
Der Kunststoffkonzern Covestro will an seinem Standort in Shanghai eine neue Großanlage für das wichtige Vorprodukt MDI bauen. Sie soll eine Kapazität von 660.000 Tonnen im Jahr haben und Ende des Jahrzehnts in Betrieb gehen, teilte das Leverkusener Unternehmen am Dienstag mit. Die konkrete Summe nennt das Unternehmen zwar nicht, der Covestro-Vorstandsvorsitzende Markus Steilemann sagte allerdings der F.A.Z.: „Branchenüblich rechnet man mit anderthalb bis zwei Milliarden Euro für so eine Investition.“
Zudem prüft Covestro, ob es in den Vereinigten Arabischen Emiraten (VAE) ebenfalls eine weitere Anlage in ähnlicher Größenordnung bauen kann. Covestro ist Ende des vergangenen Jahres für rund 14 Milliarden Euro von XRG übernommen worden, dem Investmentvehikel des staatlichen Ölkonzerns aus Abu Dhabi, Adnoc.
Als Bekenntnis zu den „langfristigen Wachstumsambitionen im MDI-Markt“ bezeichnete Steilemann die Investition. Methylendiphenyldiisocyanat fließt als Vorprodukt etwa in Kunst- und Schaumstoffe oder in Dämmplatten, die im Bau oder der energetischen Sanierung verwendet werden. Auch in Haushaltsgeräten oder Konsumgüterprodukten steckt MDI. In Deutschland steht etwa in Brunsbüttel eine große Produktion für MDI von Covestro. „Die Ankündigung bedeutet nicht, dass wir Europa abgeschrieben haben oder nicht mehr in Wachstum investieren“, sagt Steilemann. „Zurzeit ist das Wachstum in Asien aber am stärksten.“
Chemie in Europa steht unter Druck
Während viele Branchen ächzen und darunter auch die Chemieindustrie leidet, ist die Nachfrage nach MDI erstaunlich krisenresistent, der Markt wächst im Jahr im Durchschnitt um vier Prozent. Und in der Region Asien-Pazifik ist die Nachfrage überproportional. Covestro rechnet damit, dass das Nachfragewachstum so stark ist, dass es den Ausbau der Produktionskapazität übertrifft. Gleichzeitig heiße das nicht, dass die Anlagen in Europa dadurch an Bedeutung verlören. Neben Brunsbüttel liegen die wichtigen MDI-Standorte in Spanien, im belgischen Antwerpen und im Chemiepark in Krefeld-Uerdingen.
„Zurzeit sind die hiesigen Anlagen für die Belieferung des europäischen Marktes wettbewerbsfähig“, sagt Steilemann. Früher spielte der Export eine wichtige Rolle in der Anlagenauslastung, in der gesamten Branche sind die Ausfuhren für energie- und rohstoffintensive Produkte allerdings fast gänzlich eingebrochen. Und auch die europäischen Kunden, etwa die wichtige Autoindustrie, stehen unter Druck und bestellen daher deutlich weniger.
„Verringerte Exportaktivitäten treffen in der Industrie also auf einen sinkenden Absatz. Das treibt den Drang, in bestimmten Teilen der chemischen Kette über Strukturmaßnahmen nachzudenken“, sagt Steilemann, der auch Präsident des Chemieverbands VCI ist. Seit 2022 sind in Europa 37 Millionen Tonnen Chemikalienkapazität abgebaut worden, was etwa neun Prozent der europäischen Produktionskapazität entspricht.
Wachstum erwartet Covestro aus China und den Emiraten
Chemieunternehmen haben seitdem rund 40.000 Arbeitsplätze abgebaut. Zuletzt hatte etwa der Spezialchemiekonzern Evonik angekündigt, einen Produktionsstandort zu schließen und Tausende Stellen zu streichen. Gerade Basischemikalien sind aufgrund des Preisdrucks aus Asien hierzulande kaum noch wettbewerbsfähig herzustellen. Die deutschen Spezialchemiekonzerne fokussieren sich daher. Für Steilemann ist das nur konsequent: „In Feinchemikalien und Nischen mit hoher Innovation und forschender Entwicklung kann man hier nach wie vor aber hervorragende Margen erzielen.“
Aber nicht nur, was die Kosten angeht, hat China für Covestro Vorteile. Neben der eigentlichen MDI-Produktion werden an dem Verbundstandort in Shanghai weitere Anlagen und Infrastruktur für Vorprodukte gebaut, was die Wertschöpfung am Standort erhöht. Von den vier Milliarden Euro, die Covestro bisher in China investiert hat, sind drei Milliarden in den Standort geflossen. Die Anlage ist so ausgelegt, dass sie durch den Bezug von Grünstrom klimaneutral betrieben werden soll. Ob die Energie aus Wasserkraft, Solar oder Windenergie kommt oder auch die chinesischen Atomreaktoren eine Rolle spielen, sei noch in Klärung, sagte Steilemann.
Auch in der Region des neuen Eigentümers will sich Covestro stärker engagieren. So prüft das Unternehmen, in den Vereinigten Arabischen Emiraten eine MDI-Anlage zu bauen. Dafür hat sich das Unternehmen mit dem Industrieparkanbieter Ta’Ziz und dem Ammoniak-Anbieter Fertiglobe zusammengeschlossen. Beide Unternehmen gehören zum Portfolio von XRG beziehungsweise Adnoc.
Partnerschaft mit Adnoc-Gesellschaften
„Die Planung im Mittleren Osten hat den Hintergrund, dass wir dort den Zugang zu zuverlässigerer und kostengünstigerer Rohstoff- und Energieversorgung haben“, sagt Steilemann. „Daher glauben wir, dort eine der wettbewerbsfähigsten Anlagen weltweit bauen zu können.“ Beliefert werden könnte von da nicht nur Indien, sondern auch Südeuropa und dort vor allem die Türkei, wo wichtige Industriekunden sitzen.
Einen Ölkonzern als Finanzier im Rücken zu haben, sei aber kein Selbstläufer, argumentiert Steilemann: „Die neue Partnerschaft ist keine Partnerschaft, die zur Faulheit einlädt. Genau das Gegenteil ist der Fall“, sagt der Covestro-Chef. Mindestens die Hälfte seines Arbeitstages verbringe er damit, an Effizienz und Effektivität für das Unternehmen zu arbeiten, um es noch schlagkräftiger und schneller zu machen. „Wir haben die Möglichkeit, zu investieren, aber es wird nur investiert, wenn wir hochgradig profitabel sind“, sagt Steilemann. „Leistung steht absolut im Vordergrund. Das Recht zu wachsen müssen wir uns verdienen.“
