
Für die Transportbranche ist die Wasserstofftechnik eine Ergänzung zu batterieelektrischen Lastwagen. „Ich bin davon überzeugt, dass wir auch solche Fahrzeuge brauchen, und glaube an die Technik“, sagte Daimler-Truck-Chefin Karin Rådström auf der Messe IAA Transportation in Hannover. Vor allem aber treibt der größte Lastwagenhersteller der Welt die Entwicklung voran und erprobt von Ende des Jahres an eine Kleinserie von Wasserstofffahrzeugen bei Kunden im realen Betrieb.
Zur IAA hat das Unternehmen nun gemeinsam mit den Lastwagenherstellern Volvo und Toyota, dem Zulieferer Bosch sowie den Wasserstofflieferanten und Tankstellenbetreibern Air Liquide, Totalenergies, MB Energy und Teal Mobility eine Allianz vorgestellt, die den Hochlauf der Wasserstoffwirtschaft forcieren soll. Sie will vor allem erreichen, dass der Preis für die Kraftstoffalternative sinkt. „Die Spediteure müssen ihre Wasserstofflastwagen zu erschwinglichen Preisen auftanken können, nur dann entsteht ein Geschäftsmodell und die Kostenparität zu Dieselantrieben“, sagte Rådström bei einer Pressekonferenz mit allen Partnern am Dienstag auf der Messe.
Allianz bildet gesamte Wertschöpfungskette beim Wasserstoff ab
Der Daimler-Truck-Chefin schwebt dabei ein Preis von sechs Euro je Kilogramm Wasserstoff aus erneuerbaren Energien vor. Aktuell sind die Preise sehr volatil und können zwischen acht und 18 Euro schwanken. Die acht Partner, die die gesamte Wertschöpfungskette von der Erzeugung über die Verteilung bis zur Produktion der Fahrzeuge abbilden, wollen durch ihre Kooperation die Voraussetzungen für einen skalierbaren Einsatz von Wasserstofflastwagen bis zum Jahr 2030 schaffen.
Anlass für die Allianz ist nicht zuletzt ein Förderprogramm der deutschen Bundesregierung, das dasselbe Ziel verfolgt. Das Verkehrsministerium will so den Aufbau eines Initialnetzes von Wasserstofftankstellen für Lastwagen und die Anschaffung von Nutzfahrzeugen mit Wasserstoffantrieb unterstützen. Ziel sei ein verlässlicher Markthochlauf und mehr Klimaschutz im Schwerlastverkehr. „Wasserstoff spielt da eine wichtige Rolle, wir brauchen unterschiedliche Lösungen für unterschiedliche Anwendungen – vor allem aber Bewegung beim Aufbau des Markts“, sagte Bundesverkehrsminister Steffen Bilger (CDU) bei der Vorstellung der Allianz.
Förderprogramm für Wasserstoff ist stark überzeichnet
Das Programm der Bundesregierung hat ein Volumen von 220 Millionen Euro, insgesamt gingen Anträge auf Fördergelder in Höhe von mehr als 450 Millionen Euro ein. Bilger kündigte in Hannover an, im Rahmen des Programms mindestens 35 Wasserstofftankstellen aufzubauen sowie mehr als 500 Wasserstofflastwagen zu fördern. „Die Förderentscheide werden schnell getroffen werden, das ist ein wichtiger Impuls für den Aufbau von tragenden Geschäftsmodellen“, erklärte der Verkehrsminister.
Bei der Frage danach, woher der grüne Wasserstoff für einen CO₂-neutralen Schwerlastverkehr kommen soll, verwies Bilger auf die nationale Wasserstoffstrategie. „Wir dürfen aber am Anfang nicht den Fehler machen, uns nur auf grünen Wasserstoff zu konzentrieren“, sagte der CDU-Politiker. „In der Startphase nutzen wir den Wasserstoff egal welcher Farbe, um die Technik voranzubringen. Gleichzeitig müssen wir daran arbeiten, dass grüner Wasserstoff mehr und mehr entwickelt wird – gerne in Deutschland, sicher aber viel mehr mit Importen aus dem Ausland.“ Dafür habe Deutschland mit Ländern in aller Welt Vereinbarungen getroffen.
„Stromverbrauch einer Kleinstadt“
Der europaweite Hochlauf der Elektromobilität im Schwerlastverkehr stößt nach Angaben Pucherts auf Grenzen im Hinblick auf Infrastruktur und Netzverfügbarkeit. „Das Problem ist, dass es nicht möglich ist, das elektrische Netz schnell genug hochzufahren, um eine umfassende Ladeinfrastruktur aufzubauen. Wenn Spediteure zehn schwere Lastwagen gleichzeitig laden, haben sie den Stromverbrauch einer Kleinstadt“, erläutert der Manager weiter. Die Infrastruktur für eine Wasserstoffversorgung lasse sich dagegen schneller aufbauen „als ein umfassendes Stromnetz, das in jeden Teil von Europa reicht, weil Wasserstoff flüssig leicht zu transportieren ist und man so eine Versorgung schnell skalieren kann.“ Genau das soll die gegründete Allianz sicherstellen und vorantreiben.
„Wir sind bei rein elektrischen Fahrzeugen in der Batterietechnik stark von China abhängig“, sagt Puchert. „Auch wenn die Chinesen sich in ihrem aktuellen Fünf-Jahres-Plan nun auch auf Wasserstoff fokussieren, sind wir da noch führend.“ Wie Verkehrsminister Bilger verweist auch der Daimler-Truck-Vorstand darauf, dass sich durch eine Wasserstoffwirtschaft die Abhängigkeit von China reduzieren lasse. Wer die Lieferanten sein werden und wo der grüne Wasserstoff am Ende erzeugt wird, das werde sich zeigen, „aber es ist nicht unwahrscheinlich, dass der Mittlere Osten, Lateinamerika oder auch Norwegen zu den Erzeugern gehören werden“.
Daimler Truck kündigte an, bis zum Ende des Jahrzehnts einen mittleren dreistelligen Millionenbetrag in die weitere Entwicklung zu stecken, zudem plant der Hersteller, von Ende 2026 an eine Kleinserie von 100 Brennstoffzellen-Lastwagen der nächsten Generation bei Kunden zu erproben. Das erste dieser Fahrzeuge übernimmt die Allgäuer Spedition Dachser und will es an ihrem Standort im Malsch bei Karlsruhe stationieren. „Das wird ein echter Reality-Check für uns“, sagt Dachser-Entwicklungsvorstand Stefan Hohm im Gespräch mit der F.A.Z. „Wir werden den Truck im Zwei-Schicht-Betrieb einsetzen und Routen von etwa 1000 Kilometer Länge planen.“
Hohm geht davon aus, dass sich der Einsatz solcher Fahrzeuge für sein Unternehmen von einem Wasserstoffpreis von etwa fünf bis sechs Euro pro Kilogramm an rechnen werde. In einem ersten Schritt gehe es nun um den Beweis, dass die Technik funktioniert. Die Touren, die der Truck „Next GenH2“ fahren wird, sind Rundtouren, sie werden in Malsch beginnen und enden, weil der Lastwagen nur im nahe gelegen Wörth tanken kann. Aber das soll sich mit der neuen Allianz bald ändern.
