Um es gleich vorweg zu sagen: Das, was man hier zu sehen bekommt, gehört zum Besten, was derzeit auf deutschsprachigen Bühnen zu erleben ist. Das ist so konzentriert auf die Kunst des Schauspielens, so unabhängig von den Tagesthemen, so unumwunden komisch und tragisch, dass man gebannt im Stuhl sitzt und nirgendwo sonst sein möchte als hier: in Hamburg, im Schauspielhaus, wo vom Größten und Schrecklichsten zugleich gehandelt wird.
Es geht in dem neuen Hamburger Antiken-Projekt um die Argonauten und um Medea, um Sagen und Sorgen, um Abenteuerfahrt, Heimkehr und Hinterlist. Es geht um Heldendrang und Verzweiflungstaten, um Versprechen, Betrug und um das, was bleibt, wenn Menschen ihre Fassung verlieren. Aber vor allem geht es um das Verhältnis zwischen dem, was hier ist, und dem, was dort verborgen scheint. Es geht um die Fremdheit der Sonne, um ihren versengenden Glanz, der helle Liebe vortäuscht, aber in Wahrheit düsterste Zerstörung bringt.
Ein breites Grinsen führt in die Katastrophe
Die Sonne ist nicht nur ein ferner Stern, sie ist auch das Antlitz des Gegenübers, in dem man verzweifelt nach Spuren von Wahrheit sucht. Nach Vorzeichen des Vertrauens, an die man sich halten, von denen man ausgehen kann. In dieser chaotischen Welt, in dieser verlorenen Stimmung kann ein plötzlicher Augenaufschlag schon Rettung sein. Und ein breites Grinsen unaufhaltsam in die Katastrophe führen.
Als Iason zum ersten Mal auftritt, zu Beginn dieses mehrteiligen Theatermarathons, da lächelt er unverschämt ausdauernd. Im blutroten Kleid, mit verschmitztem Schnurrbart, schreitet er von hinten über die düstere Bühne nach vorne und strahlt bis über beide Ohren. Die Erwartung erleuchtet sein Gesicht, die Vorfreude auf eine große Heldentat sprengt alle Schminke.
Als Iason zum letzten Mal auftritt, am Ende dieses antiken Seriendramas, kann er vor Schluchzen kaum mehr Luft holen, da verbirgt er sein vom Schmerz verzogenes Gesicht, da zuckt sein Mund hilflos, da finden seine Augen keinen Halt mehr. Ein schreiendes Schluchzen ist, was Devid Striesow als gefallenem Helden am Grab seiner hingemordeten Söhne übrig bleibt, um sich auszudrücken. Die Sonne hat sich als schwarzes Loch erwiesen, in das alles Glück der Welt hinabstürzt.

„Fremde Sonne“ heißt das neue großartige Antiken-Projekt am Hamburger Schauspielhaus. Es handelt vom ersten Restitutionsfall der mythischen Menschheitsgeschichte – der Heimholung des Goldenen Vlieses, jenes sagenumwobenen Fells des fliegenden Widders, das Iason mit Hilfe der Königstochter Medea in fremder Ferne erbeutet und nach Griechenland zurückbringt. Es erzählt den Mythos nach, in direkter, unverblümter Weise.
Roland Schimmelpfennig, der hier in Hamburg schon vor zwei Jahren mit „Anthropolis“ einen großen Überraschungserfolg erzielte, setzt seine späte Karriere als Serien-Dramatiker fort und erzählt von den antiken Begebenheiten so, als würde es sich um unmittelbare Ereignisse aus der Gegenwart handeln. Die Sprache, die er dafür wählt, ist umgänglich, mitunter umstandslos, und doch wird die Alterität des Mythos nicht verraten, bricht neben allen lässigen Fingerzeigen aufs Jetzt – allen Radioklängen, Raviolidosen, allem Eisverkauf – auch der konzentrierte Klageruf des Immer-schon durch.
Zwischen Mythos und Moderne
Dieses schillernde Changieren zwischen Hier und Dort, zwischen Mythos und Moderne, wird vom Hamburger Schauspielensemble auf betörende Weise verkörpert. Jeder, der hier auftritt, tritt als Mittler zwischen den Zeiten auf. An vorderster Stelle Lina Beckmann, die wohl waghalsigste Schauspielerin des deutschen Gegenwartstheaters, die ihre Medea mit einer Mischung aus gefälliger Schnoddrigkeit und ernster Verzweiflung auskleidet. Ständig scheint ihr Gang, ihre Aura zwischen aggressiver Hip-Hop-Pose und säulenstrenger Schicksalsstarre zu wechseln.
Kristof Van Boven als ihr verkrümmter Bruder Absyrtos spielt mit den Grenzen seiner physischen Belastbarkeit, er scheint die Schläge und Tritte nicht nur anzuziehen, sondern auch anziehend zu finden, als lustvoller Schmerzensmann folgt er dem Trauma wie einem Trieb und schmiert sich das Blut wie eine kühlende Hautcreme ins Gesicht.
