
Jim Ratcliffe kann es nicht lassen. Eigentlich soll an diesem Freitag in Esbjerg, einer kleinen Hafenstadt an der dänischen Nordseeküste, eine große Party gefeiert werden. Anlass ist die Eröffnung des Greensand-Projekts: Zum ersten Mal gibt es in der Europäischen Union eine kommerziell funktionierende, vollständige Wertschöpfungskette für die Abscheidung, den Transport und die Speicherung von CO₂ (CCS). Viel Politprominenz ist nach Esbjerg gereist, um sich dieses Klimaschutz-Vorzeigeprojekt anzusehen, selbst der dänische König ist gekommen. Ratcliffes Konzern Ineos betreibt das Projekt, gemeinsam mit dem Ölkonzern Harbour Energy und dem staatlichen dänischen Nordsee-Fonds.
Doch der 73 Jahre alte Brite, Milliardär und Financier des Fußballklubs Manchester United gefällt sich in der Rolle des Klartextsprechers – und vermiest vor allem dem anwesenden EU-Energiekommissar Dan Jørgensen die Party, indem er mal wieder gegen die europäische Klimapolitik wettert. Vor allem der „dumme“ Emissionshandel ist ihm ein Dorn im Auge. Zudem sei Gas mehr als zehnmal so teuer wie in den USA, Importe aus China fluteten den Kontinent. Fazit: Die EU begehe „industriellen Selbstmord“.
Warum Ineos trotzdem in CCS investiert? Greensand soll aus Sicht des Chemie-, Öl- und Gaskonzerns den Beweis antreten, dass Europa seine energieintensive Industrie erhalten und trotzdem Emissionen reduzieren kann. Das Motto: Wenn es zu teuer ist, CO₂ zu vermeiden, dann entsorgen wir es eben.
Carbon Destroyer 1 transportiert CO₂ vor die Küste
In der ersten Phase des Projekts stammt es aus fünf kleinen Biomethananlagen. Hier lässt sich das Klimagas vergleichsweise einfach abscheiden, weil es in hoher Reinheit vorliegt, was den ganzen Prozess günstiger macht. Nach der Abscheidung wird es verflüssigt und mit Lastwagen zum Hafen in Esbjerg transportiert. Sechs Tanks können hier bis zu 6000 Tonnen bei minus 20 bis 25 Grad zwischenspeichern.
Vom Hafen in Esbjerg wird das CO₂ dann mit Spezialschiffen – das erste trägt den martialischen Namen Carbon Destroyer 1 – 250 Kilometer vor die Küste transportiert. Drei Tage brauchen sie hin und zurück. Im Nini-Reservoir angekommen, einem ausgeförderten Ölfeld, wird das CO₂ bei einem Druck von 200 bar 1,8 Kilometer unter dem Meeresboden verpresst.
Die Betreiber erwarten, dass zunächst bis zu 400.000 Tonnen jährlich in den Meeresboden injiziert werden können. Transport und Speicherung seien nicht sonderlich schwer zu skalieren, sagt Ratcliffe. Derzeit sind die Schiffe der limitierende Faktor, doch weitere sind schon in Bau. Mittelfristig sollen in dem alten Ölfeld vier bis acht Millionen Tonnen im Jahr untergebracht werden.
In Dänemark wird an einem Zementwerk abgeschieden
Dafür braucht Ineos aber mehr CO₂ – und hat dafür auch die deutsche Industrie im Blick. Man sei mit potentiellen Emittenten im Gespräch, bestätigt der Vorstandsvorsitzende von Ineos Energy, David Bucknall, im Gespräch mit der F.A.Z. Vorstellbar sei, dass das Klimagas zuerst mit Lastwagen, später auch mit Zügen aus Deutschland, Belgien und den Niederlanden nach Dänemark gebracht wird.
