Vor rund zehn Jahren fiel Jens Südekum eine ganz besondere Aufgabe zu. Der Ökonom von der Universität Düsseldorf musste in amerikanischen Podcasts erklären, warum Deutschland vom China-Schock nicht betroffen sei. Für viele Amerikaner war das schwer zu verstehen. China galt damals zunehmend als die schädliche Kraft, die die Welt mit Waren überschwemmte und die dem amerikanischen verarbeitenden Gewerbe schweren Schaden zufügte.
Der Verlust an Industriearbeitsplätzen im „Rust Belt“, im Rostgürtel, dem Kernland der amerikanischen Stahl- und Eisenindustrie im Mittleren Westen, wurde weitgehend der chinesischen Konkurrenz in die Schuhe geschoben – ebenso wie der Verfall vieler städtischer Gemeinschaften, weil lokale Unternehmen unter dem Druck des Wettbewerbs zumachten. Nicht nur Donald Trump, auch führende Politiker der Demokraten argumentierten gegen China für fairen und gegen freien Handel, um Wählerstimmen zu sammeln.
Der scheinbar ewige Exportweltmeister Deutschland schien mit alldem wenig zu tun zu haben. Der zunehmende internationale Handel habe Deutschland insgesamt substanzielle Beschäftigungsgewinne gebracht, schrieben Südekum und zwei andere Forscher, nachdem sie im Jahr 2013 die Folgen des wirtschaftlichen Aufstiegs von China und Osteuropas auf den hiesigen Arbeitsmarkt untersucht hatten.

„Deutschland war damals die große Ausnahme“, sagt Südekum, der heute Berater von Finanzminister Lars Klingbeil (SPD) ist. Es habe ein paar Parallelen zur Entwicklung in den USA gegeben. Die Schuhindustrie in Deutschland, die Textilindustrie in der Pfalz, Hersteller von einfachen Elektroartikeln vor allem in Oberfranken, von Spielwaren, das sei alles durch die ausländische Konkurrenz vor allem aus China rasiert worden. „Die positiven Effekte des Handels aber waren wesentlich stärker als die negativen“, sagt Südekum.
Deutsche Unternehmen exportierten mehr nach Osteuropa und nach China; sie profitierten mit Investitionen auch von günstigen Standortbedingungen der Nachbarn im östlichen Europa. Südekum nennt den Maschinenbau, die hochentwickelte Elektroindustrie und die Automobilwirtschaft. Regionen wie Baden-Württemberg und Bayern, in denen diese Branchen stark waren, hätten in besonderem Maße von der Einbindung in die internationale Arbeitsteilung profitiert.
Heute ächzen gerade diese Branchen unter zunehmendem Konkurrenzdruck aus China. Solarpanels, Batterien, Elektroautos, Windräder, aber auch hochwertige Maschinen und Elektrogeräte kommen nicht nur in Deutschland, sondern auch auf Drittmärkten zunehmend aus China und machen deutschen Industrieunternehmen das Leben schwerer. Das Schlagwort „China-Schock 2.0“ ist in aller Munde. Es weckt Assoziationen an De-Industrialisierung, an heruntergekommene Innenstädte, an Arbeitslose und Drogentote im Rostgürtel der Vereinigten Staaten.
Schätzung: 400.000 Stellen verloren wegen China
In einer groben Rechnung schätzt das arbeitgebernahe, als Gegner des freien internationalen Handels unverdächtige Institut der deutschen Wirtschaft (IW), dass die chinesische Konkurrenz seit dem Jahr 2019 Deutschland rund 400.000 Industriearbeitsplätze gekostet habe. Zum Vergleich: Von 2019 bis 2025 sank die Zahl der Erwerbstätigen im deutschen verarbeitenden Gewerbe um rund 520.000.
