
Beginnen wir die Vermögensfrage mit einem kleinen Quiz: Welcher deutsche Aktienindex hat sich seit 1999 am besten entwickelt? Der Dax ist es nicht. Es ist der M-Dax mit gut 700 Prozent Plus vor dem S-Dax mit gut 500 Prozent Plus, und dann kommt erst der Dax mit gut 300 Prozent Plus. Und welcher deutsche Aktienindex hat sich seit Anfang 2025 am besten entwickelt? Es ist wieder nicht der Dax, sondern dieses Mal mit plus 34 Prozent der S-Dax, gefolgt vom M-Dax mit plus 21 Prozent, dem Dax mit plus 20 Prozent und dem im Jahr 2003 gegründeten Tec-Dax mit plus zwölf Prozent.
Aber in welchen deutschen Aktienindex haben die meisten Anleger ihr Geld investiert? Es ist nicht der in der kurzen Frist führende S-Dax, und es ist nicht der langfristig führende M-Dax, und es ist auch nicht der womöglich zukunftsträchtige Tec-Dax. Nein, hier führt natürlich der Dax. Und zwar sehr deutlich. Allein 17 Milliarden Euro liegen in den drei größten ETF auf den Dax. Im M-Dax kommen die drei größten ETF auf rund 2,7 Milliarden Euro. Im Tec-Dax mangelt es schon daran, drei ETF zusammenzubekommen. Immerhin ist Marktführer iShares mit einem Produkt am Start und kommt auf mehr als 600 Millionen Euro, Amundi folgt mit mageren 80 Millionen Euro. Und im S-Dax ist Amundi nach der Übernahme von Lyxor allein auf weiter Flur mit seinem S-Dax-ETF und kommt gerade einmal auf 170 Millionen Euro Anlegergeld.
Der S-Dax zwischen Niedergang und Aufsteigern
Sind die Anleger also blöd? Warum übersehen sie einen der stärksten Indizes und lassen ihn links liegen? Und die meisten ETF-Anbieter auch? Höchste Zeit, die dritte deutsche Börsenliga nach Dax und M-Dax (M für mittelgroß) genauer zu beleuchten.
Den S-Dax (S für Small, also klein) schuf die Deutsche Börse im Boom des Jahres 1999, als der Telekom-Börsengang, der Dotcom-Hype und jede Menge neue Unternehmen an der Börse erstmals den deutschen Aktienmarkt stärker in den Fokus der Öffentlichkeit rückten. Auch diese Zeitung schuf in jener Zeit ein eigenes Buch (wie die einzelnen Teile der Zeitung genannt werden) für Finanzen-Berichterstattung.
Der S-Dax schaffte es seither jedoch nie aus dem Schatten der größeren und älteren Indizes. Ein vermeintlicher Nachteil ist, dass der Index eine Durchlaufstation für viele Unternehmen ist. Wer auf dem Weg zu wahrer Größe ist, der wird nicht lange im S-Dax bleiben und alsbald aufsteigen. Und wer im Niedergang begriffen ist, fällt irgendwann aus Dax und M-Dax zurück in den S-Dax.
Ursprüngliche Stärken des Kapitalmarkts
Während es also im Dax eine ganze Reihe an Gründungsmitgliedern gibt, die seit 1988 durchgehend im Dax enthalten waren, gibt es im S-Dax kein einziges solches Unternehmen seit 1999, obschon der Index mit 70 Mitgliedern viel größer ist als der Dax mit lange Zeit 30 und aktuell 40 Mitgliedern und der M-Dax mit 50 Mitgliedern.
Es gibt im S-Dax also keine identitätsstiftenden Unternehmen. KWS Saat ist seit 2006 dabei, Wacker Neuson und Patrizia Immobilien seit 2007, Hornbach und Cewe seit 2009 und SAF Holland seit 2010. 32 der 70 Unternehmen kamen indes erst in den vergangenen zwei Jahren hinzu.
Wer in den S-Dax investiert, muss also davon ausgehen, ein sich stark wandelndes Portfolio im Depot zu haben. Schlecht war das für die Anleger unterm Strich nicht. Der Index hat noch etwas Ursprüngliches, Facetten, die den Aktienmarkt einst ausgemacht haben.
