Profifußball ist emotional, nicht rational. So weit, so klar. Ein kleines Gedankenspiel: Hätte Darmstadt 98 mitten in der Zweitligasaison eine Serie von neun Partien ohne Sieg hingelegt und sich am Ende noch auf Rang fünf vorgekämpft – wie wäre die Saisonbilanz ausgefallen? Es wäre von einer Schwächephase die Rede gewesen, die das Team aber mit vereinten Kräften und gesteigerter Leistung gemeistert hätte. So weit, so gut – das prima Gefühl am Ende der Spielzeit hätte auf seine Fans und sein Umfeld beruhigende Wirkung entfaltet und Hoffnungen für die neue Saison geweckt.
Nun haben sich die „Lilien“ ihre neun Spiele lang währende Sieglosserie nur ausgerechnet auf die letzten neun Saisonspiele gelegt. Angesichts der sehr guten Ausgangsposition bis ins Frühjahr hinein wirkt die Aufstiegschance nun wie weggeworfen. Die Gelegenheit schien günstig, sehr günstig sogar – von der (scheinbaren) Stabilität der Darmstädter Mannschaft bis hin zur nicht übermächtigen Qualität der anderen Aufstiegskandidaten. Die Folge: ein Gefühl der Enttäuschung.
Trainer Florian Kohfeldt weiß natürlich um diese Mechanismen. Ihm als in der Kommunikation nach innen und außen sehr versiertem Coach ist zuzutrauen, von Ende Juni an neue Aufbruchstimmung zu erzeugen.
Florian Kohfeldt: „Da wirkt nichts nach“
Wie sehr aber auch Kohfeldt auf die letzte Chance auf einen Stimmungsumschwung im abschließenden Heimspiel gegen Paderborn (0:2) gebaut hatte, verrät seine Aussage kurz zuvor: „Es wäre unglaublich wichtig für uns, mit einem Sieg aus der Saison rauszugehen, um ein gutes Gefühl zu haben.“ Als dies trotz recht überzeugender Leistung gegen Paderborn nicht gelang, wirkte es fast trotzig, als Kohfeldt sagte: „Da wirkt nichts nach.“
Natürlich hat der erst schleichende und dann rasante Verlust von Defensivstärke, Spielvermögen und Offensivkraft in Tateinheit mit einer frappierenden Auswärtsmisere im Saisonfinale einen Schaden hinterlassen. Und natürlich beschädigt eine solche Serie auch einen Trainer.
Nur dürfen sich die „Lilien“ immer noch sehr glücklich schätzen, mit Kohfeldt und dem Geschäftsführer Sport, Paul Fernie, zwei Führungskräfte (mit jeweils frisch verlängerten Verträgen) an Bord zu haben, deren Wirken auch bei finanzstärkeren Fußballadressen auf Interesse stößt. Die beiden verkörpern eine Konstellation zum Wohle des Klubs.
Gemeinsam stellen sie einen wichtigen Faktor dar, der gute, entwicklungsfähige Profis nach Südhessen ziehen könnte. Gemäß dem Beuteschema und dem Geschäftsmodell, dass Darmstadt 98 auf Transfergewinne zielt. Es wird eine spannende Frage sein, wen und für welchen Preis man in diesem Sommer ziehen lässt. Es spricht für die „Lilien“, Spieler entwickelt und vertraglich gebunden zu haben, die am Markt von Interesse sind. Fernie hat aber angekündigt, dass man einen Ausverkauf der besten Spieler im großen Stil verhindern möchte. Das Darmstädter Tafelsilber verkörpern nach vielen guten Auftritten in dieser (und zum Teil auch der vorherigen) Saison aktuell vier Profis: Das Sturm-Duo Isac Lidberg und Fraser Hornby (beide Vertrag bis Mitte 2027), Offensivkraft Killian Corredor (vermutlich Vertrag bis 2027) und Verteidiger Matej Maglica (2027).
Kein Darmstädter bei der WM
Vertrag verlängern oder den Verein gegen (Millionen-)Gebühr verlassen, könnte es bei allen – für einige hat der SVD einst selbst Ablöse bezahlt – heißen. Der Kontrakt des von Kohfeldt sehr geschätzten Außenverteidigers Fabian Nürnberger läuft in diesen Wochen aus, Verhandlungen über ein neues Arbeitspapier laufen. Die Leihspieler Marco Richter (Mainz 05) und Niklas Schmidt (FC Toulouse) kehren zunächst zu ihren Heimatklubs zurück.
Neben den finanziellen Sprüngen, welche die genannten Wechselkandidaten anderswo machen könnten, dürfte auch die sportliche Situation ihre Entscheidung beeinflussen. Und dahin gehend könnte die Erfahrung der Darmstädter Misere der letzten neun Spiele als Pushfaktor wirken. Zumal alle genannten Spieler zum zweiten Mal eine Rückrunde am Böllenfalltor absolviert haben, die von enormen Verletzungsproblemen und tabellarischem Sinkflug geprägt war.
Das lange Zeit so starke und später auch durch Blessuren und Sperren auseinandergerissene Sturm-Duo Lidberg (17 Tore) und Hornby (elf Treffer) hat feststellen müssen, dass gute Leistungen und viele Tore in Darmstadt sie nicht zur WM mit der schwedischen Auswahl (Lidberg) führten oder überhaupt eine Nominierung für die Nationalmannschaft (Hornby für Schottland) eingebracht haben.
Darmstadts Probleme sind lösbar
Natürlich haben sich Probleme angehäuft, wenn man als Drittplatzierter nach der Hinrunde die drittschwächste Rückrunde der Liga spielt. Und doch wirken die Schwierigkeiten bei den „Lilien“ nicht tiefgreifend, sondern lösbar. Angefangen bei der Vorsorge, nicht wieder so viele Spieler gleichzeitig im Krankenstand zu haben. Für Kohfeldt ist die eingeschränkte Personalverfügbarkeit der entscheidende Grund für den Niedergang seit März.
Vor allem habe das Verletzungspech oft die Top- und Stammspieler getroffen, so der Coach. Darunter leiden dann Trainingsqualität und der Konkurrenzdruck im Team. Und auch die taktischen Möglichkeiten schwinden, wenn Spieler positionsfremd eingesetzt werden müssen. Kohfeldt kündigte aber auch noch Redebedarf an, um herauszufinden, wann und warum genau „Leichtigkeit und Konzentration verloren gegangen sind“.
Stimmungsvoller Höhepunkt der Spielzeit war gewiss das Samstagabendheimspiel gegen den 1. FC Kaiserslautern. Als ein furios aufspielendes SVD-Ensemble am Böllenfalltor 4:0 gegen die vom ehemaligen Trainer Torsten Lieberknecht gecoachten Pfälzer gewann und an die Tabellenspitze sprang. Das war Anfang Februar und die Zeit, als mancher gegnerische Trainer nach dem direkten Duell diese ach so stabilen, variablen und zielstrebigen „Lilien“ als Aufstiegsfavoriten postulierte. Es kam anders.
Und doch sollte die Enttäuschung darüber bald aus den Kleidern geschüttelt sein. Ins obere Tabellendrittel reingekommen; Verträge der Sportlichen Führung verlängert; gut im Ranking mit Blick auf die Fernseheinnahmen positioniert; einiges an Transfereinnahmen in Aussicht. Natürlich bedarf es an einem Standort wie Darmstadt nun einiger richtiger (Personal-)Entscheidungen, um weiter voranzukommen. Zuzutrauen ist es den handelnden Entscheidern.
