Schnellen Schrittes ging er vom Rasen, fasste sich ins Gesicht, an die Augen, die sich mit Tränen füllten. Als er den Kabinengang erreichte, konnte er sie nicht mehr zurückhalten, sie brachen aus ihm heraus. Wieder ein Griff ins Gesicht, doch die Hand konnte nichts verbergen. Vermeintlich unbeobachtet wähnte sich Cristiano Ronaldo auf dem Weg in die Kabine womöglich, doch eine Fernsehkamera verfolgte ihn auf dem Trauermarsch, alle Fußballwelt sah zu, wie er weinend die Weltmeisterschaftsbühne verließ.
„Es war meine letzte Weltmeisterschaft, ja.“
Danach sagte er: „Es war meine letzte Weltmeisterschaft, ja.“ Wer diesen Satz hörte, sollte bedenken, was nach den Tränen von Doha kam, zumal Ronaldo seine Worte gleich wieder aufweichte, als er auf die Nachfrage, ob das nun wirklich seine letzte WM gewesen sei, antwortete: „Höchstwahrscheinlich.“
CR7 zum Siebten, beim WM-Heimturnier 2030, das Portugal mit Spanien und Marokko – und, weil der Weltverband es so will, auch noch mit Argentinien, Paraguay und Uruguay – ausrichtet? Es gäbe ja durchaus noch Ziele für den ewigen Rekordjäger: der älteste WM-Spieler überhaupt zu sein etwa. Das ist bislang der ägyptische Torwart Essam El-Hadary mit 45 Jahren und 161 Tagen. Noch. Ronaldo wäre am Eröffnungstag der WM 2030 45 Jahre und 123 Tage, am Tag des Endspiels 45 Jahre und 166 Tage alt – fünf Tage älter als El-Hadary!
Wer es gut mit Ronaldo und der portugiesischen Nationalmannschaft meint, sollte ihm diese Zahlen aber vielleicht besser nicht verraten, sonst kommt er womöglich noch auf eine gar nicht so gute Idee. Denn wer Ronaldo am Montag auf dem Rasen sah – bevor ihm die Tränen in die Augen stiegen – der musste erkennen, dass alles seine Zeit hat, auch ein Cristiano Ronaldo. Sie ist abgelaufen. Nur noch 16 Ballkontakte hatte er, selbst die Torhüter hatten deutlich mehr. Ronaldo bemühte sich, mehr nicht, und das vergeblich.
Ob die 233 Länderspiele und 146 Tore, darunter 27 Partien mit elf Treffern bei einer WM, nun auf ewig in der Statistik stehen, ob er seinen Vertrag für den saudischen Klub Al-Nassr bis Mitte 2027 erfüllen wird oder ob er seine Karriere ganz beendet – darauf gab er keine finale Antwort.
„Ich habe drei Titel für Portugal gewonnen“
„Ich treffe keine Entscheidung im Affekt, nehme mir Zeit zum Nachdenken“, sagte er, verschwand in den Katakomben des Stadions der Dallas Cowboys, ohne seinen Hut endgültig zu nehmen. Er hinterließ dabei das Bild eines Mannes, der die Zügel irgendwie immer noch nicht ganz loslassen kann.
Für die Seleção Portuguesa de Futebol, der Eindruck blieb, wäre es besser, wenn es Ronaldo gut sein ließe. Etwas Illeismus samt eigener Zeitrechnung, mit der er die Geschichte des portugiesischen Fußballs in Jahre vor und nach Cristiano teilte, sei verziehen: „Ich habe drei Titel für Portugal gewonnen. Vor Cristiano hatten sie keinen einzigen Titel gewonnen“, sagte er über sich und die Nations-League-Siege 2019 und 2025, allen voran allerdings über die Europameisterschaft 2016, „mein größter Titelgewinn. Der hat für mich dieselbe Bedeutung wie eine Weltmeisterschaft“.
Dennoch, auch dieses Gefühl blieb nach dem Ausscheiden in Arlington durch das Tor von Mikel Merino in der Nachspielzeit, haben die Portugiesen ihr Potential nicht gänzlich ausgeschöpft in all den Jahren der vermeintlich goldenen Generation, trotz eines Ronaldo. Oder eher wegen Ronaldo?
Die Antwort gleicht der alten Glaubensfrage „Lionel Messi oder Cristiano Ronaldo“. Nicht alle werden ihm eine Träne nachweinen, wenn er die Bühne in der Landesauswahl tatsächlich für die vielen anderen hervorragenden Spieler räumt. Für die Spieler Mitte zwanzig, im besten Fußballalter.
Wie Vitinha, Rafael Leão, Pedro Neto, João Félix, 26 Jahre alt, wie Francisco Conceição, 23, wie João Neves, 21. Und wie Mittelstürmer Gonçalo Ramos, 25 Jahre alt, der gegen Spanien gar nicht ins Spiel kam, weil Trainer Roberto Martínez eisern an Ronaldo festhielt – anders als sein Vorgänger Fernando Santos, der es bei der WM 2022 tatsächlich mal wagte, Ramos vorzuziehen. Das Ende der Geschichte: Santos musste gehen, Ronaldo blieb.
Roberto Martínez: „Es ist das Ende eines Zyklus“
Das traute sich Martínez nicht. Als es gegen Spanien Impulse brauchte, ging João Félix, dann gingen Pedro Neto und Vitinha. Nicht aber Ronaldo, der in der zweiten Halbzeit nur noch siebenmal an den Ball kam und am Ende eher wie sein eigenes Denkmal auf dem Platz stand als wie ein Spieler, der noch etwas bewegen kann. Der Trainer verwies darauf, Ramos’ Zeit wäre in der Verlängerung gekommen. Doch zu der kam es gar nicht mehr.
Ramos‘ Zeit wird dennoch kommen, die von Martínez indes ist abgelaufen, das bestätigte der Spanier selbst nach dem Aus gegen sein Heimatland. „Ich bin nach Portugal gekommen, um die Weltmeisterschaft zu gewinnen – ohne Titel macht es keinen Sinn, weiterzumachen“, sagte er. Sein Vertrag lief mit dem letzten Spiel der WM-Kampagne aus. „Es ist das Ende eines Zyklus. Ich nehme die Erinnerungen mit und hoffe, dass auch die Portugiesen diese dreieinhalb Jahre in guter Erinnerung behalten werden.“
Ein Portugiese wird nicht dazuzählen. Verbandspräsident Pedro Proença, früher ein Spitzenschiedsrichter und seit gut einem Jahr in seiner neuen Verbandsposition, postete nur rund eine Stunde nach der Niederlage in den sozialen Medien eine Erklärung, in der er Martínez – und seine Erfolge – unerwähnt ließ. Vielmehr beklagte er, das WM-Ergebnis sei „unter den Erwartungen“ und „nicht im Einklang mit der Qualität unserer Spieler“.
Womöglich können sie die mit neuem Trainer – gehandelt wird allen voran Jorge Jesus – besser ausspielen. Und womöglich ohne Ronaldo. Luis de la Fuente, der kluge Trainer der siegreichen Spanier, sprach nach Martínez im Stadion über einen Tipp, den er seinen Spielern gerne gibt: „Schaut nicht immer auf den gleichen Punkt.“ Der Ball sei „wie ein Magnet. Alle schauen nur auf ihn“, sagte er. Aber das sei nicht gut. Es gebe im Spiel so viel mehr zu beachten. Wahrscheinlich hilft den Portugiesen tatsächlich am meisten, wenn der Magnet Ronaldo fortan nicht mehr alles an sich zieht.
