Die F.A.Z. musste es ihren Lesern damals genau erklären: Der Kniff des neuen Frankfurter Kreuzes war das moderne Abbiegen, bei dem die Autofahrer keine andere Fahrbahn schneiden mussten. „Sie befinden sich auf der Autobahn von Karlsruhe nach Kassel, möchten aber nach links auf die Autobahn nach Köln abbiegen“, hieß es in der Zeitung. „Dann fahren Sie, den idealen Schwung der Kurve genießend, nur immer rechts herum: Sie werden sehen, nachdem Sie einmal Karussell gefahren sind, befinden Sie sich eine Etage höher und in der gewünschten Richtung.“

Autobahnen waren damals noch recht neu in Deutschland, die erste war erst 1932 vom Kölner Oberbürgermeister Konrad Adenauer zwischen seiner Heimatstadt und Bonn eröffnet worden. Die Nationalsozialisten hatten den Bau forciert, aber in den wenigen Jahren, bis wegen des Zweiten Weltkrieges die Baustellen stillgelegt wurden, doch kein zusammenhängendes Netz geschaffen. Das entstand erst in den Fünfziger- und Sechzigerjahren, als sich die Bürger mehr und mehr entschieden, sich ein Auto anzuschaffen, und als Lastwagen immer wichtiger wurden und so der Verkehr mehr und mehr zunahm.
Der Kreuzung von zwei der wichtigsten Autobahnen Deutschlands im Südwesten Frankfurts kam dabei von Anfang an größte Bedeutung zu. Kein Wunder, dass die Eröffnung am 10. Juli 1956 groß gefeiert wurde. „Einer Siegesallee für eine kleine gewonnene Schlacht gegen die Verkehrsnöte in der Bundesrepublik glich gestern die Autobahn vom Frankfurter Flughafen bis zum neuen ,Frankfurter Kreuz’“, berichtete die F.A.Z. einen Tag später. „Fahnen der Bundesrepublik, des Landes Hessen und der Stadt Frankfurt wehten zu Dutzenden an girlandenumwundenen Masten, eine kilometerlange Schlange blitzender Kraftfahrzeuge parkte auf der neuen Betonfahrbahn, ein bunter Sonnenschirm kennzeichnete geometrisch exakt den Treffpunkt der beiden größten deutschen Autobahnen.“ Im Wirtschaftswunderland wusste man offensichtlich zu feiern.
Verknüpfungen von Schiene, Straße und Luftverkehr
Bundesverkehrsminister Hans-Christoph Seebohm lobte in seiner Rede die amerikanischen Baumethoden und die Tatsache, dass nur wenige Arbeitskräfte notwendig gewesen seien. Mit Rücksicht auf die Lastwagen seien die Fahrbahndecken verstärkt worden. Geachtet worden sei zudem auf die Verkehrssicherheit. Schließlich hänge die Zahl der Unfälle nicht allein davon ab, wie gut die Autofahrer führen, sondern auch von der Güte der Straßen.

„Das Frankfurter Kreuz wird nicht nur mit europäischen Superlativen qualifiziert, es ist auch tatsächlich und vorläufig, was die Straße anbetrifft, das Verkehrskreuz Zentraleuropas“, resümierte die F.A.Z. und erinnerte daran, dass sich wenige hundert Meter weiter ein weiteres Drehkreuz etabliert hatte, der Frankfurter Flughafen. Er hatte genau 20 Jahre vorher, 1936, seinen Betrieb an diesem Ort aufgenommen und erlebte in den Fünfzigerjahren ebenfalls einen Aufschwung. Wiederum wenige hundert Meter, aber in nördlicher Richtung, trafen damals und treffen heute wichtige Eisenbahnstrecken Deutschlands aufeinander – am Bahnhof Stadion. Der Dreiklang der Verknüpfungen von Schiene, Straße und Luftverkehr auf engem Raum stand und steht für die Bedeutung Frankfurts als Knotenpunkt Deutschlands wie Europas; an die Rechenzentren, die inzwischen hinzugekommen sind, dachte 1956 noch niemand.
Geblieben ist über all die Jahrzehnte nicht nur die Bedeutung der Verkehrsknoten. Als eine Konstante erwies sich auch, dass ihre Leistungsfähigkeit wieder und wieder nicht ausreichte, sodass sie zu Dauerbaustellen wurden. Das Frankfurter Kreuz wurde Ende der Neunzigerjahre grundlegend umgebaut, damals wurde auch Platz geschaffen für die ICE-Trasse, die zur Schnellfahrstrecke von Köln nach Frankfurt gehört. Das Kreuz wird nach Angaben der Autobahn GmbH des Bundes heutzutage von 350.000 Fahrzeugen am Tag passiert, und unter den Fahrern wird sich kaum je einer finden, der dabei an die Meisterleistung in den Jahren des Wiederaufbaus denkt, dieses Autobahnkreuz in die Landschaft zu setzen und seitdem zu unterhalten.
Das Auffälligste ist, dass es nicht auffällt, oder, um ein letztes Mal die Altvorderen zu zitieren: „Das Kleeblatt Frankfurter Kreuz ist nur in der Bewegung zu erleben, im weichen Geführtwerden durch die Bahn“, wie die F.A.Z. am 10. Juli 1956 festhielt. „Dem ruhenden Beobachter bietet es sich wie ein Stück Film außerhalb des Vorführapparates: Er vermag den Ablauf nicht zu erfassen. In der Erinnerung ist solch eine riesige Anlage kein Anblick, sondern ein Vorgang.“
