Frau Orlopp, Unicredit hält jetzt fast 50 Prozent der Stimmrechte an der Commerzbank. Was nun?
Wir haben das heute wie alle anderen zur Kenntnis genommen. Wir hatten allerdings etwas länger Zeit, uns darauf einzustellen, weil wir täglich in die Aktionärsstruktur reinschauen können. Was uns in unserem Auftrag, uns für unsere Aktionäre einzusetzen, bestätigt: Von dem freien Aktionariat – das waren rund 70 Prozent – wurde nur ein kleiner Teil der Aktien, nämlich weniger als ein Drittel, angedient. Und wenn man genauer hinschaut, sind es vor allem mit Unicredit verbundene Banken und Parteien, die ihre Aktien angedient haben, weniger die institutionellen Investoren und Privatanleger. Diese beiden Gruppen haben zusammen weniger als zwei Prozentpunkte ausgemacht.
Wer getauscht hat, ist irrelevant. Es gibt doch keine Aktionäre zweiter Klasse.
Das stimmt, deswegen müssen wir ja auch einen konstruktiven Dialog schaffen. Es gilt Instabilität zu vermeiden.
Unicredit hat den Anteil auf fast 50 Prozent ausgebaut. Ist Ihre Verteidigungsstrategie gescheitert?
Nein. Als wir im September 2024 gestartet sind, war der Aktienkurs noch nicht da, wo er sein sollte. Wir haben seither eingelöst, was wir dem Markt und den Investoren versprochen haben. Wir wollten Wert schaffen und keine Abwehrstrategie verfolgen, die Wert vernichtet. Das haben wir eindrücklich bewiesen. Wir haben ein Rekordjahr 2025 hinter uns, sehr ambitionierte Ziele für 2026 und die Folgejahre. Der Aktienkurs hat sich seit September verdreifacht, seit Februar 2025 verdoppelt. Wir haben im letzten Jahr 2,4 Milliarden Euro an Aktionäre zurückgegeben. Jeder, der die Commerzbank länger kennt, weiß, dass das wirklich etwas Neues ist. Davon profitieren alle: Kunden, Mitarbeitende und Aktionäre. Dazu gehört auch die Unicredit.

Sie sagen, Sie sind weiterhin offen für konstruktive Gespräche. Die müssen jetzt aber mal deutlich konstruktiver werden, sonst läuft dieser ganze Prozess bis zum Sankt Nimmerleinstag.
Es gab immer wieder Gespräche zu jedem Quartal, und die wird es auch jetzt weitergeben. Es ist ja auch öffentlich geworden, dass ich nach der Hauptversammlung während des Übernahmeprozesses nochmal einen Versuch gemacht habe.
In anderen Ländern muss mit der „Put up or shut-up-Regel“ dann irgendwann mal zu einem Ende gekommen werden.
Ich bedaure durchaus, dass es das in Deutschland nicht gibt. Das brächte mehr Klarheit und würde sicherstellen, dass wirklich alle Aktionäre in einem offenen und transparenten Prozess entscheiden. Im Moment ändert sich kurzfristig nichts, weil die Stimmrechte erst dann faktisch zur Verfügung stehen, sobald die Genehmigung der EZB vorliegt. Und von einer qualifizierten Hauptversammlungsmehrheit, nämlich 75 Prozent, ist Unicredit noch ein Stück weit entfernt.
Hat Andrea Orcel jetzt andere Möglichkeiten, Einblick zu kriegen?
Das ist nicht ganz trivial, weil wir rechtlich weiterhin Wettbewerber sind. Wenn es in eine Vollkonsolidierung reinginge, stellen wir natürlich die Finanzdaten zur Verfügung, die notwendig sind. Wenn es aber zum Beispiel um bestimmte Kreditentscheidungen geht, wird das ein Graubereich. Das werden wir wahrscheinlich im Miteinander zwischen Unicredit, Commerzbank und der Aufsicht klären müssen.
Wie wird sich das Investorengespräch zum nächsten Quartal verändern?
Das kann ich noch nicht sagen, weil ich es noch nicht geführt habe. Wir werden das so machen, wie wir immer Gespräche mit Unicredit gemacht haben: sehr konstruktiv, sehr offen. Es gibt keine Frage, die wir nicht beantworten, wenn es nicht um wirklich vertrauliche Themen geht. Ich kann sagen, dass seit September 2024 keine einzige Frage der Unicredit von uns nicht beantwortet wurde.
Vor ein paar Monaten sagten Sie, das wird eine ganz schwierige Situation mit einem Großaktionär, der Wettbewerber ist.
Das ist auch immer noch so. Deswegen wird es bei diesem Quartalsgespräch, zu dem das Aktientauschangebot noch nicht abgeschlossen ist und damit die Stimmrechte nicht übertragen sind, so bleiben, wie wir es immer gemacht haben. Wir teilen Informationen wie mit allen anderen Investoren auch. Natürlich ist die Situation schwierig. Unicredit ist ein Wettbewerber, und das bringt Unruhe mit sich. Aber für das tägliche Geschäft ändert sich erstmal gar nichts.