Andere Warnungen wirken geradezu abenteuerlich: Der europäische Industriekommissar Stéphane Séjourné sieht 29 Millionen Arbeitsplätze in der EU durch chinesische Überproduktion bedroht. Das wären 97,6 Prozent aller Beschäftigten im verarbeitenden Gewerbe in der Europäischen Union. Die EU, die für die Handelspolitik zuständig ist, hat schon den Auftrag der Mitgliedstaaten, weitere Gegenmaßnahmen vorzuschlagen, um die Konkurrenz aus Ostasien in Schach zu halten.
Eine Wende in der Außenwirtschaftspolitik
Es ist eine auffällige Wende in der Außenwirtschaftspolitik. Wurde in den vergangenen Jahren über handelspolitische Abwehr gegen China diskutiert, wurde dies überwiegend mit geopolitischen Argumenten begründet. Es ging darum, sich von China unabhängiger zu machen, um politisch weniger erpressbar zu sein. Das bekannteste Stichwort dazu sind die Seltenen Erden, in deren Verarbeitung die westlichen Staaten aus Umweltschutzgründen China einst ein faktisches Monopol überließen, das die Führung in Peking nun strategisch auszunutzen weiß.
Das zunehmende Murren gegenüber den chinesischen Wettbewerbern dagegen ist nicht geopolitisch, sondern überwiegend wirtschaftlich begründet. Die Angst geht um, dass die chinesische Konkurrenz hiesige Unternehmen ausspielt und in der deutschen Wirtschaft eine Spur der Verwüstung hinterlässt, wie sie viele Amerikaner mit dem ersten China-Schock in Verbindung bringen. Gemeint ist damit in etwa die Dekade nach dem Beitritt Chinas zur Welthandelsorganisation im Jahr 2001.

„Günstige Importe aus China haben damals die Kaufkraft amerikanischer Konsumenten erhöht und günstige Vorprodukte aus China die Produktionskosten in den USA verbessert“, fasst Gabriel Felbermayr den Stand der Forschung zusammen. Er sieht die damalige chinesische Konkurrenz als Teil des Strukturwandels, in dem die Vereinigten Staaten sich stärker auf gut bezahlte Dienstleistungen spezialisiert hätten. Sehr gut dokumentiert sei aber auch, dass manche amerikanischen Regionen, die bisher auf Industrie- oder Konsumgüter spezialisiert gewesen seien, unter der chinesischen Konkurrenz stark gelitten hätten, sagt Felbermayr. Er ist Mitglied im Sachverständigenrat zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung und Direktor des Wifo-Instituts in Wien.
China-Schock 1.0: In Amerika fehlte die Mobilität
Dass ein freierer Außenhandel den Wohlstand insgesamt hebt, dass einzelne Gruppen durch ausländische Konkurrenz aber verlieren können, wissen Ökonomen schon lange. Was sie am ersten China-Schock überraschte, war, dass die angeblich so mobilen Amerikaner gar nicht so mobil waren. Viele Menschen, die ihre Stellen verloren, blieben vor Ort und fanden nur noch niedrig bezahlte einfache Dienstleistungsjobs, anstatt in anderen Städten oder Bundesstaaten höher bezahlt neu zu beginnen. Die Immobilität ist der Grund, warum – je nach Ökonomengusto – der erste China-Schock oder der damalige technische Wandel schwere Narben in der Wirtschaft hinterließen.
Mit Blick auf den China-Schock 2.0 ist das ein Warnsignal für Europa, wo die Menschen noch weniger räumlich mobil sind als in den USA. Andererseits bieten europäische Staaten Arbeitslosen im wirtschaftlichen Strukturwandel mehr finanzielle Übergangshilfen und Regionalpolitik, als es sie in den USA gibt.
Gesamtwirtschaftlich gesehen sind Parallelen zwischen dem ersten und dem zweiten China-Schock nicht von der Hand zu weisen. Das deutsche Defizit im Warenhandel mit China hat sich in den vergangenen fünf Jahren auf fast zwei Prozent des hiesigen Bruttoinlandsprodukts verdoppelt; ähnlich ist die Entwicklung in der Europäischen Union. Das ist das Niveau, das die Vereinigten Staaten im Warenhandel mit China um das Jahr 2011 herum erreichten, zehn Jahre nach dem Beitritt Chinas zur Welthandelsorganisation.
