
Keramik wird eher mit der Kaffeetasse oder dem Badezimmer verbunden. Nicht mit der Verteidigungsindustrie, bei der es um Leben und Tod geht. Hochleistungskeramik schützt Soldaten und Fahrzeuge vor Geschossen und Splittern, weil sie extrem hart und zugleich leichter als viele metallische Werkstoffe ist. „Keramik kommt immer da zum Einsatz, wo andere Werkstoffe wie Metall oder Kunststoff versagen“, sagt Horst Garbrecht, der Chef der Industriesparte von Ceramtec mit Sitz in Plochingen unweit von Stuttgart.
Der Spezialist für Hightech-Keramik ist Europas einziger Substrathersteller. Er liefert die Basis, aus der andere fertige Produkte herstellen, die etwa in der Automobil-, Chip- oder Verteidigungsindustrie zum Einsatz kommen. „Zum ballistischen Schutz von Schiffen oder Fahrzeugen wird aktuell oft Keramik aus Aluminiumoxid eingesetzt. Das Material ist bei vergleichbarer Schutzwirkung erheblich dünner und leichter als die herkömmliche Panzerung mit klassischen Stahlsystemen“, sagt Garbrecht.
Man erhalte verstärkt Aufträge aus der Rüstungsindustrie. Der Anteil des Geschäfts mit ihr mache aktuell nur einen kleineren Anteil am Gesamtumsatz aus. Ceramtec, einst Teil der untergegangenen Metallgesellschaft, ist seit Längerem in der Hand von Finanzinvestoren und machte im vergangenen Jahr 685 Millionen Euro Umsatz, wobei rund 45 Prozent auf die Industriesparte entfallen. Die keramischen Substrate werden komplett in Europa produziert. Woher aber stammen die Grundstoffe dafür? Die Ausgangsmaterialien für die Substrate stammen zu 90 Prozent aus Europa und zu neun Prozent aus anderen Regionen der Welt außer China.
Genaue Prüfung der Zulieferer
Der Anteil aus China liegt aktuell bei rund einem Prozent, wie das Unternehmen mitteilt. Ceramtec prüft eigenen Angaben zufolge genau, woher seine Ausgangsstoffe kommen. Denn Rohstoffe hätten gewissermaßen einen individuellen chemischen Fingerabdruck. Die Spezifikationen für die Lieferanten seien so detailliert, dass man es in der Wareneingangskontrolle für die verwendeten Abbaumaterialien bemerken würde, wenn ein Rohstoff aus einer anderen Mine stamme. Bei den wichtigsten Zulieferpartnern werden den Angaben zufolge zudem regelmäßige Überprüfungen an den Produktionsstätten vor Ort durchgeführt.
Für die Industrie wird die Abhängigkeit von China und generell Asien zunehmend zum strategischen Risiko, weil wichtige Rohstoffe, Vorprodukte und Komponenten aus dem Land kommen und politische Konflikte Lieferungen jederzeit beeinträchtigen können. Für die Rüstungsindustrie ist das besonders heikel: Bei Waffen und militärischer Ausrüstung können Engpässe nicht nur die Produktion verteuern, sondern die Verteidigungsfähigkeit eines Landes beeinträchtigen. Garbrecht verweist auf den Automobilsektor.
„Das Umdenken hat erst dieses Jahr so richtig angefangen“
Im Oktober war die Produktion in der globalen Autoindustrie ins Stocken geraten, nachdem die Regierung in Peking Exportkontrollen für Nexperia-Chips aus chinesischer Fertigung verhängt hatte. Vorausgegangen war die Beschlagnahmung der Anteile der chinesischen Muttergesellschaft Wingtech durch niederländische Behörden und die Übertragung an einen Anwalt in Amsterdam. Begründet wurde dies später damit, dass der chinesische Eigner Wingtech drauf und dran war, Technologie und Produktionsanlagen nach China zu transferieren.
Ceramtec-Manager Garbrecht sagt: „Die Verteidigungsindustrie hat sich in der Vergangenheit noch nicht so intensiv mit der Frage beschäftigt, woher zum Beispiel die Keramik stammt, die sie in ihren elektronischen Komponenten einsetzt. Das Umdenken hat erst dieses Jahr so richtig angefangen. Das eröffnet uns neue Chancen.“ Außerdem verweist er darauf, dass die chinesische Regierung 14 europäische Unternehmen im Bereich Rüstung einer schärferen Exportkontrolle unterzogen habe. Jetzt sei es nicht mehr so einfach, in China Teile für den Einsatz im Rüstungsbereich zu bekommen. Die sind dort natürlich günstiger zu bekommen als aus europäischen Quellen.
Seltene Erden gibt es auch aus anderen Regionen
Asiatische Hersteller böten Substrate zu Kampfpreisen an, aber die Lieferkette könne jederzeit reißen. „Die Autoindustrie versucht seit dem einschneidenden Erlebnis mit Nexperia im Jahr 2025 deutlich intensiver, unabhängiger von Lieferanten aus Asien zu werden“, so die Beobachtung des früheren Metabo-Chefs. Drei von vier Substrat-Typen beziehen die Schwaben inzwischen „China free“, wie es der Manager formuliert. Aber: „Yttriumoxid bekommen wir aktuell nicht aus Europa. Der Stoff zählt zu den Seltenen Erden, für die China derzeit weltweit Hauptlieferant ist.“ Man brauche ihn in minimalen Dosen, um gewisse Materialeigenschaften herzustellen. „Und um trotzdem sicher produzieren und liefern zu können, haben wir uns einen mehrjährigen Vorrat angeschafft.“
Seltene Erden gebe es nicht nur in China, sondern in vielen weiteren Regionen der Welt. Man sehe aktuell, dass es einige Projekte außerhalb Chinas gebe, die sich mit der Trennung und Raffination dieser Seltenen Erden beschäftigen. „Die westliche Welt kann Seltene Erden bereits heute aufbereiten. Um Souveränität herzustellen, müssen wir diese Fähigkeiten aber ausbauen, ein anderes Preisniveau akzeptieren und den Rückstand an Kapazität und Erfahrung aufholen.“ Diese Entwicklung beobachte man sehr genau. „Wir haben auch Kunden in Südkorea, die bewusst bei uns einkaufen und nicht bei asiatischen Nachbarn oder in China.“ In Korea und Japan achte die Industrie schon länger darauf, die Abhängigkeit von China zu verringern. „In Deutschland und Europa ist man da erst am Anfang.“
Weiteres Standbein mit Wassertechnik
Keramische Substrate sind für die Elektromobilität unverzichtbar. Und durch den Hochlauf erwartet Garbrecht eine verstärkte Nachfrage in dem Bereich. Ceramtec ist auch außerhalb der klassischen Geschäftsfelder aktiv. Das Unternehmen hat seit Längerem die Technik für einen smarten Wasserzähler im Angebot. Die meisten arbeiten immer noch mit einem Flügelzellenrad, das mechanisch die Zähleruhr antreibt. Werden aber zwei Ultraschallsensoren genutzt, die auf Piezokeramiken basieren, der eine als Sender, der andere als Empfänger, erhält man ein Signal.
Das kann verarbeitet werden, und so lässt sich die verbrauchte Menge an Trinkwasser genau bestimmen. Ähnlich wie beim digitalen Stromzähler, der langsam in immer mehr Kellern Einzug hält, könnte das gleichfalls mit dem Smart Meter für Trinkwasser passieren. So eine Messeinrichtung kann ferner zur Ortung von Lecks in Wasserverteilnetzen genutzt werden, wie Garbrecht berichtet.
