Nick Hornby unterteilt seine Karriere in die Zeit, bevor, und in die, nachdem er Dave Eggers traf. Danach sei er viel gereist, habe kaum noch Zeit gehabt, sagt er. Wo die erste Begegnung stattfand, weiß keiner der beiden Autoren mehr so richtig. Aber Eggers erinnert sich noch an das erste von vielen gemeinsamen Projekten: Hornby hatte ihn gebeten, eine Kurzgeschichte zu seinem Buchprojekt „Speaking with the Angel“ beizusteuern, mit dem er Geld für Kinder im Autismusspektrum sammeln wollte. Es sei seine erste Kurzgeschichte gewesen, sagt Eggers, womöglich sogar sein erster rein fiktionaler Text. Außerdem habe er zum ersten Mal erlebt, dass ein Buch für einen wohltätigen Zweck geschrieben wird. Insofern sei es wohl eher der 13 Jahre ältere Hornby, unter anderem bekannt für „High Fidelity“ und „About a Boy“, der ihn geprägt habe.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Mehr als ein Vierteljahrhundert ist das jetzt her, so lange schon verbindet den Amerikaner und den Briten eine enge Freundschaft. Philanthropisches Engagement ist auch für Eggers zu einem zentralen Pfeiler seines Schaffens geworden. Er hat zahlreiche Kinder- und Erwachsenenbücher geschrieben, darunter die Dystopie „Der Circle“ (2013), die mit Emma Watson in der Hauptrolle verfilmt wurde. Nach Erscheinen des Fortsetzungsbandes „Every“ 2021 war es zuletzt etwas stiller um Eggers geworden.
Vielleicht liegt es daran, dass die gemeinsame Vorstellung von dessen neuem Roman „Contrapposto“ an diesem Juliabend weniger Menschen ins Londoner Southbank Centre zieht als erwartet. Ursprünglich sollten Eggers und Hornby ihr Gespräch in der Queen Elizabeth Hall führen, die rund 900 Sitze bietet. Der Ausweichsaal im obersten Stock des Kunstzentrums an der Themse kommt dagegen nur auf ein Viertel der Zuschauerzahl. Vielleicht hängt der geringere Andrang aber auch mit der Fußball-Weltmeisterschaft zusammen: Am selben Abend spielen die Engländer gegen die Demokratische Republik Kongo.
Lebenslange Freundschaft
Dass die Atmosphäre aufgrund dieser Umstände etwas intimer anmutet, kommt Eggers wahrscheinlich sogar gelegen. Noch lieber, als in ein Mikrofon zu sprechen, sitze er Menschen im Gespräch an einem Tisch gegenüber, sagt er über sich. Er schätzt die authentische zwischenmenschliche Begegnung. Wer Interviews mit dem 56 Jahre alten Schriftsteller gelesen hat oder „Der Circle“ kennt, weiß auch um seine ausgeprägte Technologieverdrossenheit: In der Vergangenheit hat Eggers immer wieder stolz behauptet, keine E-Mail-Adresse zu besitzen oder nur über ein Klapphandy erreichbar zu sein. Entsprechend plakativ empfanden manche Kritiker den Roman über ein fiktives Techunternehmen, das Transparenz und digitalen Fortschritt in totale Überwachung kippen lässt. Eggers humanistische Überzeugungen spiegeln sich in allem, was er tut.

Nun hat er ein Buch über Kunst geschrieben. „Contrapposto“ begleitet die lebenslange Freundschaft zwischen den zwei sehr verschiedenen Künstlern Cricket (englisch für „Grille“) und Olympia, von Beginn in ihrer Kindheit an. „Sie ist ein Jahr älter, deutlich weltgewandter, eloquenter, klüger und in sich ruhend“, erzählt Eggers in London. „Er liebt es zu zeichnen, aber von anderen Dingen versteht er nicht viel.“ Die Beziehung der beiden ist wechselhaft, immer wieder auch liebevoll, stets loyal. Trotzdem wird sie begleitet von einem Ungleichgewicht – obwohl Olympia an Crickets Talent als Künstler glaubt, ihn ermutigt und inspiriert, bleibt sie doch außer Reichweite für ihn.
