Der biblische Volksmund sagt: „Der Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s genommen“. Übersetzt für alle, die nicht auf dem Petersplatz campieren, wenn ein neuer Papst gewählt wird, heißt das: Man soll Freude und Leid als Gottes Weg akzeptieren, ohne zu hadern.
Bei ProSieben, das Neue Testament der TV-Sender, ist seit 20 Jahren Heidi Klum die Quoten-Göttin. Insofern ist es ihre Aufgabe, ohne erkennbaren Plan zu geben und zu nehmen. Diese Woche schlägt die Jeanne d’Arc der Castingformate besonders gnadenlos zu: Ohne Ankündigung halbiert sie die wöchentliche GNTM-Dosis. Verzweifelt rollen sich erste Plusquamperfekt-Junkies in Embryonalstellung vor dem Fernseher ein. Erdrutschartige Einbrüche von 50 Prozent – das kennt man sonst nur von Friedrich-Merz-Beliebtheitswerten.
Auch Klum ahnt, dass „Germany’s Next Topmodel“-Ultras mit Dramaentzug nicht gut klarkommen und leitet den neuen Wochenzyklus mit einer Entschädigung ein: „von den Lofts in Berlin über die Range bis zur krassesten Villa mitten in Beverly Hills!“ Klingt wie ein Songtext von Bushido, kündigt aber GNTM-Highlight-Momente an: Die Kandidatinnen betreten erstmals die Modelvilla. Als die Tränen über den Verlust des Modelmittwochs trocknen, bestaunen wir Girls, die per Mallorca-Handtuch-Tradition sicherstellen wollen, dass der schönste Schlafraum ihnen zugesprochen wird. Es entbrennt eine hitzige Diskussion zwischen den Geschlechterlagern, wem Erstzugriff auf die Wunschbetten zusteht.
Der Master-Bedroom wird den Damen zugelost
Denglish-Testimonial Alexavius orchestriert dafür einen amtlichen Eskalationsaustausch und resümiert: „Anika war richtig offended als ich meinte, lowkey, die Aktion ist bisschen rude!“ Das Vermächtnis des Denglishritters Thomas Hayo hat sich in die GNTM-Realität gebrannt wie Deniz Undav in die Träume von Julian Nagelsmann. Ich schwöre, ich werde manchmal richtig offended, wenn jemand meint, lowkey, Thomas Hayos Sprach-Attitude ist bisschen rude!

Am Ende lassen die Streitparteien einen Münzwurf entscheiden. Der Master-Bedroom wird den Damen zugelost. Daphne jubiliert: „Ich sage mal, Karma!“ Yanneck guckt dabei ein bisschen enttäuscht. Weniger, weil er nicht im größten Schlafzimmer der Villa nächtigen wird, sondern weil er diese ominöse Kandidatin Karma noch nie gesehen hat.
Nach dem Betten-Triumph geht es direkt weiter am GNTM-Gabentisch. Es hagelt Produktplatzierungs-Geschenke wichtiger ProSieben-Sponsoren. Am euphorischsten reagieren die Kandidatinnen auf ein Haarstyle-Accessoire. Offenbar war ihnen die Erfindung des Lockenstabs bislang verborgen geblieben. Nach kurzer Kreischorgie, gegen die sich die Front Row bei Taylor Swift anhört wie Bingoabende im Seniorenheim Bergisch-Gladbach, findet Julia als Erste zur Normalform zurück: „Das ist megacool, wenn du einfach so einen Blowout machen kannst!“ Schade, dass Zotenheidi dem Haarpflege-Spektakel nicht beiwohnt. „Blowout“ wäre ihr sicher ein spitzbübisches Signature-Kichern wert gewesen. Oder alternativ eine romantische Frivolstory aus ihrem hyperaktiven Privatleben mit Ehemann Tom Kaulitz. Mit viel Pech sogar beides.
