
Begonnen hatte der Roman mit einem Mann, der in seinem Hotelzimmer in Venedig im Bett liegt und eine verbotene Zigarette raucht, weil seine Freundin ihn zum vierten Mal verlassen hat. Von Venedig ist in „Eine einfache Wahrheit“, Corinna Krenzers erstem Roman, nicht mehr viel übrig geblieben. Jetzt konzentriert sich das Geschehen auf ein mecklenburgisches Dorf und den Versuch einer dort aufgewachsenen Frau, endlich herauszufinden, wieso ihr Vater nach der Flucht in den Westen Suizid beging. Nur noch die verbotenen Zigaretten werden auch im fertigen Buch geraucht, das am 21. Juli erscheint und das Krenzer am Vorabend in Bad Homburg vorstellt. Und die Freundin heißt noch immer Marie.
Aber jetzt ist anstelle von Johannes Janna auf der Suche nach sich selbst. Und nach der Wahrheit, die sich als alles andere als einfach herausstellt. Was vor mehr als 30 Jahren geschah, enthüllt sich der ins Dorf zurückgekehrten Besucherin, die damals noch ein Kind war, erst nach und nach. Vieles hat sie geahnt, manches erfährt sie erst jetzt. Was sie über ihren Vater und die Nachbarn von einst dachte, muss sie revidieren. Mit der Flucht der Familie aus der DDR verhält es sich gründlich anders, als sie lange geglaubt hat. Und die Tragödie des väterlichen Todes hat einen noch viel erschreckenderen Hintergrund als gedacht.
Mit seinen Umschwüngen und Erkenntnissen spiegelt der Weg der Hauptfigur die Erfahrungen Krenzers beim Schreiben. „Für mich beginnt alles mit einer ersten Szene, die ich im Kopf habe“, sagt sie: „In dieser Szene war die Hauptfigur ein Mann.“ Johannes, allein im Hotelzimmer der Lagunenstadt. Keine schlechte Szene. Aus ihr kann man etwas machen: „Was führt dazu, dass dieser Mann in dieser Suite liegt und so gar nicht angefasst wirkt?“ Krenzer machte es Spaß, sich in die Suche nach Antworten zu vertiefen. Sie konnte ja nicht ahnen, dass ihr Verleger Jahre später alles umstoßen würde. Aber der Weg der Autorin zum veröffentlichten Roman verlief ohnehin anders als der vieler Kollegen.
Schreiben in Vollzeit geht nicht
Das Fachmagazin „Börsenblatt“ hat vor Kurzem Schriftsteller vorgestellt, die das Schreiben aufgegeben haben und Zugbegleiter, Lehrer und E-Learning-Spezialisten in der Erwachsenenbildung geworden sind. Krenzer hat immer gearbeitet, schon während des Studiums, auch gleich danach. Das Schreiben ist nicht ihr Hauptberuf geworden: „Ich kann nicht Vollzeit schreiben, obwohl ich es gerne würde.“
Geboren wurde sie 1989 in Frankfurt-Rödelheim, wo sie auch aufwuchs. Sie sei nie richtig aus ihrer Heimatstadt weggekommen, sagt sie: „Es zieht mich nichts für immer weg aus Frankfurt.“ Trotzdem ist sie vor Kurzem nach Bad Homburg hinausgezogen, der Naturnähe zuliebe. Sie wandert gerne, fährt Kanu, neuerdings auch Mountainbike. Und ihr größtes Hobby sind ohnehin Spaziergänge mit ihrem Hund Cerberus.
Bad Homburg kennt sie schon länger. Nach dem Abitur machte sie eine Ausbildung zur Industriekauffrau beim Pharma-Unternehmen Lilly und merkte, dass ihr das Kaufmännische und die bezahlte Arbeit lagen, das pünktliche Sitzen am Schreibtisch aber nicht. Sie wechselte an die Goethe-Universität, wo sie Geschichte studierte, klug kombiniert mit Betriebswirtschaft, aber auch mit Ethnologie: „Ich habe mich schon immer für unterschiedliche Lebenswelten interessiert.“
Kurzerhand eine neue Hauptfigur
Das Sitzen in Bibliotheken zwischen Büchern fand sie belebender als die Bürobeleuchtung, aber ihre Verbindungen zur Arbeitswelt hielt sie, baute bei Lilly einen innerbetrieblichen Unterricht auf, der die Auszubildenden auf ihre Prüfungen vorbereitet. Als IT-Recruiterin in einer Agentur vermittelte sie außerdem freiberufliche Software-Entwickler oder Projektleiter an Kunden, die sie brauchten. „Ich hatte schon immer ein Händchen für Technik.“ Krenzer ist mit Computern aufgewachsen, ihr Vater war Software-Entwickler.