„Was mich überrascht hat“, sagt Hornby, „ist die Tatsache, dass Cricket kein erfolgreicher Künstler wird.“ Cricket hat eine natürliche Begabung, aber anders als Olympia weiß er nicht, was es braucht, um sich in der Kunstwelt zu behaupten. Man fragt sich, ob Eggers sprechende Namen im Sinn hatte: Olympia, die Himmlische, Ruhmreiche, und Cricket, die Grille, die den ganzen Sommer über singt und dabei den Fehler begeht, sich nur auf ihr Talent zu verlassen.
Jeder kann das Schreiben lernen
In „Contrapposto“ erforscht Eggers die Reibungspunkte von Kreativität, Talent und Erfolg. Am wichtigsten sei jedoch, dass Menschen überhaupt künstlerisch tätig seien und sich dafür interessierten, was andere Menschen mit ihren eigenen Händen schaffen, findet er. Vor 25 Jahren gründete er deshalb „826 Valencia“, ein Lernzentrum, in dem benachteiligten Kindern und Jugendlichen die Freude am Schreiben vermittelt wird. Heute gibt es 74 solcher Lernzentren an verschiedenen Orten der Welt. „Schreiben ist die am einfachsten lehr- und lernbare Kunstform“, sagt Eggers. Man müsse die jungen Menschen immer wieder dazu ermutigen, sich auszuprobieren, dann würden sie besser.
Eggers liest aus einer Szene, in der Professoren an der Kunsthochschule die Arbeit der Studenten mit unerbittlicher Schärfe kritisieren. Er glaube, nein, hoffe, die einst kannibalische Atmosphäre an den Kunsthochschulen sei inzwischen konstruktiver, sagt er. Vor vielen Jahren habe auch er Kunst studiert, allerdings nicht sehr lang und nicht sehr erfolgreich. Doch die Freude am Aktzeichnen, die er in dieser Zeit für sich entdeckte, habe er sich bewahrt. Einige seiner Zeichnungen, filigrane Abbildungen von Körpern und Köpfen, haben ihren Weg in den Roman gefunden. Eigentlich habe er sie Cricket zuschreiben wollen, sagt Eggers, doch irgendwie sei das bei der Produktion des Buches untergegangen.
Das Aktzeichnen inspirierte Eggers letztlich auch zur Wahl des Buchtitels. „Contrapposto“ ist ein Prinzip aus der Malerei und Bildhauerei, das schon Michelangelo für sich nutzte: Die stehende Figur wird dabei mit einem leicht nach vorne gebeugten Bein dargestellt, ihr Gewicht lagert auf dem Standbein. Auf diese Weise erscheint sie lebendiger und weniger statisch. Dieses Bild scheint passend für Eggers’ neues Buch, das von all dem handelt, was uns menschlich macht: Individualität, Kreativität, Freundschaft.
Es überrascht, dass an diesem Abend nicht ein einziges Mal von der Künstlichen Intelligenz und ihren Gefahren gesprochen wird. Anstatt einem nur zu erwartbaren Kulturpessimismus zu verfallen, tritt Eggers optimistisch auf, hoffnungsvoll und tief überzeugt von seiner Begeisterung für menschliches Schaffen. Vor diesem Hintergrund eröffnet der Titel seines Buches eine zweite Bedeutungsebene: „Contrapposto“ kommt aus dem Italienischen und bedeutet wörtlich übersetzt so viel wie „Gegenstück“. Nach den verstörenden Zukunftsdystopien „Der Circle“ und „Every“ ist ihm genau das gelungen: ein Gegenstück zu schaffen zu der Angst, eines Tages unsere Menschlichkeit zugunsten der Technik aufzugeben. Dave Eggers weiß: Wir tragen sie in uns.
Dave Eggers: „Contrapposto“. Aus dem Englischen von Andrea O’Brien. Verlag Kiepenheuer & Witsch, 496 Seiten, 25 Euro (erscheint am 9. Juli).