Die Anleger investieren ganz bewusst in die S-Dax-Unternehmen
In Dax-Unternehmen investiert ein Großteil der Anleger, weil sie eben im Dax sind und damit Teil der ETF auf den Dax, oft auch im Euro Stoxx 50 und Teil des MSCI World. In die S-Dax-Unternehmen investieren die Anleger hingegen, weil sie vom Unternehmen selbst überzeugt sind. „Passive“ ETF-Gelder gibt es hier fast keine.
Anfang dieser Woche fand in Frankfurt wieder die Frühjahrskonferenz des Equity Forums statt. Dort stellen sich Dutzende kleinere börsennotierte Unternehmen der Öffentlichkeit vor. Die Vorstandsvorsitzenden sitzen bereit zu zahlreichen Einzelgesprächen mit Analysten, Fondsmanagern und Journalisten und präsentieren ihre Unternehmen. Die F.A.Z. ist seit vielen Jahren reger Nutzer dieses Formats.
Und anders als auf den Roadshows der großen Konzerne, die durch die Welt ziehen und ihre Anleger besuchen, kommen hier die Anleger zu den Unternehmen, weil sie sich für diese interessieren. Auf die meisten davon schaut kaum ein Fondsmanager, nur ganz wenige Analysten, und sie stehen auch nur selten im Fokus der Öffentlichkeit. Hier ist es möglich, in der Analyse noch echten Mehrwert zu entdecken, während bei Großkonzernen jede Silbe der Geschäftsberichte von Dutzenden Analysten und Fondsmanagern bis zur letzten Bilanzkennziffer hin durchgearbeitet worden ist und kaum mehr etwas entdeckt werden kann, was nicht andere längst gesehen haben.
Geldanlage im S-Dax ist also mühsamer, aber auch chancenreicher. Wer einfach in den Index investiert, bekommt unter der Wertpapierkennnummer ETF195 von Amundi alle 70 Werte des S-Dax physisch repliziert (alle Werte also tatsächlich gekauft) und die Dividenden regelmäßig ausgeschüttet. Die jährliche Gebühr beträgt derzeit 0,7 Prozent, liegt also höher als bei Dax (rund 0,1 Prozent) und M-Dax (rund 0,2 Prozent).
Viel KI und Halbleiter im Index
Größter Wert war zuletzt Alzchem mit 3,3 Prozent Gewicht vor Elmos Semiconductor mit 3,2 Prozent und Suss Microtec mit 2,9 Prozent. Damit wären wir auch gleich bei Themen, die den S-Dax in den vergangenen beiden Jahren haben besser laufen lassen als den Dax und den M-Dax.
Der Aktienkurs von Alzchem hat sich binnen gut zwei Jahren versechsfacht. Dem Spezialchemieteil der ehemaligen SKW Trostberg konnte auch im jüngsten Quartalsbericht aus dem bayerischen Trostberg bescheinigt werden, dass das „Spezialchemiegeschäft von einem starken Lauf unter anderem bei Kreatin-Produkten als Nahrungsergänzungsmittel für Sportler und guten Geschäften mit dem Sprengstoff Nitroguanidin für die Rüstungsindustrie“ getragen wurde. Beide Trends sind intakt, der Aktienkurs scheint seinen steilsten Lauf aber erst einmal hinter sich zu haben.
Elmos Semiconductor hatte zwar zuletzt auch einen Rücksetzer im Aktienkurs von zehn Prozent, da zwei Großaktionäre Teile ihrer Aktien verkauft haben, doch der Kurstrend zeigt noch steil nach oben. Elmos gehört zu jenen Werten im S-Dax, die stark vom Trend zur Künstlichen Intelligenz und dem damit verbundenen Aufschwung der Halbleiterbranche profitieren. Vergangene Woche konnte Elmos mit Sitz in Dortmund seine Jahresziele für 2026 anheben. Für Anfang Mai ein ungewöhnliches Signal. Auch Suss Microtec aus Garching profitiert vom Halbleiteraufschwung mit hohen Kursgewinnen.
Mit Blick auf die Gewinner der vergangenen eineinhalb Jahre liegen aber andere Werte vorne. SMA Solar musste 2024 wegen Kursschwäche aus dem M-Dax absteigen, findet aber nicht erst seit der Rückbesinnung auf Wind und Solar durch den Irankrieg regen Anklang bei den Anlegern, sondern auch dank der Aussicht auf eine Trendwende in dem zwischenzeitlich arg gebeutelten Geschäft.