Doch es gibt wichtige Unterschiede. Damals beschleunigte China mit billiger Lohnarbeit den Strukturwandel in westlichen Ländern, in denen die Produktion von Textilien, Schuhen, Möbeln oder einfachen Industriewaren nicht mehr richtig wettbewerbsfähig war. Deutschland war in dem Prozess schon viel mehr vorangekommen. So richtete der erste China-Schock hierzulande weniger Schaden an als in den USA oder in Italien.
Mindestens so wichtig ist, dass damals nicht nur Chinas Export in die Welt, sondern auch die Ausfuhr westlicher Länder nach China zulegte. Gerade Deutschland profitierte von der Nachfrage nach Maschinen, weil China seine Industrie aufbauen wollte.
Das ist heute anders. Der China-Schock 2.0 ist dadurch gekennzeichnet, dass China in Europa mehr Waren verkauft, zugleich aber auch viel weniger nachfragt. China ersetzt zunehmend früher importierte Produkte durch heimische Waren und wird in Kernbereichen der deutschen Industrie zum Wettbewerber.
China-Syndrom statt China-Schock
Das Wort China-Schock mögen passionierte Handelsökonomen eigentlich nicht hören. Felbermayr spricht lieber vom China-Syndrom. Die zunehmende Konkurrenz aus China sei kein vorübergehender Schock, sagt er. Deutschland und Europa müssten sich an die Wettbewerber aus China gewöhnen, so wie sie sich früher zum beidseitigen Vorteil an Wettbewerber aus Japan oder Südkorea angepasst hätten.
Julian Hinz vom Institut für Weltwirtschaft (IfW) in Kiel stört am Schlagwort China-Schock eher der Fokus auf die asiatische Großmacht. Er wirbt dafür, dass die Deutschen nicht nur auf den chinesischen Drachen starren, sondern mehr auf die Wettbewerbsfähigkeit ihrer Unternehmen im Vergleich mit allen Ländern achten sollten. „Der Warenhandel mit China macht gerade mal rund acht Prozent am gesamten deutschen Außenhandel aus“, sagt Hinz. Acht Prozent sind nicht wenig, aber auch nicht überragend viel.
In einer Studie über die Konkurrenz auf Drittmärkten außerhalb Deutschlands kommen die Kieler Ökonomen zu dem Schluss, dass nur rund ein Drittel der verlorenen deutschen Marktanteile auf chinesische Wettbewerbskraft zurückgehe. Überwiegend sind es demnach selbst verschuldete Gründe, die die deutsche Industrie schwächen. Über das genaue Ausmaß welcher Effekte mögen Ökonomen streiten. Klar ist aber, dass Deutschland und Europa nicht alle wirtschaftlichen Schwierigkeiten China in die Schuhe schieben können.
Deutschland schlägt sich bislang ganz gut
Ökonom Hinz erinnert auch an die Einsicht, dass der wirtschaftliche Erfolg eines Landes nicht am bilateralen Handel mit einem einzigen anderen Land zu messen ist. Immer geht es um den internationalen Handel insgesamt.
So betrachtet deutet trotz vieler Horrorwarnungen einiges darauf hin, dass Deutschland und Europa gesamtwirtschaftlich mit der chinesischen Konkurrenz bislang recht gut klarkommen. Auch wenn das Defizit im Warenhandel mit China steigt, steigt oder hält sich sehr stabil der Überschuss im Handel mit den anderen Staaten der Welt.
Zu einem guten Teil verdrängt die Einfuhr aus China nur Einfuhr aus anderen Staaten, ohne dass die Europäer in eine Abwärtsspirale gerieten. Ausfuhr und Einfuhr in die anderen Staaten (ohne China) wachsen im Trend, vor allem mit den europäischen Nachbarstaaten und – vor den Trump-Zöllen – auch mit den Vereinigten Staaten.
