
Wenn Mordfälle nach vielen Jahren aufgeklärt werden, zeigt das vor allem eines: Der Rechtsstaat funktioniert. Der jüngste Cold Case, der unter dem Namen „Mädchen aus dem Main“ 25 Jahre lang in den Akten geführt wurde, ist ein eindrucksvoller Beleg dafür. Lange galt der Fall als unlösbar. Ein Opfer ohne Identität, ein Fundort, der nicht der Tatort war. Und familiäre Umstände, die es offenbar ermöglichten, dass das Opfer kein soziales Umfeld hatte, aus dem heraus das Fehlen eines Menschen überhaupt bemerkt worden war. Doch wie in so vielen anderen Fällen, in denen Menschen durch Gewalt zu Tode kamen, wurde auch dieser Fall immer wieder von Polizei und Staatsanwaltschaft aufgerollt. Und irgendwann ging dann doch der entscheidende Hinweis ein.
Der Fall reiht sich ein in eine Serie von Ermittlungserfolgen. Vor dem Landgericht Würzburg wird gerade zum zweiten Mal der Mord an einem 13 Jahre alten Mädchen verhandelt, das auf einem bayerischen Reiterhof getötet worden war. Vor zweieinhalb Jahren wurde vor dem Landgericht Darmstadt ein Mann für den Mord an der Jugendlichen Jutta Hoffmann verurteilt – 37 Jahre nach der Tat. Und auch der Mord an der hessischen Schülerin Johanna Bohnacker aus dem Jahr 1999 wurde letztlich aufgeklärt, weil es engagierte Ermittler gab. Die Serie ließe sich um viele weitere Fälle ergänzen.
So oft das deutsche Rechtssystem und mit ihm die Arbeit der Ermittlungs- und Strafverfolgungsbehörden gescholten und infrage gestellt werden: In diesem Punkt funktioniert das System. Der Grundsatz, Mord verjähre nicht, ist oft genug Ansporn, auch nach Jahrzehnten noch nach neuen Spuren zu suchen. Und nicht nur die kriminaltechnischen Möglichkeiten entwickeln sich weiter. Auch die Macht der medialen Verbreitung wird von den Behörden geschickt genutzt. Der Erfolg beim „Mädchen aus dem Main“ ist sicher auch dadurch zu begründen, dass der Fall aufgegriffen wurde von der Interpol-Kampagne „Identify Me“, die inzwischen Millionen erreicht.
Dennoch werden Fragen bleiben: Wie kann es sein, dass ein Mensch offenbar jahrzehntelang „unsichtbar“ lebt? Dass niemand eine Jugendliche vermisst? Alles deutet bislang auf eine Parallelwelt hin, in der das Mädchen mit seinem aus Pakistan stammenden Vater gelebt haben muss. Auch in dieser Hinsicht muss der Staat für Aufklärung sorgen.