Anna – der Richard David Precht der Runways
Als Amélie entdeckt, dass man den augenscheinlich von der NASA konzipierten Lockenwickler auch noch „einfach per Bluetooth an sein Handy anschließen und Hairstyles aussuchen kann“, steht für den Y-Chromosom-befreiten Teil der Castingmannschaft fest: Lockenstäbe sind das neue Tesla. Sie inspirieren Anna, den in ihr schlummernden Jahrhundertphilosophen zu wecken. Als Richard David Precht der Runways schreibt sie bereits an ihrer lyrischen Debut-Aphorismensammlung „Wo laufe ich, und wenn ja – wie viele?“ Der erschöpft von der Lockenstab-Ekstase am Pool chillenden Damenriege spendiert sie eine kurze Poesieprobe: „Es macht mich irgendwie traurig, weil ich so glücklich bin!“ Dieses Phänomen der Freudentrauer ist quantenphysikalisch als „Schrödingers Euphorie“ bekannt und macht Anna demütig: „Egal, wie weit ich noch komme – mehr hätte ich nie erreichen können, wie jetzt!“ Außer vielleicht korrekte Grammatik.

Beim anschließenden Spielwaren-Casting wird es emotional. Boureima dankt seinem besten Freund für ihre „freudige Freundschaft“. Boureima, dieser wortreiche Wortakrobat! Ibo hingegen dankt seinem kleinen Bruder: „Ich sehe mich in ihm!“ Tonys Dank geht direkt an sich selbst. Warum, wird nicht ganz klar, aber wir lernen viel über Geografie: „Ich komme aus Mecklenburg-Vorpommern, das liegt in einem schönen Kornblumenfeld!“ Am Ende bekommen Ibo und Anna den Job. Schon der McDonald’s-Job ging an die beiden. Ibo ist happy: „Das ist genau, was ich machen möchte, modeln und abliefern!“ Ein sehr zukunftssicheres Credo. Wer gerne abliefert, kann als Kurier Karriere machen, wenn es mit dem Modeln nicht mehr laufen sollte.
„Ich habe keinen Bock, dass jemand meine Moves klaut“
Zum Final-Walk ist Sängerin Demi Lovato angereist. Sie lässt die Kandidaten als Schatten vor einer Leinwand zu ihrem Song „Here All Night“ tanzen. Da sich aus unerfindlichen Gründen Deutschlands einzige Weltklasse-Choreografin Nikeata Thompson nicht um die Freestyle-Moves der tanztalentbefreiten Kandidatenarmada kümmern darf, eskaliert die Darbietung zu einer 120 Minuten Temu-Version von „Flashdance“. What a Feeling. Godfrey isoliert sich für das Training dazu. Verständlich: „Ich habe keinen Bock, dass jemand meine Moves klaut!“ Besagte Moves übrigens sehen aus wie ein Exorzismus, der in Trocken-Kopulation mit einer Tischplatte endet. Bei IKEA kassiert man dafür Hausverbot. Für Godfrey völlig normal. Er hat ja auch „nicht so lange geübt, damit ich dann abkacke!“
Zum Glück, denn Godfrey hat viele Talente. Das größte ist Sprachvarianz. Er kennt 23 Arten, wie man Demi Lovato aussprechen kann. Mein Favorit: „Dammi Loveijtoh“. Johann-Wolfgang von Godfrey hat aber noch ein weiteres Kleinod der Spontanphilosophie dabei: „Die Luft wird dünner, so wie die Worte!“
Am Ende hätte nach Leitungsprinzip Yanneck das GNTM-Zeitliche segnen müssen. Selbst der von Godfrey entweihte Tisch hat sich besser bewegt als er. Es trifft jedoch Boureima. Der reagiert verständnisvoll: „Ist okay, meine Leistung war heute eine Blamage!“ Tischbeischläfer Godfrey ist weniger einverstanden: „Ich hätte eher Yanneck rausgeworfen!“ Direkte Kritik an Mitkandidaten ist verpönt, aber Godfrey ist „nicht hier, um rumzukuscheln!“ Außer mit Tischen. Wer nächste Woche mit wem rumkuschelt, weiß ich nicht. Aber Thomas Hayo wird es kommentieren – es lohnt sich also in every case!