Wann ist eine rote Linie überschritten, bei der Sie sagen: Jetzt geben wir es auf?
Von roten Linien halte ich nichts. Wir haben eine Verantwortung gegenüber unseren Aktionären, Kunden und Mitarbeitenden. Wir haben mehrfach versucht, einen konstruktiven Dialog zu führen, um zu sehen, ob es einen Weg zu einer gemeinsamen Strategie geben kann. Dafür muss es Schritte von beiden Seiten geben.
Was könnten denn solche Schritte sein?
Die Berücksichtigung der Stärken unseres Geschäftsmodells. Wir sind laut neuesten Bewertungen die bedeutendste Mittelstandsbank, die Firmenkundenbank Nummer Eins. Wir haben eine außergewöhnliche Position, weil wir ein besonderes Geschäftsmodell haben, gerade was das internationale Netzwerk angeht.
In dem Stadium sind wir aber schon länger. Muss es so etwas wie Schutzgarantien von Unicredit geben, um Bewegung in den Prozess zu bekommen?
Es muss ein Plan ausgearbeitet werden, in dem die wesentlichen Bereiche beschrieben sind und welche Auswirkungen dies auf den Markt hat. Darin muss auch beschrieben sein, was passiert, wenn es Krisen gibt und wer dafür die Haftung trägt. Deswegen ist die deutsche Bundesregierung ja auch so besorgt.

Unicredit hat kaum eine Prämie bezahlt. Lesen Sie daraus mangelnde Gesprächsbereitschaft ab?
Es ist nicht von der Hand zu weisen, dass Unicredit mehr braucht als nur die Kontrolle. Solange es keinen Beherrschungsvertrag, keine Verschmelzung, keinen Squeeze-out gibt, muss ich unabhängig agieren, weil es Minderheitsaktionäre gibt, die ich schützen muss. Jeder Vorstand, jeder Aufsichtsrat ist verpflichtet, einzig und allein im Sinne der Institution zu handeln, nicht im Sinne eines Großaktionärs. Um wirklich die von der Unicredit in den Raum gestellten Synergien zu realisieren – und erst daraus würde der Wert entstehen – brauche ich strukturelle Maßnahmen und qualifizierte Mehrheiten. Ich kann auch keine Integration durchziehen, ohne dass ich die Arbeitnehmervertreter an meiner Seite habe. Das funktioniert nicht.
Unicredit hat sehr ambitionierte Synergieziele kommuniziert.
In unserem Fall ist es so, dass wir kein Restrukturierungsfall sind. Wir sind sehr erfolgreich unterwegs und haben uns selbst sehr ambitionierte Ziele gesetzt, von denen wir überzeugt sind, dass sie erreichbar sind. Bisher haben wir bewiesen, dass wir liefern. Ein Mehrwert kommt nur durch eine Integration und Synergien. Dazu brauche ich zwingend eine sinnvolle Einigung über das Geschäftsmodell, die Unterstützung des Managements, des Aufsichtsrats, der Arbeitnehmervertreter und auch vom zweitgrößten Aktionär, dem Bund.
Was muss passieren, dass Sie persönlich sagen: Ich habe jetzt alles gegeben, es ist genug. Denken Sie an Rücktritt?
Ich habe eine Verpflichtung und einen Auftrag. Ich finde, da kann man sich nicht einfach verabschieden, weil es ein bisschen mühsam ist. Mein Vertrag läuft bis 2029. Solange ich das Vertrauen vom Aufsichtsrat, von den Mitarbeitenden und von den Kunden habe, stellt sich diese Frage für mich nicht.
Wäre Ihnen eigentlich ein anderer Übernehmer lieber? Also ein weißer Ritter?
Da habe ich mir gar nichts zu wünschen. Für mich ist das Wesentlichste, dass wir den Weg gehen, der aus Sicht unserer Stakeholder der Sinnvollste ist. Das fängt mit den Aktionären an: Was ist wertschaffend und wertstiftend? Für das Zielunternehmen, aber auch für das übernehmende Unternehmen. Aber es muss auch für die Kunden passen. Es muss ein Geschäftsmodell entstehen, das auch weiterhin attraktiv ist. Sonst haben wir alle mit Zitronen gehandelt, wenn die Kunden weggehen. Unicredit liegt künftig bei knapp unter 50 Prozent. Da ist Philosophieren über jemand anderen unangebracht.
Die Deutsche Bank hat 2019 mal dankend abgelehnt.
Da lief der Prozess aber ab, wie er sein sollte. Ich war dabei. Man hat sich zusammengesetzt und sich angeguckt, wie so eine Kombination aussehen könnte. Und beide kamen dann zu dem Schluss, dass es besser ist, wenn sich beide Häuser auf die eigene Transformation und Restrukturierung konzentrieren.
Wie kann eine Wertschaffung in einer Kombination mit Unicredit aussehen?
