Als der Verband der Redenschreiber vor fünf Jahren die Auftritte der Vorstandsvorsitzenden der Dax-Unternehmen auf den damals virtuell stattfindenden Hauptversammlungen analysiert hatte, hagelte es noch eine gehörige Portion Spott: Viele Spitzenmanager stünden „wie angewurzelt an ihrem Pult“ und neigten auch noch dazu, langatmig von den eigenen Erfolgen zu berichten.
Seither aber hat sich einiges getan. 22 der 40 Dax-Hauptversammlungen fanden in diesem Jahr in Präsenz statt. Diese Rückkehr auf die Bühne vor Livepublikum habe der Rhetorik gutgetan: „Das Dax-40-Topmanagement bewegt sich auf der Bühne durchweg besser, bunter und rhetorisch durchdachter als noch vor einigen Jahren“, heißt es in der aktuellen Analyse der diesjährigen Hauptversammlungsreden des Verbandes der Redenschreiber deutscher Sprache (VRdS) zur Vergabe ihres jährlichen Preises für Wirtschaftsrhetorik.
Timotheus Höttges gefällt am besten
Immer mehr Redner bemühten sich, abstrakte Aussagen zu veranschaulichen und reinen Managerjargon zu vermeiden. „Filme, Videos, Requisiten oder direkte Mitarbeitergespräche machen abstrakte Themen wie 5-G-Netze, Kautschukelemente, Moleküle, KI-Fabriken und Ähnliches fühlbar, sichtbar, spürbar, unterhaltsamer und menschlich.“ Die Vorstände haben aus den tristen Hauptversammlungen der Pandemie-Zeit offenbar gelernt.
Am besten gefällt den Redenprofis schon seit Jahren Telekom-Chef Timotheus Höttges. Auch in diesem Jahr habe er auf der Hauptversammlung in Bonn Anfang April wieder eine erstklassige Rede gehalten. Weil er aber schon fünfmal den ersten Platz gewann, hat sich der Verband vor einigen Jahren entschieden, die Regeln so zu ändern, dass alle, die dreimal hintereinander den ersten Platz belegen, nur noch außer Konkurrenz bewertet werden.
Seit 2023 wird der Preis in drei Kategorien vergeben: beste Rhetorik, bester Auftritt und zudem jährlich ein wechselndes Thema – in diesem Jahr fiel die Wahl auf den „menschlichen Faktor“. Als besten Rhetoriker würdigten die Redenschreiber 2026 Infineon-Chef Jochen Hanebeck. Er überzeugte die sechsköpfige Jury durch einen exzellenten Aufbau seiner Rede, verständliche Sprache und Bilder sowie ein angenehmes Redetempo, zudem verstehe er souverän die „Kunst der Pause“. Er schaffe es, auch in schwierigen Zeiten Zuversicht zu vermitteln, ohne zu beschönigen.

In der Kategorie „bester Auftritt“ verteidigte Siemens-Energy-Chef Christian Bruch seinen Titel aus dem Vorjahr. In diesem Jahr fand die Hauptversammlung des Unternehmens im Februar erstmals seit der Pandemie wieder vor Publikum statt. Der Jury gefiel schon der filmische Einstieg in seine Rede. In der letzten Filmszene wird Bruch in seinem Büro gezeigt, wie er gerade ein Telefonat beendet und den Raum verlässt – im selben Moment beginnt sein Liveauftritt vor Aktionären in Berlin.
Warnung vor voreiliger Entrüstung wegen KI
Dem originellen Einstieg sei eine abwechslungsreiche und immer wieder auch humorvolle Rede gefolgt, unterbrochen zwar durch weitere Videoeinspielungen, die aber „kein Selbstzweck seien“, sondern der Verständlichkeit dienten. Überhaupt stellte die Jury fest, dass in diesem Jahr auf den Aktionärstreffen „auch die Abkehr von genialen Showeffekten, multimedialem Storytelling oder dynamisch-tigernder Körpersprache“ zu beobachten war. VRdS-Präsident Peter Sprong sieht dahinter ein „wachsendes Vertrauen in die Überzeugungskraft guter Argumente“.