Beruflich hat sie all das kombiniert: „Ich mache jetzt Werbetexte für IT-Unternehmen.“ Ihre Agentur Goodkom an der Fürstenbergstraße im Westend, bestehend aus ihr, einem weiteren Geschäftsführer und einem Kreis fester freier Mitarbeiter, entwirft Strategien für Start-ups und Finanzunternehmen. „Das ist das, was ich in meiner Arbeit am liebsten mache – eine Marke aufzubauen und ihr eine Persönlichkeit zu geben, eine Identität.“
Jemand, der das schätzt, hat auch nichts dagegen, wenn der Verleger zur Autorin sagt, die Hauptfigur des Romans müsse umgeschrieben werden: vom Mann zur Frau. Krenzers Verleger Lars Claßen vom Münchener Kjona Verlag kam 2025 mit dieser Forderung auf sie zu. Sie überlegte gründlich, ob sie mit dem Eingriff einverstanden war. Ihre berufliche Erfahrung half ihr: „Ich bin sehr daran gewöhnt, dass jemand sagt, mach das noch mal anders.“
Runderneuert in drei Monaten
Krenzer näherte sich Claßens Anregung über längere Zeit: „Es änderte sich nicht nur die Figur, sondern die ganze Geschichte.“ Das gefiel ihr: „Es war ein Upgrade. Sie wurde intensiver, es gab ihr eine Dimension, die bis dahin gefehlt hatte.“ Sie nahm den Vorschlag des Verlegers an: „Es stärkt das Band von mir zum Buch und das von der Figur zur Leserin.“
Also wurde aus Johannes Janna. Und der Konflikt eines Sohnes mit seinem Vater um das Streben nach Erfolg verwandelte sich in die Begegnung einer Tochter mit der Wahrheit über die Ausweisung ihrer Familie aus der DDR. Drei Monate lang arbeitete Krenzer um: „Eigentlich habe ich ein komplett neues Manuskript geschrieben.“ Der Verleger hatte damit gar nicht gerechnet: „Ich war extrem erschöpft, aber wir waren alle sehr glücklich.“
So fühlt Krenzer sich noch immer. Denn etwas kommt zum Abschluss. Oder beginnt endlich: „Es gibt von mir Kinderfotos, wo ich im Garten meiner Familie oben auf dem Kirschbaum sitze, mit einem Notizbuch in der Hand.“ Sie hat schon immer geschrieben. Und gelesen. Als Kind Westernromane, des Abenteuers wegen und weil sie Pferde liebt, später Fantasy und Isabel Allende, dann John Irving, John Updike und Ernest Hemingway.
Bis Mitte zwanzig schrieb sie für sich. „Ich hatte nie im Kopf, dass man das auch für Publikum kann.“ Ihr kam es vor wie die Schauspielerei: „Jeder will Hollywoodstar werden. Aber das verfolgt man doch nicht.“ Erst nach dem Studium dachte sie, dass es den Versuch vielleicht doch wert sei. Zwar lenkte sie die Arbeit ab, schließlich wollte die Karriere gestaltet werden, aber sie blieb dran: „Das Schreiben war mein Nebenjob, abends und am Wochenende.“
2022 schaffte sie es in das Finale des Nachwuchswettbewerbs „Open Mike“, da hatte sie eine frühe Version ihres allerersten Romans schon fertig, stand bei einer Agentur unter Vertrag und hatte mit der Arbeit an „Eine einfache Wahrheit“ begonnen. Jetzt ist das Buch ein ganz anderes, aber es ist da. Und zeigt, dass das Einfache manchmal sehr kompliziert ist, das Komplizierte sich durch eine klare Entscheidung aber auch vereinfachen lässt.
„Eine einfache Wahrheit“, 20. Juli, 19.30 Uhr, Supp’s Buchhandlung, Louisenstraße 83a, Bad Homburg