Das Gros der Einfuhr aus China sind zudem nicht Elektroautos oder Maschinen, sosehr diese auch die öffentliche Phantasie beleben, sondern Zwischenprodukte. Darauf macht der Ökonom Cedric Gemehl vom makroökonomischen Analyseunternehmen Gavekal aufmerksam. China habe sich mit billigen elektronischen Komponenten und Maschinen- oder Autoteilen zu einem bedeutenden Zulieferer für europäische Hightech-Unternehmen im verarbeitenden Gewerbe entwickelt. „Europäische Industrieunternehmen gewinnen einen großen Kostenvorteil“, sagt Gemehl.
In den Details der Außenhandelsstatistik finden sich nicht zuletzt Erfolge europäischer Unternehmen, die man in der Aufregung um chinesische Autos gar nicht vermuten würde. Deutschland erzielt im Handel mit batterieelektrischen Autos Überschüsse in Milliardenhöhe. In der gesamten EU ist der entsprechende Überschuss im vergangenen Jahr sogar noch gewachsen.
All das bedeutet nicht, dass der zunehmende Wettbewerbsdruck chinesischer Anbieter in für Deutschland wichtigen Branchen wie Autos oder Maschinen nicht existiert. Volkswagen, Mercedes & Co. verlieren nicht nur in China, sondern auch auf Drittmärkten Marktanteile. „China ist besser geworden und in den vergangenen Jahren, zumindest relativ zu uns gesehen, deutlich billiger“, sagt Jürgen Matthes vom arbeitgebernahen IW. „Ein erheblicher Teil der Preisvorteile beruht aber auf unfairen Wettbewerbsverzerrungen.“

Matthes hat mit Kollegen einen Kostennachteil für die europäische Industrie von 40 Prozent berechnet, der sich in den Jahren von 2020 bis 2025 aufgebaut habe. Dieser beruht auf dem Lieferkettendrama während der Pandemie, auf gestiegenen Energie-, Arbeits- und Kapitalkosten und auf den Klimaschutzkosten in Europa.
China hat gemäß der Analyse von Matthes den Kostenvorteil gleichermaßen perpetuiert, indem es die gebotene Aufwertung des Renminbi mit Markteingriffen der Zentralbank blockierte. Neben der Unterbewertung der Währung sehen Ökonomen auch die im internationalen Vergleich sehr hohen Subventionen der chinesischen Regierung für die Exportwirtschaft als eine Wettbewerbsverzerrung.
„China stellt wirklich tolle Produkte bereit und hat große technische Fortschritte erzielt. Das ist der Teil des Wettbewerbs, dem man sich als deutsches Unternehmen und als Rest der Welt stellen muss“, sagt Hinz vom IfW in Kiel. „Dann gibt es aber eben auch den Teil, der mit unlauteren Mitteln zustande kommt. Dagegen muss man etwas machen.“
Was genau, darüber rätseln die EU und viele Ökonomen. Nur wenige empfehlen, die vom chinesischen Staat subventionierten Waren einfach als Geschenk anzunehmen und sich allein um die eigenen hausgemachten Schwächen zu kümmern. Diskutiert wird vielmehr über Verhandlungen mit China bis hin zum erzwungenen Technologietransfer bei chinesischen Investitionen in Europa, über weitere gezielte Ausgleichszölle gegen chinesische Exportsubventionen, über temporäre Anpassungszölle, um der heimischen Wirtschaft etwas Luft zum Atmen zu lassen. Solche Zölle wären mit den Spielregeln der Welthandelsorganisation kompatibel. Über alldem steht die offene Frage, wie China auf solche Vorstöße reagieren würde.
Doch nicht nur die Angst vor dem chinesischen Drachen, sondern auch die Folgen für die heimische Politik treibt die Ökonomen um. Felbermayr etwa hält ein koordiniertes Vorgehen vieler vom China-Schock betroffener Länder für geboten. Doch sagt er auch: „Meine große Sorge ist, dass man mit dem Einsatz von mehr protektionistischen Instrumenten sich Luft verschafft, aber die viel wichtigeren Reformen zur Verbesserung der eigenen Wettbewerbsfähigkeit wieder verschleppt.“