Auch Hoffnungen prägen den Index
Auf Rang zwei liegt mit Verbio ebenfalls ein Wert aus dem Bereich der erneuerbaren Energien. Rang drei in der Wertentwicklung erreichte PVA Tepla, die wir im April 2025 als „KI-Schnäppchen aus Mittelhessen“ ausführlicher vorstellten und die seither einen sehr regen Kursaufschwung nehmen. Die Anlagen zur Halbleiteranalyse und vielen anderen Anwendungen werden an die meisten der größten KI-Chip-Hersteller geliefert – insbesondere nach Taiwan und Südkorea, und es bahnen sich weitere Partnerschaften mit den größten Herstellern der Welt an.
Solche Aufsteigergeschichten finden sich in größerer Zahl im S-Dax als in etablierten Indizes wie dem Dax. Selbstredend besteht der S-Dax aber längst nicht nur aus solchen Titeln. Er ist ein Auffangbecken einiger tief gefallener Größen. Pro Sieben Sat. 1 sackte als ehemaliger Dax-Wert 2023 in den S-Dax. Der Kursverfall setzte sich anschließend fort. Die Fragezeichen hinter dem Geschäftsmodell, das stark von rückläufiger Fernsehwerbung abhängt, sind nicht kleiner geworden.
Das geht auch Hello Fresh so, ebenfalls ehemaliger Dax-Wert, der nun seit Dezember im S-Dax ist. Allerdings haben sowohl Pro Sieben Sat. 1 als auch Hello Fresh den wohl größten Teil ihrer Kursstürze schon hinter sich. Wer in den S-Dax investiert, kauft damit immer auch ein wenig die Hoffnung auf einen neuen Aufschwung gefallener Größen.
Das Unternehmen Auto1 hat sich im S-Dax hervorragend erholt und ist in den M-Dax zurückgekehrt, Bilfinger auch. Die Rüstungswerte Renk und Hensoldt haben ihren Aufschwung im S-Dax begonnen. Das war sehr gut für den Index. Ein bisschen Wehmut ist aber auch immer dabei, wenn sich die im S-Dax begonnene Entwicklung dann woanders fortsetzt und wie im Fall von Hochtief nach dem Aufstieg aus dem S-Dax in den M-Dax dann dort auch noch beschleunigt.
Eine der Grundregeln an der Börse ist aber, nicht vergebenen Chancen lange nachzutrauern, sondern sich der täglich neu ergebenden Chancen zu erfreuen. Wer in den S-Dax investiert, bekommt eine bunte Mischung. Er bekommt auch eine breite Streuung. Die größten Titel haben gerade einmal drei Prozent Gewicht. Das ist auch der Konstruktion geschuldet, die wertvollsten Werte früher oder später nach oben in den M-Dax abgeben zu müssen.
Wer in den S-Dax investiert, kauft aber auch eine Perspektive, die zuletzt immer häufiger geäußert wurde: dass der sehr starke Fokus der Anleger auf die großen Indizes, in die Monat für Monat Unmengen der ETF-Gelder fließen, dass sich dieser Fokus verändert. KI bleibt ein Thema, die Anleger setzen aber längst nicht mehr nur auf Nvidia und TSMC, sondern schauen auch in die Reihen zwei und drei, die von den immensen Investitionen der großen Unternehmen Google, Microsoft, Amazon und Meta getätigt werden. Von den 600 Milliarden Dollar, die allein dieses Jahr investiert werden sollen, profitieren eben auch S-Dax-Werte. Und während eine Milliarde für Nvidia mittlerweile Peanuts sind, übersteigt das den Jahresumsatz der meisten S-Dax-Werte, und die Perspektive auf große Aufträge führt zu Kursverdopplungen.
Die wieder stärkere Hinwendung zu kleineren Börsenwerten ist eine große Chance für den S-Dax. Mit Blick auf die schwachen Jahre 2022, 2023 und 2024 besteht noch Aufholpotential in der Bewertung. Gerade mal vier Milliarden Euro Börsenwert haben die größten Titel Ottobock, Springer Nature, 1&1 und Fielmann. Am unteren Rande geht es runter auf 300 bis 400 Millionen Euro. Die einzige deutsche Fußball-Aktie Borussia Dortmund liegt bei dieser Größe. Noch knapp vor der Verve Group, die mit der Vermarktung von Onlinewerbung und Spielen ihr Geld verdient und in New York und Stockholm ihre wichtigsten Büros hat. Hatten wir erwähnt, wie bunt der S-Dax ist?
