
Schade, dass Caren Miosga nicht näher nachfragte: Was meinen Sie damit, Herr Habeck? Nämlich mit seiner mehrfach geäußerten Ansicht, er sehe die politischen Dinge ja mittlerweile „von außen, vom Nordpol aus“. Schon klar im übertragenen Sinne, was das heißt: von außen. Aber vom Nordpol aus?
Robert Habeck ist nicht mehr Teil des politischen Berlin, vor einem Jahr legte er sein Bundestagsmandat nieder, nachdem er als Kanzlerkandidat der Grünen bei der Bundestagswahl trotz eines hochambitionierten Wahlkampfs keine gute Figur gemacht hatte. Inzwischen lebt und arbeitet er in Dänemark, doch von Kopenhagen bis zum Nordpol sind es immerhin noch einige tausend Kilometer. Schon von daher wirkt es gewagt, sich als Nordpol-Denker ins Spiel zu bringen im Sinne eines Mannes mit Übersicht von einer Art höherer Warte aus, wie schon seinerzeit im politischen Berlin beansprucht, damals freilich noch ohne geistige Situierung in einer geographischen Location an einem Pol der Welt, von dem aus man ohnehin nur nach Süden schauen kann.
Seit Habeck aber nach Kopenhagen übersiedelte, firmiert der Nordpol bei ihm als privilegierter Beobachterposten auf das Ganze der Welt, so kam es jedenfalls auch jetzt bei Miosga rüber, wo er zu der Frage „Zerbricht die politische Ordnung?“ zum Einzelgespräch gebeten wurde.
„Da ist nichts dran“
Oder sollte, dies wäre immerhin eine Erklärung, mit der Nordpol-Perspektive nur der Plot seines neuen Buches „Arctic Meltdown – die Neuvermessung der Welt“ gemeint sein, in welchem die Arktis als geopolitischer Hotspot verhandelt wird, der Wettlauf um die dortigen Ressourcen? Bei Miosga gab Habeck einen Ausblick aufs Buch, das dieser Tage bei Kiepenheuer & Witsch erscheint. Der Autor lehrt als Professor of Practice an der Copenhagen Business School im Forschungscluster für Geopolitik, Sicherheit und Wirtschaft, war zuvor schon am Danish Institute for International Studies als Analyst tätig und unterstützt als leitender Berater die dänische Investmentgesellschaft Urban Partners unter anderem bei Expansionsplänen auf dem deutschen Markt, was dem ehemaligen Wirtschaftsminister so kurz nach dem Ende seiner Amtszeit nicht nur Zuspruch einbringt.
Apropos und dann doch der Nachrichtenkern von Habecks politischen Ordnungsüberlegungen an diesem Abend: Nein, er selber habe auf lange Sicht „keine Pläne, keine Strategie und auch kein Verlangen“ für ein Comeback als Politiker. Ausdrücklich dementierte er Gerüchte, er wolle mit dem ehemaligen Verkehrsminister Volker Wissing eine neue Partei gründen: „Da ist nichts dran“. Es war dies offenbar eines jener Gerüchte, die eigens in die Welt gesetzt werden, um hernach ein Dementi als Spitzennachricht verkaufen zu können, so schien es zumindest auch diesmal wieder. Die Selbstbewirtschaftung des politischen Berlins, das Unermüdliche an ihr, ging als nice try so auch bei Miosga ein.
Raus aus der Defensive!
Der Rest ist zügig erzählt: das Erstarken der Rechtspopulisten, so zeigt es sich einem von außen, ist über Deutschland hinaus ein Phänomen in vielen europäischen Ländern, Habeck sieht den Kern der Entwicklung in wirtschaftlichen Abstiegsängsten und der dadurch dynamisierten sozialen Frage. Konfliktfelder wie die Wärmepumpe (auf Habeck schien ein Zwang zu lasten, das Wort, sein Wort von damals, mehrfach aussprechen zu müssen) oder die Rente mit 63 seien demgegenüber nur Anlass-Themen. Dennoch herrsche im Vokabular der politischen Mitte die Defensive vor, das Bewahren und Schützen, nicht das Vorwärtsdrängen der politischen Extreme. Können dadurch deren zuallermeist leeren Versprechungen nicht allzu unbefragt als Aktivposten des Politischen ausgegeben werden? So konnte man Miosgas Widerrede verstehen.
Wenig analytisch auch Habecks relativierende Tendenz, den Antisemitismus bei der Berliner Linken als nicht weiter signifikant darzustellen, wenn man den gesellschaftlichen Vergleich anstelle. Dieses linke Antisemitismus-Problem, wie es sich auch gesellschaftsweit zeige, gehöre „aufgearbeitet und abgestellt“, so Habeck, als gehe es nun in Berlin um wenig mehr als eine bürokratische Geste.
Wen komme, so wollte die Moderatorin wissen, die jeweilige Krise schwerer an: Friedrich Merz oder Robert Habeck? Er, Habeck, habe seine Leute und seine Partei stets hinter sich gehabt, als die Kritik an seiner Amtsführung und dem Gestus der Selbstgewissheit zunahm. Insoweit habe er es leichter gehabt als der Kanzler in seiner derzeitigen Krise, so der ehemalige Grünen-Politiker. Zumal Friedrich Merz sich nur als derjenige erwiesen habe, als welcher er von Anfang an erkennbar gewesen sei. Hier und bei einem merkwürdig süffisanten Beharren auf früheren Flegeleien gegenüber Bundestagspräsidentin Julia Klöckner und CSU-Chef Markus Söder konterkarierte Habeck seine Rolle als Elder Statesman des Nordpols, die er an diesem Abend einzunehmen bemüht war.
„Es war damals ein guter Moment für mich“, grinste Habeck nur, als er das Angebot Miosgas ausschlug, sich für seine damaligen Anwürfe zu entschuldigen. Er nannte seine Zoten von damals im Gegenteil „die Wahrheit“, die er nach dem Ende der Politiker-Karriere endlich habe herauslassen können. Was mag dem Denker vom Nordpol aus als nächstes die Übersicht verstellen?
