
Wem gehört der Dax? Auf die simple Frage gibt es eine einfache und eine verblüffende Antwort. Die einfache Antwort geht so: Der Deutsche Aktienindex ist eine eingetragene Marke der Deutschen Börse, die den Index berechnet und Geld damit verdient. Dieser Index hat seit seiner Gründung im Jahr 1988 im Prinzip keine großen Veränderungen erfahren mit einer Ausnahme: 2021 wurde die Zahl der im Dax enthaltenen Aktiengesellschaften von 30 auf 40 Mitglieder erweitert.
Damit könnte dieser Artikel enden, wenn es nicht auch eine überraschende Antwort geben würde. Die lautet so: Der Dax gehört in erster Linie Nordamerikanern.
Das bedarf der Erklärung. Jeder Investor auf der Welt kann die Aktien der 40 Dax-Konzerne kaufen. Das können Privatanleger sein, die auf einzelne Dax-Unternehmen setzen. Oder aber professionelle Investoren wie beispielsweise Fondsgesellschaften oder Staatsfonds. Das Verhältnis dieser beiden Gruppen neigt sich seit Jahren in Richtung der Profis: Gemessen am Wert der Aktien zum Ende des vergangenen Jahres gehören ihnen mehr als 60 Prozent der Anteile an den Dax-Konzernen. Auf Privatanleger entfallen hingegen nur vergleichsweise niedrige 16 Prozent. Der Rest entfällt beispielsweise auf Stiftungen oder Familien wie die VW-Eignerfamilien Porsche und Piëch.
Jetzt aber kommt die eigentliche Überraschung: Wer annimmt, dass vor allem deutsche Anbieter wie die Sparkassenfondsgesellschaft Deka oder die Deutsche-Bank-Fondsgesellschaft DWS in den Dax investieren, sieht sich getäuscht. Schaut man auf den Streubesitz, also die Menge frei handelbarer Dax-Aktien, halten deutsche Anbieter nur knapp zwölf Prozent der Anteile, die in Händen von institutionellen Anlegern wie Fondsgesellschaften sind. Fast 42 Prozent entfallen dagegen auf nordamerikanische Anbieter, rund zwanzig Prozent zudem auf Fondsgesellschaften, die vornehmlich in Großbritannien sitzen. Mit anderen Worten: Der Dax ist fest in internationaler Hand. Wenn also die Börsenkurse hierzulande ausschlagen, ist dies nicht unbedingt einer Laune deutscher Anleger geschuldet, sondern kann mit Entscheidungen zu tun haben, die irgendwo anders auf der Welt getroffen werden.
Frederik Frank, Analyst bei S&P Global Market Intelligence, ermittelt diese und viele andere Zahlen seit Jahren im Auftrag des Deutschen Investor Relations Verbands. Er hat neben der Zunahme internationaler Investoren noch einen zweiten Trend festgestellt: „Der Anteil passiver ETF-Anleger im Dax hat stark zugenommen.“ Solche ETF, die die Wertentwicklung des Dax einfach nachbilden, verwalteten Ende 2025 fast 30 Prozent der Gelder, die Profiinvestoren in Dax-Aktien investiert haben.
Die beiden Trends, stärkere Internationalität und mehr ETF, hängen eng miteinander zusammen. Denn die größten ETF-Anbieter stammen aus Amerika. Weit enteilt ist Blackrock, die größte Fondsgesellschaft der Welt, die mit ihrer Marke „iShares“ auch vielen deutschen ETF-Anlegern ein Begriff ist. Ihr Anteil am von professionellen Anlegern gehaltenen Streubesitz ist mit rund 13 Prozent mehr als viermal so hoch wie der Anteil der Deutschen Bank. Das zeigt, wie sich die Gewichte verschoben haben. Auch die Nummer zwei in der Liste, die Fondsgesellschaft Vanguard, stammt aus Amerika. Die erste europäische Fondsgesellschaft, der französische Anbieter Amundi, folgt mit deutlichem Abstand dahinter.
Für deutsche Privatanleger macht es letztlich keinen großen Unterschied, ob sie ihre Dax-Indexfonds nun bei einer deutschen oder einer amerikanischen Fondsgesellschaft kaufen. Für die Dax-Konzerne geht die Entwicklung zu mehr Internationalität und mehr ETF jedoch mit zwei Herausforderungen einher. Erstens: Wollen sie an der Börse Erfolg haben und zum Beispiel eine Kapitalerhöhung vornehmen, reicht es nicht, sich auf ein paar einheimische Investoren zu konzentrieren. Stattdessen müssen sie im Prinzip die ganze Welt ansprechen.
Das ist für die in aller Regel ohnehin international agierenden Dax-Unternehmen aber fast noch die leichtere Übung als Herausforderung Nummer zwei. Die formuliert S-&-P-Fachmann Frank so: „Der Wettbewerb um das Kapital aktiver Investoren nimmt zu, weil davon weniger zur Verfügung steht.“ Will ein Dax-Vorstandschef Investoren beispielsweise davon überzeugen, mehr in sein Unternehmen zu investieren, stößt er bei ETF-Anbietern auf taube Ohren, da diese rein den Index nachbilden und von sich aus keine zusätzlichen Aktien kaufen. Umso mehr muss ein Unternehmenschef sich bei den klassischen Investoren anstrengen, von denen es tendenziell immer weniger gibt.
Aber auch die ETF-Anbieter haben Ansprüche. Vielen ist beispielsweise daran gelegen, dass die Aktiengesellschaften in ihren Fonds sich an bestimmte Anforderungen im Bereich der Nachhaltigkeit halten. Das müssen die Konzerne sicherstellen, wenn sie die Unterstützung dieser neuen Art von Investoren nicht verlieren wollen.
Im Grunde können die Dax-Konzerne das große Interesse des Auslandes an ihren Aktien aber als Auszeichnung begreifen. Selbst große Staatsfonds wie aus Norwegen investieren ihr Geld noch immer gerne hierzulande. So schlimm kann es da um den Standort Deutschland nicht bestellt sein.
