufgestellt, Kerwebaum genannt, mit einem langen Stamm und einer kleinen geschmückten Krone – sie sah wie eine Palme aus. Die Krone schwebte zwischen den Kirchentürmen und Sternen über der Stadt und segnete das Fest. Dabei ist das Ganze nicht ohne politische Träumerei, denn auf dem Marktplatz befindet sich das historische Rathaus und das berühmte Hotel „Deidesheimer Hof“, in dem Helmut Kohl Margaret Thatcher, Michail Gorbatschow und andere Politiker empfangen hat. Das ist nur eine historische Notiz, doch für mich wurde es plötzlich zu einer bitteren Erinnerung an die nun gescheiterten Visionen der Welt von damals.
Zufällig habe ich in der Mitte des Festes ein Buch Michael Gorbatschows aus dem Regal der Hotelbibliothek gezogen: „Nie wieder Krieg!“, von 2016. Hat der legendäre sowjetische Staatschef den damaligen Krieg nicht bemerkt? Ich fragte mich kurz, was ich hier tue, und ob ich vom heutigen Krieg, gerade jetzt, da es in den letzten Wochen dramatischer geworden ist, mich hier seelisch „beurlauben“ darf. Auch in Deidesheim habe ich hier und da ukrainische Geflüchtete und ihre Spuren gesehen: zwei Frauen aus Odessa, die im Café arbeiteten, auch hier gibt es Ukraine-Hilfe, dann sah ich in Winzereien den „Ukrainischen Honigkuchen“ – ja, bekanntlich bereichern Kriege das Kulinarische.
Am Ende der Kerwe wird der Baum mit vielen Sprüchen und Ritualen begleitet, von den Kerwebuwen zu den Klängen eines Blasorchesters abgesägt und wie ein hochgeehrter Toter zum Heimatabend ins Weingut Winning gebracht. Aber das Leben geht weiter! Am Heimatabend ist die halbe Stadt dabei, Jung und Alt, in einen Hof des Weinguts hineingepresst, eine bunte Mischung von Menschen, die man sich in einer Großstadt kaum an einem Tisch vorstellen kann. Die Krone wird versteigert und die halbe Stadt nimmt an der Auktion teil. Das Geld geht an die Kerwebuwen, die zwei Wochen für das Fest „schuften“.
Die „symbolische“ Krone wird meistens von den großen Weingütern gekauft (in Deidesheim gibt es drei), aber in diesem Jahr war es ein Lehrer der lokalen Schule, der alle überbot und die Buwen in die Schule einlud, um den Kindern die pfälzischen Lieder beizubringen – eine geschickte Methode, um den Dialekt zu pflegen. Und obwohl ich wusste, dass ich nur eine Paradenseite des Lebens hier sehe, war ich kurz vom erstaunlichen Zusammenhalt der Gemeinde, vom Gefühl der Gemeinschaft ergriffen, das man aus einer großen Stadt kaum kennt.