In der diesjährigen Sonderkategorie „menschlicher Faktor“ gewann schließlich der erst seit einem Jahr amtierende Vorstandsvorsitzende des Versicherungskonzerns Hannover Rück, Clemens Jungsthöfel. Über seine Rede urteilten die Profiredner: „Unaufgeregt, präzise, konzentriert und glaubwürdig und mit einer Portion schelmischem Charme.“ Man sehe ihm die Freude am Sprechen an. Dem Manager sei es zudem beim Thema Künstliche Intelligenz (KI) elegant gelungen, Ängste vor Veränderung in Zuversicht zu verwandeln.
Angesichts der aktuellen Debatte, inwiefern KI beim Erstellen einer Rede genutzt werden darf, warnen die Redenschreiber vor voreiliger moralischer Entrüstung. Sie sei zumindest „undifferenziert“ und letztlich eine Folge überzogener Erwartungen. Schon vor dem Aufkommen der KI seien in die Reden von Politikern und Wirtschaftsbossen nicht nur die eigenen Gedanken des Redners eingeflossen. Jeder wisse, dass im Hintergrund seit Jahrzehnten Redenschreiber am Werk sind, anders sei das Pensum bei der Vielzahl der zu haltenden Reden gar nicht zu stemmen.
„Dass jetzt auch KI an der Erstellung einer Rede mitwirkt, ist an sich nicht schlimm“, sagte Verbandspräsident Sprong der F.A.Z. „Das Verwenden der KI ist kein Zeichen geistiger Faulheit – im Gegenteil: Ohne substanziellen gedanklichen Input kann auch die KI nichts Vernünftiges formulieren.“
Die Vorstellung, dass jemand mit wenigen Klicks eine gute Rede mithilfe einer KI erstelle, sei abwegig. Wichtig sei, dass die Technik überlegt eingesetzt wird und der Redner am Ende das Ergebnis verantwortet. Auch im KI-Zeitalter halten die Redenschreiber an ihrer Faustregel fest, wonach eine Minute Redezeit ganz grob eine Stunde Arbeit benötigt – bei wichtigen Reden deutlich mehr.
Für Dax-Chefs ist die Rede auf dem Aktionärstreffen einer der wichtigsten öffentlichen Auftritte im Jahr. Eine solche Rede entstehe in einem mehrmonatigen Prozess, in den etliche Menschen eingebunden seien, erläutert Sprong. Auch wenn externe Redenschreiber beteiligt seien, gebe es über Wochen immer wieder schriftliche und mündliche Briefings. Im Normalfall geben die Unternehmen das grundsätzliche Narrativ vor. Auch nachdem die ersten Ideen ausformuliert worden seien, werde die Rede immer wieder angefasst, optimiert und geprüft, ob Zahlen und Fakten das Narrativ tatsächlich stützen. „Es ist nicht unüblich, dass es am Ende eine zweistellige Zahl an Versionen der Rede gibt“, sagt Sprong.
Der Juryvorsitzende, der Berliner Redenschreiber Christoph Schlegel, sieht die eigene Zunft in einem Dilemma. „Die KI kopiert viele bewährte rhetorische Stilmittel“, sagt Schlegel, weil sie diese Figuren aus ihren Trainingsdaten erlernt habe. Als Redenschreiber habe man daher neuerdings fast manchmal Scheu, altbewährte Stilmittel wie Anaphern, also Wortwiederholungen am Satzanfang, einzusetzen, weil sie schnell den Verdacht aufbrächten, aus der Feder einer KI zu stammen.
Ob eine KI-Kennzeichnungspflicht sinnvoll ist? Beide Redenschreiber winken ab. „In naher Zukunft wird ohnehin niemand mehr aufrichtig schreiben können, dass ein Text komplett ohne Hilfe von KI entstanden ist“, sagt Sprong: „KI-Hilfe wird so selbstverständlich sein wie das Nutzen eines Textverarbeitungsprogramms.“
