Es kann passieren, dass man bei einer Gartenparty in Los Angeles überraschend neben Christoph Waltz zu sitzen kommt, der nonchalant Rotwein nachschenkt und auch sonst kein Gewese macht um seine Anwesenheit. Natürlich ist er der Stargast der Veranstaltung, bei der es zu hochpreisigen Tickets um den Erhalt historischer Liegenschaften geht, die in Amerika vor dem Abriss bekanntlich nicht gefeit sind. Weniger bekannt ist Christoph Waltz’ Engagement. Über Architektur kann er einen ganzen Abend lang vergnüglich sprechen.
Der zweifache Oscarpreisträger, der seit vielen Jahren mit seiner Familie an der Westküste lebt, entzieht sich seiner Nachbarschaft nicht. Das mag an seinem ungewöhnlichen Lebensweg liegen, dessen Plot-Twist einem Hollywooddrehbuch entstammen könnte. Ein Schauspieler arbeitet jahrzehntelang, bleibt international weitgehend unbekannt und wird im fortgeschrittenen Alter scheinbar über Nacht zum Weltstar. Doch Hollywood entdeckte keinen Anfänger. Der späte Ruhm traf auf ein Können, das Waltz über Jahrzehnte geschärft hatte.
Die harte Schule des Handwerks
Der Schauspieler war bereits Anfang fünfzig, als mit der oscarprämierten Rolle des Hans Landa in Quentin Tarantinos „Inglourious Basterds“ der internationale Durchbruch kam. Drei Jahre später folgte als Kopfgeldjäger in Tarantinos „Django Unchained“ der zweite Oscar. Die Vorgeschichte beginnt in Wien, wo Waltz 1956 geboren wurde. Theater gehörte früh zu seiner Welt. Seine Großmutter war Burgschauspielerin, seine Eltern arbeiteten als Kostümbildner. Waltz ließ sich am Max-Reinhardt-Seminar ausbilden. In den folgenden Jahrzehnten war er dann allerdings vor allem in Serien wie „Ein Fall für zwei“, „Derrick“ oder „Kommissar Rex“ zu sehen, die eher für routiniertes Fernsehen stehen als für künstlerische Handschrift. Er nutzte sie als Schule des Handwerks.

Zur Schlüsselrolle wurde Roy Black in dem Fernsehfilm „Du bist nicht allein“ aus dem Jahr 1996. Darin verkörpert Waltz die Schlagerikone vom Wörthersee als einsamen, innerlich zerrissenen Mann, der eigentlich Gerhard Höllerich hieß und von einem anderen Leben träumte. Waltz zeichnet ein beklemmendes Porträt auf dem schmalen Grat zwischen öffentlichem Glanz und privater Verlorenheit. In „Der Tanz mit dem Teufel“ (2001), ebenfalls ein Film von Peter Keglevic, verschiebt er die Spannung ins Unheimliche. Richard Oetkers Entführer ist bei Waltz ein diabolischer Biedermann, dessen Sadismus sich allenfalls in einem Augenzucken offenbart.
In der Figur des SS-Mannes Hans Landa, der auf das Auffinden von versteckten Juden spezialisiert ist, treibt Waltz die Gleichzeitigkeit von Charme und Gefahr ins Unerträgliche. Tarantino hatte lange nach einem Schauspieler gesucht, der in der Lage war, zugleich kultiviert und bedrohlich zu wirken. Er verzweifelte an der Besetzung der Rolle. Der Film drohte zu scheitern, bis er auf den Österreicher stieß.
Auf der Leinwand entfaltet Waltz eine unberechenbare Präsenz. Und seine Rollenwahl verrät noch eine weitere Stärke. Er weiß den Reiz der zweiten Reihe zu schätzen. Sicher, er hat auch Hauptrollen gespielt, etwa in Polanskis Reza-Verfilmung „Der Gott des Gemetzels“. Doch gerade die Figuren, die aus der Tiefe des Raums kommen und nicht an der Rampe stehen, geben ihm die Freiheit, eigene Akzente zu setzen und schauspielerisch etwas zu riskieren. Sie müssen nicht den ganzen Film tragen. Bei Waltz tun sie es trotzdem.
Seine beiden Oscars gewann Waltz als bester Nebendarsteller. Und er setzt sich längst nicht zur Ruhe. Im Jahr 2025 war er gleich zweimal im Kino zu sehen. In Luc Bessons „Dracula“ spielt er den Priester, der den Vampir jagt, als Connaisseur des Bösen. In Guillermo del Toros Frankenstein-Adaption ist er als Waffenhändler Harlander zu sehen, der mit seinen Kriegserlösen Frankensteins Forschung finanziert. Den düsteren, moralisch ambivalenten Typen, die im Hintergrund ihr eigenes markantes Spiel treiben, ist er treu geblieben. Am Sonntag wird Christoph Waltz siebzig Jahre alt.
