Die rechte Strähne wird über die mittlere gelegt, dann wechselt die linke ins Zentrum. Mit jedem Griff tauschen die Strähnen ihre Plätze. Stefan Schneider schaut auf seine Hände, dann auf den blonden Haarschopf, der vor ihm steht. Nach und nach entsteht zwischen seinen Fingern ein erkennbares Muster. „Vor allem beim Flechten war ich bisher Legastheniker“, sagt er.
Noch kann er darüber lachen. Der Puppenkopf wird seine Arbeit nicht kommentieren. Schneiders fast fünfjährige Tochter tut das durchaus. Wenn der 45 Jahre alte Kronberger ihr die Haare macht, prüft sie das Ergebnis morgens kritisch. An manchen Tagen will sie die Haare offen tragen. Die sind ihm am liebsten. An anderen Tagen soll es dagegen ein Zopf sein. Die Haare irgendwie bändigen, das bekommt Schneider durchaus hin. Zufrieden ist seine Tochter trotzdem selten mit dem Ergebnis. Schneider ist sich sicher: Es liegt an seiner Technik.
Deshalb sitzt er an einem Sommerabend im Hinterhof des Frankfurter Restaurants „Wir Komplizen“. Es ist kurz nach 19 Uhr, über den Tischen leuchten Lichterketten. Neben gut gefüllten Biergläsern stehen hier Echthaar-Puppenköpfe für 15 Väter bereit. In lila Schüsseln liegen bunte Haargummis, nebendran Haarbürsten und Stielkämme. Geschlossene Gesellschaft für die Veranstaltung „Dads do Hair“. Heute wird geflochten.
Schneiders Frau hat ihm den Kurs zum Geburtstag geschenkt. Am nächsten Morgen, so sagt er, wolle er das Gelernte gleich anwenden. Er sei es satt, immer nur „Back-up für Mama“ zu sein.
Wer flechten will, muss kämmen lernen
Sechs Frisuren hat die Hair- und Make-up-Stylistin Anita Erdmann für den Abend vorbereitet. Und die tragen komplizierte Bezeichnungen wie „Bubble Braids“ und „Space Buns“. Für besonderes Aufsehen sorgt auch ein sogenannter „Pull Through Braid“ – ein speziell geflochtener Zopf, der durch den bei Kindern und Jugendlichen beliebten Netflixfilm „KPop Demon Hunters“ Berühmtheit erlangt hat. „Damit werdet ihr zu Hause definitiv der Star sein“, verspricht Erdmann.

Doch bevor geflochten wird, muss erst einmal richtig gekämmt werden. Die erste Aufgabe des Abends wirkt banal, erweist sich aber als Grundlage für alles Weitere. Wie hält man eine Strähne, damit es weniger ziept? Wo setzt man den Kamm an? Wie entsteht ein gerader Scheitel? Erdmann zeigt jeden Griff langsam und erklärt dabei geduldig. Dann beugen sich die Männer über ihre Puppenköpfe.
Fünf der Teilnehmer haben sich noch nie an eine Flechtfrisur gewagt. Die übrigen haben zumindest die Grundtechnik schon verinnerlicht. Zumindest theoretisch. In der Praxis müssen die Männer immer wieder neu ansetzen. Mal lösen sich einzelne Strähnen aus dem Geflecht heraus, mal sitzt der Zopf am Ansatz zu locker. Dass am Ende jeder Teilnehmer die Grundtechnik beherrsche, sei eines ihrer wichtigsten Ziele für diesen Abend, sagt Erdmann. Nach einigen Versuchen werden die Griffe sicherer. Auf den ersten Puppenköpfen zeichnen sich gleichmäßige Flechtzöpfe ab. Die Erfolgserlebnisse werden, wie als Beweis, abfotografiert und per Direktnachricht nach Hause geschickt.
Marius Alt wäre schon mit einem gewöhnlichen Dutt zufrieden. Mehr konnte der 36 Jahre alte Frankfurter seiner zweieinhalb Jahre alten Tochter bisher nicht anbieten. Nun vergleicht er immer wieder mit gerunzelter Stirn die Frisur seines Puppenkopfes mit Erdmanns Vorlage. Ein nervöser Blick zum Nachbarn. Dann fragt er, wo seine Finger falsch abgebogen seien.
An einem anderen Platz fragt ein Vater, wie ein fest sitzender Zopf am Abend ohne Tränen wieder gelöst werden könne. Erdmann rät ihm, das Kind die Haargummis selbst öffnen zu lassen. Bei ihrer eigenen Tochter funktioniere das am besten. An diesem Abend wird aber klar: Ein zu fest sitzender Zopf ist noch nicht das Problem des Kursteilnehmers. Die Strähnen lösen sich in Zeitlupe aus dem Gummi. Adieu, Flechtfrisur.
An den Tischen wird gefachsimpelt. Es geht um die Haarstruktur der jeweiligen Töchter. Einer berichtet von besonders feinem Haar, ein anderer von dickem lockigem Haar. Je älter die Töchter würden, sagen die Väter, desto genauer wüssten sie, wie das Ergebnis aussehen solle. Auch die Alltagstauglichkeit eines Zopfes beschäftigt die Väter, die zwischen 30 und Mitte 40 sind. Eine schöne Frisur, die auf dem Spielplatz nach einer halben Stunde zerfällt, hat ihren Zweck nur kurz erfüllt.

