Wo die zwanzig Kilometer zum Messegelände zwei Stunden mit dem Bus dauern, wo sich Autos in alle Richtungen stauen, da kommt schon die Idee auf: Es ist zu viel. Trotz breiter Spuren, Brücken darüber und noch mal Brücken über den Brücken. 20 Millionen Einwohner zählt der Raum Peking, und der Stillstand ist alltäglich, allnächtlich auch. Die Zulassungen von Neuwagen sind deshalb seit einigen Jahren beschränkt, es werden jährlich nur 100.000 neue Zulassungen ausgegeben, von denen 60.000 Elektroautos sein müssen. Mit einem solchen grünen Nummernschild fahren einige dem Stillstand durch ein Ausweichen auf den Mofa-Fahrrad-Weg davon, ob das erlaubt ist, haben wir nicht rausbekommen. Manche Verkehrssituation wirkt hanebüchen, manchmal wird gehupt, meist entzerrt sich alles irgendwie ohne Gebrüll oder Zank. Die Sea of Sameness auf chinesischen Straßen manifestiert sich in Schräghecklimousinen, Vans und SUV, die außen alle irgendwie gleich aussehen, innen die immer gleichen zwei Bildschirme und zwei Handyladeschalen haben. Und doch von mehr als 100 einheimischen Marken stammen.

So weitergehen kann das nicht, die Regierung geht jetzt plötzlich gegen die von ihr lange geförderten Subventionen vor. Zu viel Geld wird versenkt in den Provinzen, die alle Teil des fulminanten Aufschwungs in die Elektroauto-Ära sein wollen. Koste es, was es wolle. Doch die Verluste tun den Staatskassen weh, das Geld wird andernorts gebraucht. Und so wird sich die Spreu vom Weizen trennen. Irgendwann.

Dieses Jahr findet die China Auto Show in Peking statt, im Wechsel mit Shanghai, und man darf getrost konstatieren: Was mal die IAA in Frankfurt war, ist jetzt die China Auto Show. Ja, es war schon mal mehr Spektakel, die Gamechanger fehlen ebenso wie völlig ausgeflippte Studien. Aber überall lautet die Botschaft: Wo wir sind, ist jetzt vorn. Und wenn es das noch nicht ist, dann arbeiten wir weiter an diesem Ziel.

In den Hallen ist es enorm warm. Wir hegen den Verdacht, dass wegen der militärischen Spannungen auch hier Energie gespart werden muss. Klimaanlagen stehen nicht auf 19, sondern auf 23,5 Grad, tatsächlich ist es stickiger. Egal, es wird aufgetrumpft. Die Stände der lokalen Größen wie Geely, Great Wall oder BYD sind gigantisch, der Besucherandrang bemerkenswert, wobei zur Wahrheit gehört, dass sich chinesische Hersteller wie selbstverständlich Influencer und Content Creator einkaufen, damit am Stand und zur Pressekonferenz auch richtig was los ist. Gilt es, eine Weltpremiere in Szene zu setzen, fordern die Vorstände gern 1000 Gäste aus dem Bereich Medien, sonst gilt das Event als unterbesetzt.
In den Messehallen werden heuer mehr als 150 Premieren gefeiert, und China dominiert in China. Das ist eigentlich kein Wunder, aber doch ein Wandel. Es wirkt gar ein wenig bedrückend für den aus Deutschland angereisten Besucher, wie blass die eigenen Hersteller in der asiatischen Glitzerwelt daherkommen. Porsche legt nach dem Urteil lokaler Beobachter mit seinem neuen Chef einen ungelenk steifen Auftritt hin. Mercedes-Benz zeigt nicht mehr als ein Facelift der S-Klasse und die Langversion des GLC. BMW verlängert iX3 und i3 und wertet den i7 auf. Früher war mehr Lametta. Soll es trösten, dass am leer gefegten Stand von Ford der Eindruck entsteht, die Zeit sei angehalten?