Der König ruft nach Hilfe
Zuletzt Sebastian Blomberg als Vater und König von Kolchis: Gaddafihaft sitzt er mit einer Maschinenpistole auf dem Schoß da und blickt der angereisten Zivilisation aufmüpfig ins Auge. Er konterkariert das Archaische, Rückständige seiner Figur mit einer überraschenden Grazilität, tänzelt hier und da sogar und säuselt selbstsicher: „Schuld ist der Grund, auf dem du lernst zu laufen.“
Doch bald schon strauchelt dieser König selbst, als er nämlich die zerschnittenen Körperteile seines Sohnes auf dem Weg zum Hafen findet, die Finger, Ohren, Augen des jungen Mannes, der seine Schwester um keinen Preis fortfahren lassen wollte. Im Angesicht des Grauens ruft der König um Hilfe, ruft nach jemandem, der ihm das Unerträgliche tragen kann: „Das muss jemand wieder zusammensetzen“, stammelt er und sucht vergeblich nach einem Freund.
Denn da ist niemand mehr für ihn, da sind nur die beiden blendenden Liebenden: Iason und Medea, wie zwei Schulabgänger stehen sie da und kitzeln sich. Erzählen sich von ihrem früheren Leben, ihrer Geschichte, die sie nie miteinander teilen, sondern sich immer nur mitteilen werden – und sie sagt: „Pass gut auf mich auf“, und er schwört: „Ich werde immer an dich denken.“

So weit die Worte. Und dann kommen die Taten. Das, was der griechische Held von seinem zwielichtigen Lehrer gelernt hat. In einem „Zwischenspiel“ tritt Mirco Kreibich als Zentaur auf, besser gesagt, er kriecht aus einem täuschend echt wirkenden Pferdekörper heraus in den von Bühnenbildner Johannes Schütz einmal mehr aufs rein Mysteriöse reduzierten Raum. Kriecht und torkelt in seiner Höhle, wo er den jungen Iason in Wissenschaftsfeindlichkeit und Kettensprengmeisterschaft unterrichtet. Wider den platonischen Gleichnisgeist geht es und gegen die Vorstellung, an Moral und sonstige Schattengebilde gebunden zu sein. „Es gibt keine Ketten“, bläut der betrunkene Lehrmeister seinem Zauberlehrling ein, es gibt nur Wille und Kraft. Diese Lehre nimmt der Schüler folgsam auf und wendet sie bei nächster Gelegenheit gegen den eigenen Lehrer.
Was hier in Hamburg zu sehen ist, sind Riesen ohne Schultern, sind große, kräftige Männer, die Schiffe vorwärts rudern können, aber nicht an die Bäume denken, von denen sie stammen. Es sind gottverlassene Gestalten, dem eigenen Schicksal ganz ausgeliefert, ohne Schutz, ohne Halt. Die Sonne scheint hier nicht, sie strahlt nur, grell und grausam. Und der einzigen Frau zwischen all diesen Männern bleibt nichts, als dass sie sie in Willenskraft übertrumpft – Medea, jener Prototyp fehlgeleiteter Emanzipation, wird in Beckmanns Variante zu einer gebrochenen Rächerin ihres Geschlechts. Entsetzliches liegt in der Luft, von den Rängen herab dröhnt es: In den Logen sitzt ein Chor von wütenden Frauen, die ihren jahrhundertealten Männerhass auf Altgriechisch herausbrüllen und damit ihre Heldin zum Inferno treiben, zur furchtbarsten Rache, zum Kindsmord, dessen Vorführung einem bis heute das Blut in den Adern gefrieren lässt.
Auch dieses Mal gibt es Komödiantisches
„Fremde Sonne“ ist die glückliche Fortsetzung einer geglückten Mutprobe. Regisseurin Karin Beier setzt ihre Arbeit am Mythos fort und zeigt souverän, wie Theater heute mitreißend wirken kann: wenn es einer plumpen PR-Politisierung entsagt, wenn es die Lust der Schauspieler am staunenden Miteinander weckt, wenn es sich einlässt auf die eigenartige Fremdheit von Stoff und Text.
Nicht immer gelingt alles. Manchmal täuschen die gut gebauten Bilder eine Gewaltigkeit vor, die der von Schimmelpfennig größtenteils eigenständig hergestellte Text nicht einlöst. Manchmal herrscht eine mysteriöse Stimmung, ohne dass ganz klar wird, warum und wozu. Auch die komischen Zwischeneinlagen erinnert man vor zwei Jahren ein My einfallsreicher (unvergesslich: Lina Beckmann als Weinverkosterin).
Und doch gibt es auch dieses Mal hinreißend Komödiantisches, etwa ein Dosen-Duo in der Argon-Kombüse von Bjarne Mädel und Maximilian David Scheidt, bei dem der Inhalt der Dose („Ravioli“) und der Inhalt des Magens miteinander in Beziehung kommen. Und es gibt Kostüme von Wicke Naujoks zu sehen, die dem schillernden Changieren zwischen Mythos und Moderne klug Rechnung tragen.
Zwei Tage lang dauerte dieser fünfteilige Antiken-Marathon. Zwei Tage, an denen einem das Theater wichtiger erschien als alle Welt draußen. An denen man jedem davon erzählen wollte, was es hier zu sehen und zu erleben gab. „Die Größe eines Landes steht und fällt mit seinem Umgang mit dem Unbekannten“, hieß es einmal. Und man dachte insgeheim dabei: vielleicht ist es mit dem Theater gar nicht so anders. Hier in Hamburg jedenfalls steht es jetzt – so strahlend und stark wie schon lange nicht mehr.