Erdmann ist gelernte Friseurin, arbeitet inzwischen aber auch als Hair- und Make-up-Artist und Dialogbuchautorin. Die 40 Jahre alte Münchnerin hat selbst zwei Kinder. Dass sie neben ihren vielen Tätigkeiten seit einigen Wochen auch noch mit 24 Puppenköpfen durch das ganze Land fährt, um Vätern das Flechten beizubringen, sei so eigentlich nicht geplant gewesen, erzählt sie.
Mental Load soll gleich verteilt werden
Aber die Idee, eigene Kurse für Männer anzubieten, habe sie nicht mehr losgelassen, nachdem sie in den sozialen Netzwerken auf eine ähnliche Veranstaltungsreihe in Großbritannien mit dem Titel „Pints and Ponytails“ gestoßen sei. Innerhalb kurzer Zeit sicherte sich Erdmann eine Internetadresse, eröffnete einen Instagramkanal und entwarf Werbematerial. Die Flyer liegen noch immer fast unberührt bei ihr Zuhause. Am 15. Juni hat sie ihren ersten Kurs in München gegeben. Ein Reel auf der Plattform Instagram darüber verbreitete sich so schnell, dass weitere Werbung kaum nötig war. Ihr „Spaßprojekt“ sollte, so ihr Plan damals, alle zwei Monate einen Kurs füllen. Inzwischen stehen bis in den Herbst 17 Termine fest, die meisten seien schon ausgebucht. Ihre Echthaar-Puppenköpfe verdankt sie einem Sponsor. Kunsthaar sei keine Alternative, sagt Erdmann. Die glatten Fasern verhielten sich anders als menschliches Haar.
Mit jeder weiteren Frisur gewinnen die Teilnehmer an Sicherheit. Manche lösen sich bereits von der Vorlage und erproben eigene Varianten. Erdmann geht währenddessen von Platz zu Platz. Wo es nötig ist, korrigiert sie einen Griff.

Christian Hubrich ist der Einzige, der nicht gekommen ist, um am Morgen bei der Familienroutine ein bisschen besser unterstützen zu können. Der 46 Jahre alte Aschaffenburger will die Haare seiner Frau flechten. Beide fahren gern zu Musikfestivals wie „Tomorrowland“. Er hat den Kurs selbst ergoogelt und weicht schnell von den sechs Beispielfrisuren ab. Das Schwierigste sei für ihn, sagt er, dass am Ende alles dort lande, wo es hingehöre. Mit seinem Ergebnis ist er mit Einbruch der Dunkelheit zufrieden. Nun hofft er auf einen Kurs für Fortgeschrittene.
Bei fünf Teilnehmern ging die Initiative an diesem Abend von ihnen selbst aus. Damit liegt der Frankfurter Kurs unter dem üblichen Anteil, sagt Erdmann. Häufig entdecken zwar die Partnerinnen das Angebot und geben den Hinweis weiter. Die Anmeldung übernehmen anschließend jedoch meist die Väter selbst.
Was an diesem Abend wie eine vergnügliche Fingerübung wirkt, gehört in vielen Familien zu einer morgendlichen Aufgabe, die noch immer oft von den Müttern erledigt wird. Erdmann möchte mit ihren Kursen einen kleinen Teil dieses Mental Loads neu verteilen. Eine Mutter berichtete ihr, sie sei wegen des Kämmens und Frisierens jeden Morgen etwa zehn Minuten zu spät zur Arbeit gekommen. Seit der Vater diese Aufgabe übernommen habe, komme sie pünktlich.
Dass Frauen automatisch kunstvolle Zöpfe beherrschten, hält Erdmann für Unsinn. Auch sie mussten es sich irgendwann beibringen. Deshalb wundert es Erdmann kaum, dass auch viele Frauen zu den Kursen kommen wollen. Anfragen kämen auch von Großeltern und Erzieherinnen. Für 2027 erwägt sie deshalb offene Workshops. Sie möchte aber im Kern bei dem Konzept bleiben, die Väter ein bisschen mehr in die Pflicht zu nehmen. Dafür bringe sie den Männern immer auch zwei Frisuren bei, die von den Grundfähigkeiten eines Durchschnittsflechters abweichen. „Auch die Papas sollen zu Hause eine eigene Spezialität haben.“
Nach den Kursen erhält Erdmann oft zahlreiche Fotos. Besonders gern erzählt sie von einem Vater, der am Tag nach seinem Kurs in eine Drogerie gegangen sei. Er habe sich Haargummis und Zubehör gekauft, alles in einen kleinen Werkzeugkoffer gelegt und diesen fortan als Stylingkoffer verwendet.
Im Hinterhof sind inzwischen aus ersten lockeren Zöpfen sechs recht ansehnliche Frisuren geworden. Zeit, aufzubrechen. Auch Stefan Schneider packt zusammen. Ob seine Tochter seine Fortschritte am nächsten Morgen anerkennen wird, muss sich erst zeigen. Falls das Urteil gewohnt streng ausfällt, weiß Schneider zumindest, was zu tun ist: neu abteilen, durchatmen und geduldig Strähne für Strähne übereinander legen.