Einzig VW scheint sich mit gewissem Enthusiasmus zu wehren. Es gibt aus dem Hause drei frische Modelle, auch einen weiteren Audi ohne Ringe und einen vollelektrischen Jetta, der als stabiles SUV von 2027/28 an für umgerechnet 12.000 bis 15.000 Euro die Rolle eines, wenn man so will, Dacia auf chinesischem Boden spielen soll. Sieht gut gemacht aus.
Ob das genügen wird? China ist mit spürbarem Mut der Tüchtigen unterwegs. Wohl wissend, dass die Arbeitsbedingungen oft arg fordernd, wahrscheinlich auslaugend sind. Man wird sich an Marken gewöhnen dürfen, die vor Kurzem noch niemand bei uns kannte.

Leapmotor ist so eine, zum Opel-Fiat-Jeep-Peugeot-Konglomerat Stellantis gehörig und offenbar gewillt, aus der Juniorrolle herauszuwachsen, und zwar mit China-Speed und China-Selbstvertrauen. Sagt der Chef und Gründer Jiangming Zhu: „Vor zwanzig Jahren haben wir versucht, Verbrennungsmotoren zu bauen, aber gegen die Kenntnisse im Motoren- und Getriebebau der europäischen Hersteller nie eine echte Chance gehabt. Im Elektroautozeitalter drehen die Kräfteverhältnisse. Denn wir haben die komplette Wertschöpfungskette in China, machen die Akkus, die Zellen, die Maschinen in den Fabriken und die Forschung und die Rohstoffe.“ Damit wäre geklärt, wer die neue Macht im neuen Zeitalter ist. So denn der ruinöse Wettbewerb nicht den einen oder anderen wegspült, Verluste sind allgegenwärtig. Zhu taxiert die erforderliche Produktionsmenge, um zu überleben, auf 3,5 Millionen Autos im Jahr. Leapmotor will dieses Jahr eine Million schaffen, was freilich eine Verdoppelung zum Vorjahr wäre, wo der Absatz auch schon verdoppelt wurde.

Wir würden wetten, dass die batterieelektrischen Kenntnisse aus dem fernen China alsbald ganz nah bei Opel oder Fiat zu sehen sein werden. Grundsätzlich gilt als Hausnummer: Ein Auto gleicher Leistung und Ausstattung kostet in China die Hälfte eines in Europa offerierten.

Nun ist Peking nicht alles. In der Hauptstadt brauchen die Autos Sofa, Kühlschrank, Fernseher. Einen lokal emissionsfreien Antrieb, einen leisen Motor. In den Regionen aber sind noch viele Verbrenner gefragt, robuste, günstige Begleiter, das ist noch eine andere Welt. Wie schnell sich beide Welten angleichen werden? Die Batterieentwickler jedenfalls eilen zu immer neuen Höhen, BYD zeigt die Möglichkeit, mit 1 MW und mehr schnell zu laden. Dann gilt: fünf Minuten von zehn auf 70 Prozent Ladestand, neun Minuten von zehn auf 97 Prozent. Und weil Akkus bekanntlich in der Kälte einbrechen, wird gerade auf diesem Feld geforscht und entwickelt. Ergebnis: Bei minus 30 Grad dauert die Prozedur nicht mehr doppelt so lang, sondern nur noch drei Minuten länger. Von den Kosten ist noch keine Rede, aber es wird gezeigt, was greifbar erscheint. Schon gerät man in Bereiche, in denen die Frage aufkommt: Braucht es das noch, oder genügen nicht Geschwindigkeiten um 500 kW, wenn das Plateau gleichmäßig hoch anliegt?

Zeit zum Träumen soll auch bleiben bei all den eher nüchternen Anstrengungen. Denza zeigt ein elektrisch angetriebenes Cabriolet als 2+2-Sitzer, ist das nicht unfassbar unter Pekings Smog und Sonne? Smart bringt unter nunmehr weitgehend chinesischem Dach den Zweisitzer zurück, natürlich auch vollelektrisch, kurz und gut.
Allesamt erfasst derweil ein türkisblaues Fieber. Fährt nämlich ein Auto eher vom Computer gesteuert als vom Fahrer, der im Reich der Mitte sowieso viel zu tun hat an seinem Handy, dann leuchten fortan vorne wie hinten oder in den Außenspiegeln türkisblaue LEDs. Der Fortschritt ist halt keine Schnecke. Obwohl, ein bisschen schon. Der Heimweg von der Messe ins Hotel hat wieder zwei Stunden gedauert, Bus, Diesel, handgeschaltet.