Das ist zum jetzigen Zeitpunkt nicht relevant. Unsere Ziele sprechen für sich. Wer hätte uns vor ein paar Jahren zugetraut, 2028 eine Eigenkapitalrendite von 17 Prozent zu erwirtschaften. Das schaffen wir allein. Um Synergien mit Unicredit zu heben, brauche ich Gespräche und eine Einigkeit darüber, wie das ablaufen kann. Integrationen sind schwierig, aber absolut machbar. Ich habe das mein halbes Leben lang gemacht. Aber sie sind aus meiner Sicht unmöglich, wenn der Angang feindlich ist. Ich brauche dafür zwingend eine funktionierende Sozialpartnerschaft. Wenn ich keine konstruktiven Gespräche zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmervertretern habe, verliere ich die Belegschaft. Ich verliere das Team, das jeden Tag für unsere Kunden da ist.
Wie finden Sie es eigentlich, dass der Bund noch immer mit 12 Prozent an der Commerzbank beteiligt ist? Sie führen ein im Dax notiertes, privatwirtschaftliche geführtes, saniertes Unternehmen. Ist es richtig, dass der Staat eine einzelne Bank schützt?
Im September 2024, als die damalige Bundesregierung ankündigte, die Beteiligung zu reduzieren, habe ich gesagt, dass ich den Plan verstehe, aber dass es dafür ein geordnetes Verfahren geben muss. Wir waren damals in einer besonderen Phase. Wir waren schon auf einem sehr guten Weg in der Restrukturierung, aber unser Aktienkurs hat das noch nicht reflektiert. Das ist nicht die beste Situation, etwas zu verkaufen. Die Haltung der Bundesregierung heute ist einerseits die eines Aktionärs, aber andererseits muss sie auch an den Standort denken.
Wann hatten Sie das letzte Mal direkten Kontakt zu Herrn Orcel?
Nach der Hauptversammlung, als ich diesen Versuch gemacht habe, einen konstruktiven Dialog zu führen.
Gab es gestern Kontakt anlässlich der Ergebnisverkündung des Angebots?
Nein, aber die nächste Quartalskommunikation wäre ein natürlicher Zeitpunkt. Da bieten wir wie üblich einen Termin an.
Empfinden Sie die noch ausstehende Freigabe durch die Aufsichtsbehörden als Schutzwall?
Nein, das ist das normale Verfahren. Der Auftrag ist trotzdem klar für beide Institutionen. Wir haben eine Verantwortung. Beide Banken sind systemrelevante Institute, die Stabilität sicherstellen müssen. Banking ist Vertrauen. Von daher haben wir eine Verantwortung, und wir sollten die nächsten Monate nutzen, um dieser Verantwortung gerecht zu werden.
Glauben Sie, dass Orcel das Interesse an der Übernahme verlieren könnte?
Das liegt nicht in unseren Händen, deshalb machen wir uns darüber ziemlich wenig Gedanken.
Welches Stimmungsbild nehmen Sie in der Organisation wahr?
Resilienz und Stabilität. Wir gucken uns sehr genau Kündigungsquoten und Kundenthemen an. Das ist sehr stabil. Kommunikation ist dabei sehr wichtig. Wir haben ein Format „Stand der Dinge”, in dem wir laufend informieren. Wir haben den Vorteil einer sehr flachen Hierarchie, wir erreichen sehr schnell alle Kolleginnen und Kollegen. Es ist eine kontinuierliche, konstante Kommunikation notwendig.
Wie schaffen Sie es, das Team so einzuschwören, dass die 2026er-Ergebnisse geliefert werden?
Der Antrieb von Anfang an war Wertschaffung für alle und die Interessen von Aktionären, Kunden und Mitarbeitenden auszubalancieren. Wir haben zum ersten Mal in Jahrzehnten eine kontinuierlich hohe Dotierungsquote bei der variablen Vergütung. Die Kolleginnen und Kollegen sehen, dass das, was sie leisten, auch ankommt. Wir haben das Versprechen eingelöst, dass wir mit zunehmender Profitabilität in unsere Mitarbeitenden investieren.
Wie anstrengend finden Sie die Situation persönlich?
Es ist wichtig, eine ausgewogene Balance zu haben und auch immer wieder für sich selber Zeit und für die Familie zu finden. Das hilft, und das mache ich auch.
Und wenn Sie in die Zukunft schauen, zur nächsten Hauptversammlung? Bislang ist die Unicredit ja noch nicht in Erscheinung getreten.
Erstmal wollen wir dieses Jahr gut beenden. Schließlich geht es in einer Hauptversammlung in erster Linie um das zurückliegende Geschäftsjahr. Und unser Aufsichtsratsvorsitzender Jens Weidmann macht vor jeder Hauptversammlung eine Governance-Roadshow. Er spricht mit Großaktionären über die Tagesordnung und Anträge. Ich gehe davon aus, dass er auch mit Unicredit sprechen wird.