Greensand ist nicht das erste CCS-Projekt in Europa. Schon im vergangenen Jahr war in Brevik nahe Oslo unter großem Getöse das Longship-Projekt in Betrieb genommen worden; dort wird CO₂ an einem Zementwerk abgeschieden, per Schiff abtransportiert und unter dem Meeresboden verbuddelt. Dort können jährlich 1,5 Millionen Tonnen eingespeichert werden; bis 2028 soll die Kapazität auf fünf Millionen Tonnen steigen. Der „Spiegel“ berichtete kürzlich allerdings über Probleme bei der Abscheidung im Zementwerk von Heidelberg Materials. Im niederländischen Rotterdam soll im kommenden Jahr außerdem das Porthos-Projekt mit 2,5 Millionen Tonnen an den Start gehen.
Ob all das ausreicht, um die europäische Zielmarke von 50 Millionen Tonnen bis 2030 zu erreichen, bei deren Verfehlen den großen europäischen Öl- und Gaskonzernen hohe Strafen drohen? Dafür sei noch viel Arbeit nötig, sagt Bucknall. Denn jenseits der großen Leuchtturmprojekte hakt es an vielen Stellen.
Henne-Ei-Problem nicht nur beim Wasserstoff
Ähnlich wie beim Wasserstoffhochlauf bestehe beim Aufbau von CO₂-Infrastruktur grundsätzlich ein Henne-Ei-Problem, sagt Fabian Liss von der Klimaschutzorganisation Bellona Deutschland. In anderen Worten: Niemand investiert in Abscheideanlagen, wenn es keine Speicher und keine Transportmöglichkeiten gibt – und umgekehrt. Auch deshalb seien Vorzeigeprojekte wie Greensand so wichtig.
Hinzu kommt aber ein weiteres Problem: Die Abscheidung von CO₂ gehört derzeit zu den teuersten Lösungen, die für eine klimaneutrale Industrie benötigt werden. Liss glaubt deshalb, dass sie in großem Maßstab nur dort realisiert werden wird, wo sich der Ausstoß technisch nicht oder nur zu sehr hohen Kosten vermeiden lässt. Also in der Herstellung von Zement und Kalk, in der Müllverbrennung, vielleicht noch bei einigen Anwendungen in der Stahl- und Chemieindustrie.
Ineos hält sich zu den genauen Kosten des Greensand-Projekts bedeckt; im vergangenen Jahr bezifferte es den Aufwand für Bau von Transporthub und Speicherung auf etwa 135 Millionen Euro. Zudem hat der Energiekonzern 41 Millionen Euro Förderung aus dem europäischen Innovationsfonds bekommen. Auch die Biomethanproduzenten werden vom dänischen Staat unterstützt.
„Insgesamt zögern unter den aktuellen klimapolitischen Voraussetzungen viele Unternehmen, Projekte im Umfang von teils mehreren hundert Millionen Euro an den Start zu bringen“, sagt Liss. Damit meint er auch die Zweifel, die immer wieder an der Zukunft des europäischen Emissionshandels gesät werden, wie auch von Ratcliffe. Dabei würde ein höherer CO₂-Preis eigentlich helfen, die Projekte stärker in die Nähe der Wirtschaftlichkeit zu bringen. Der Ausstoß einer Tonne kostet derzeit 85 Euro, seine Vermeidung mittels CCS aber mindestens doppelt so viel, deutet auch Ratcliffe an. Diese Differenz muss derzeit noch mit staatlicher Förderung ausgeglichen werden.
In Deutschland gibt es erst seit wenigen Monaten überhaupt eine gesetzliche Grundlage für die Technik, denn die Grünen hatten sich jahrelang mit einem Bekenntnis schwergetan. Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) hingegen gilt als große Freundin von CCS. Sie will den Klimaschutz in der Industrie mithilfe von Differenzverträgen fördern, die Kostenunterschiede zu herkömmlichen Produktionsverfahren über 15 Jahre hinweg ausgleichen sollen. Dafür stellt der Bund in diesem Jahr fünf Milliarden Euro bereit.
An der diesjährigen Auktion haben sich 21 Unternehmen nicht nur mit Elektrifizierungs- und Wasserstoff-, sondern auch CCS-Projekten beteiligt, teilte das Wirtschaftsministerium am Freitag mit. Speicherprojekte gibt es in der deutschen Nordsee noch keine. Exxon Mobil hat kürzlich angekündigt, ein Gebiet 50 Kilometer vor der Küste Niedersachsens prüfen zu wollen. Die Erkundung wird aber noch Jahre dauern.
