
Mit Carsten Breuer rückt zum ersten Mal seit zwanzig Jahren ein deutscher General an die Spitze des exklusiven NATO-Militärausschusses. Die Wahl des deutschen Generalinspekteurs zum Sprecher der Generalstabschefs ist ein Zeichen persönlicher Anerkennung für einen Offizier, dessen Laufbahn unter Bundeskanzler Olaf Scholz und Verteidigungsminister Boris Pistorius (beide SPD) eine steile Kurve nach oben genommen hat. Zugleich aber wählten die in Kopenhagen versammelten Generäle den Repräsentanten des Staates an die Spitze ihres Military Committee, der nach den USA inzwischen den weitaus größten Beitrag zur europäischen Verteidigungsbereitschaft leistet. Zumindest den Geldsummen nach.
Der Vorsitzende des Militärausschusses gilt neben dem Oberbefehlshaber der alliierten Streitkräfte in Europa (Saceur) als einer der einflussreichsten Militärs der NATO. Er ist der wichtigste militärische Berater des Generalsekretärs und zugleich das Bindeglied, über das die gemeinsamen Empfehlungen der Generalstabschefs aller NATO-Mitgliedstaaten den politischen Entscheidungsgremien vorgelegt werden. Zudem werden über ihn Weisungen und Richtlinien des Militärausschusses an die strategischen Befehlshaber der NATO sowie an den Generaldirektor des Internationalen Militärstabs weitergeleitet.
In den vergangenen dreieinhalb Jahren war Breuer der führende militärische Organisator der Neuaufstellung der Bundeswehr – einer Armee, die über drei Jahrzehnte klein gespart worden war, allen Anzeichen wachsender russischer Aggressivität zum Trotz. Nun ruhen die Hoffnungen vieler NATO-Partner auf der bevölkerungsreichsten und ökonomisch (trotz allem) stärksten Macht in der Mitte Europas.
Breuer versuchte als Generalinspekteur das Mögliche, behindert von Umständen: Etwa von einer SPD-Fraktion, die sich gegen die Wehrpflicht stemmt, oder einer Industrie, die lieber Vorauszahlungen kassiert und Preisaufschläge verkündet, als Waffen und Ausrüstung zu liefern. Hinzu kommt eine Bundeswehr, die im Kampf gegen den eigenen Bürokratismus zu langsam vorankommt.
Bekannt wurde Breuer als Corona-General
Breuer war an diesen Fronten, eher ein still und beharrlich wirkender Veränderer, als ein großer Charismatiker. Ob er damit dem Ziel der Verteidigungsbereitschaft bis 2029 näher gekommen ist, bleibt abzuwarten. Es missfällt ihm jedenfalls, dass er für die prestigiöse Aufgabe in der strategischen Stratosphäre des Bündnisses seine heimische Aufbau-Arbeit beenden muss. Der gebürtige Sauerländer gehört der Bundeswehr seit 1984 an. Als Brigadegeneral führte er zunächst eine Panzergrenadierbrigade, dann erarbeitete er im Auftrag von Ursula von der Leyen ein Handbuch zur Verteidigungspolitik. Doch wirklich bekannt wurde Breuer als Corona-General. Zunächst war der verheiratete Vater von drei Kindern als Kommandeur des Territorialkommandos überall in Deutschland unterwegs, dann holte Scholz ihn an die Spitze des Corona-Krisenstabs im Kanzleramt.
Bald darauf kam die Ernennung zum Generalinspekteur. Gut möglich, dass Pistorius bei seinem neuerlichen Beförderungsvorschlag für den 61-Jährigen auch schon dessen Nachfolger im Blick hat und dafür einen agilen General bestimmt, dem er zutraut, die Truppe noch intensiver auf die Bedrohungen vorzubereiten und notfalls auch in eine Auseinandersetzung zu führen.
