Man muss schon Friedrich Merz sein, um im selben Atemzug zu behaupten, dass er mit seinen umstrittenen Rentenaussagen natürlich recht gehabt, also keinen Fehler gemacht habe, und trotzdem vorzugeben, Selbstkritik zu üben. Oder immer wieder zu betonen, dass er so gut wie gar nicht auf Social Media unterwegs sei, zugleich aber an der Überzeugung festzuhalten, dass kein Bundeskanzler vor ihm so extreme Angriffe auf Social Media hätte ertragen müssen wie er. So richtig passt das nicht zusammen, aber es scheint Merz nicht wirklich zu stören.
Silben auf der Goldwaage
Diesen Eindruck jedenfalls vermittelte der Bundeskanzler am Sonntagabend als alleiniger Gast in der Talkshow von Caren Miosga zum Thema „Ein Jahr Kanzler – Wie schwer ist Regieren, Herr Merz?“. Als Miosga die viel diskutierte Rede aufgriff, bei der Merz am 20. April vor dem Bankenverband von der Rente als „allenfalls einer Basisabsicherung“ gesprochen hatte, und ihn fragte, ob er die Kritik daran inzwischen verstehe, stellte der klar, dass sein „Befund richtig“ sei und er „wenige Tage später bei der Christlich-Demokratischen Arbeitnehmerschaft“ dafür viel Zustimmung erhalten habe.
„Sie sind ein Mann der freien Rede. Und Sie können das auch ganz gut, das wissen Sie“, umwarb die Moderatorin ihn überbetont freundlich. „Weil aber bei einem Bundeskanzler jedes Wort, jede Silbe auf die Goldwaage gelegt wird – denken Sie manchmal selbstkritisch, ich muss ein bisschen vorsichtiger sein?“ Konrad Adenauer habe mal gesagt, es gebe Dinge, die würde er nicht mal mit sich selbst besprechen. Woraufhin Merz, gleich wieder unvorsichtig, ein rhetorisches Risiko einging: „Ich möchte nicht rund wie ein Kieselstein reden und werden, das ist nicht meine Art und meine Kommunikation.“ Reden Kieselsteine?
„Wurst-Life-Balance“
Er sei „natürlich selbstkritisch“, fügte er hinzu, und wenn er solche Reaktionen sehe, stelle er sich die Frage: „Was hättest du da besser sagen können? Ich sage es dann beim nächsten Mal besser. Aber ich sage es nicht anders.“ Miosga hielt an dieser Stelle nicht inne, sondern sprang gleich weiter zu Umfrageergebnissen. Aber – dachte man vorm Fernseher – ist besser nicht immer anders? Meinte Merz: Er sagt es anders, aber niemals gefällig? Oder: Er sagt es anders, hat aber trotzdem recht?

Die Bemerkungen über Social Media wiederum fielen in einer „schnellen Fragerunde“, die Miosga zur Auflockerung zwischendurch ins Gespräch einfügte und mit der „Wurst-Life-Balance“ des bayerischen Ministerpräsidenten begann. Markus Söder wolle nicht mehr öffentlich auf Instagram essen: „Werden Sie seine Bratwurstbilder vermissen?“ Er habe sie selten angeschaut und werde deswegen nicht auf Entzug sein, so Merz. Woraufhin die Moderatorin die Äußerungen des Bundeskanzlers im „Spiegel“-Interview von vergangener Woche nochmal aufgriff, in welchem er sich selbst zum in den sozialen Medien angefeindetsten deutschen Kanzler stilisiert hatte. Mehr als Merkel in der Corona-Zeit? Warum ihn das so belaste, wenn er kaum reinschaue? Weil er „die Gesellschaft versöhnen“ wolle, so der Bundeskanzler. Da sehe er sowas mit großer Besorgnis.
„Kompromisse sind keine Einbahnstraße“
Die Ausstrahlung der voraufgezeichneten „Miosga“-Sendung hatte am Sonntagabend noch nicht begonnen, als über die Agenturen schon die ersten Zitate und Äußerungen des Bundeskanzlers liefen und von den Medien sogleich aufgegriffen wurden. Merz war nicht ohne Grund zu Caren Miosga gegangen. Der Jahrestag seiner Kanzlerschaft war zwar ein guter offizieller Anlass. Und er hatte auch keine Probleme damit, auf die Frage, ob er bei Amtsantritt gedacht hätte, dass es eine so große Herausforderung werde, mit einem lapidaren „Ja, es war klar, dass es schwierig wird“ zu antworten. Oder sich anzuhören, was er selbst als Kanzlerkandidat in Miosgas Sendung über die Ampel-Regierung zum Besten gegeben hatte: „Das Land kommt nicht zur Ruhe, wenn oben die Regierung ständig streitet.“ Würden Sie das heute auch sagen? „Ja.“
Warum der Bundeskanzler tatsächlich gekommen war, zeichnete sich im Gespräch aber schnell ab: Zum einen wollte er Signale nach innen senden, versichern, dass es mit der SPD und Lars Klingbeil nach wie vor ein Vertrauensverhältnis gebe – und zugleich deutlich machen, dass seine Partei sich nicht alles gefallen lasse: Er habe auf dem CDU-Parteitag ein gutes Ergebnis bekommen, sagte Merz, „aber kein Mandat, die CDU umzubringen“. Es gebe einen „großen Unmut“ in der CDU. Er suche „keine andere Mehrheit“, das sollte die SPD aber nicht zu dem Gedanken verleiten, sie könnte „mit uns machen, was sie will“. Er sei „bisher sehr geduldig gewesen mit der SPD“, Kompromisse seien aber keine Einbahnstraße.
Abzug von 5000 US-Soldaten „nicht neu“
Zum anderen ging es um Signale nach außen, in Richtung des US-Präsidenten Donald Trump. Miosga spielte noch einmal einen Ausschnitt jenes Auftritts des Bundeskanzlers vor Schülern ein, bei dem Merz Zweifel an der US-Strategie im Irankrieg geäußert hatte – und den Trump in der Folge zum Anlass genommen hatte, den Bundeskanzler auf Truth Social zu beschimpfen. Jetzt, so die Moderatorin, drohe Trump wütend mit Konsequenzen und habe den Abzug von 5000 in Deutschland stationierten US-Soldaten angekündigt. Aber Merz wies einen Zusammenhang mit seinen Iran-Äußerungen zurück: Es handele sich um ein Kontingent, das Trumps Vorgänger Biden auf Zeit stationiert habe und über dessen Abzug seit längerer Zeit gesprochen worden sei. „Es wird vielleicht ein bisschen zugespitzt, aber neu ist es nicht“, sagte er.
Merz ließ keinen Zweifel daran, dass „die Amerikaner für uns die wichtigsten Partner im Nordatlantischen Bündnis“ seien. Zu einem guten Bündnis gehöre, dass man auch unterschiedlicher Ansicht sein könne, sagte er und beteuerte, dass er an einer Zusammenarbeit mit Trump festhalte und seine Strategie gegenüber der US-Regierung sich darin nicht geändert habe. Sie seien in regelmäßigem Austausch. Dann zählte er Telefonate und einige der in den kommenden Monaten geplanten Treffen zwischen ihm und Donald Trump auf. Am Ende betonte er nochmal: „Wir treffen uns regelmäßig und reden vernünftig.“ Das „vernünftig“ klang aber ganz so, als habe der Kanzler einen Kieselstein im Mund.
