Es ist nichts zu hören vom Präsidenten des afrikanischen Fußballverbandes CAF zur Causa Infantino. Oder besser: zu Gianni Infantino und dessen gescheitertem Versuch, die Fußball-Weltmeisterschaft zumindest teilweise an Investoren zu verscherbeln. Während sich die UEFA (Europa), CONCACAF (Nord- und Mittelamerika sowie die Karibik) und AFC (Asien) laut und deutlich gegen die Pläne des Schweizers stellten und nun sogar dessen Ablösung an der FIFA-Spitze im Raum steht, schweigt Afrikas Fußballspitze.
Das ist nicht weiter verwunderlich. Patrice Motsepe, dem 2021 mithilfe Infantinos die Präsidentschaft in der CAF zugeschanzt wurde, ist dem FIFA-Chef etwas schuldig – gelinde gesagt. „Als Mann, der seit Jahrzehnten in der Politik und in der Geschäftswelt tätig ist, weiß Motsepe nur zu gut, dass es so etwas wie ein kostenloses Mittagessen nicht gibt“, schrieb die südafrikanische Tageszeitung „The Sowetan“ damals nach der CAF-Präsidentenwahl. Es hatte 2021 vier Bewerber für den Vorsitz gegeben. Die anderen Kandidaten hatten ihre Bewerbung aber zurückgezogen, nachdem ihnen von Infantino andere Rollen im Weltfußballverband versprochen wurden.
Mit Motsepes Wahl hat Infantino eine Eintrittskarte mitten hinein in Afrikas Fußballspitze erworben. 54 wahlberechtigte Mitglieder zählt der afrikanische Fußball in der FIFA-Welt. Die Stimme beispielsweise Südsudans, derzeit auf Rang 169 von 211 Teams in der Weltrangliste gelegen, ist bei Wahlen und Entscheidungen auf FIFA-Ebene ebenso viel wert wie die von Deutschland, Spanien oder England. Infantino hat dieses Gesetz des Weltfußballs – weit geschickter noch als sein ähnlich handelnder Vorgänger Sepp Blatter – seit seiner Wahl im Jahr 2016 glänzend zu nutzen gewusst.
Infantino ist für Motsepe ein „loyaler Freund“
Wenige Tage nach seiner damaligen Amtsübernahme führte ihn seine erste Dienstreise in eben jenen Südsudan. Gerade die kleinsten Fußballverbände dieser Welt, von denen ein Großteil auf dem afrikanischen Kontinent beheimatet ist, profitieren relativ gesehen am meisten von den Unterstützungsgeldern, die der Fußball-Weltverband jährlich an seine Mitgliedsverbände ausschüttet. So etwas erzeugt eine Art Dankbarkeit. Oder Abhängigkeit – je nachdem, wie man die Dinge beurteilt.
Patrice Motsepe jedenfalls sprach kürzlich, am 22. Juli, drei Tage nach dem WM-Finale, in Johannesburg Klartext: „Ich persönlich unterstütze Gianni Infantino. Er ist nicht nur ein guter Freund – er ist ein loyaler Freund. Loyal zu Afrika.“ Präzisierend schob Motsepe nach: „Ich komme aus einer Gegend, wo man gelernt hat, demjenigen, der einen einst unterstützt hat, niemals in den Rücken zu fallen. Was ich an Infantino mag, ist seine Liebe für den Fußball und seine Unterstützung für den Fußballkontinent Afrika.“
Der CAF steht zunächst hinter den Investoren-Plänen
Die intensive Zusammenarbeit mit Infantinos FIFA hat der afrikanischen Fußballwelt ganz sicher aus finanziellen Gesichtspunkten erst einmal nicht geschadet. Neue lukrative TV-Verträge und die Vermittlung potenter Sponsoren waren das Faustpfand, das der Weltverband zu reichen vermochte. Motsepe und seine Leute mussten im Gegenzug offensichtlich ideelle afrikanische Interessen abgeben: Der Afrika-Cup wurde zuletzt im Jahreskalender hin- und hergeschoben. Vom Winter in den Sommer und andersherum. Die letzte Auflage des Turniers in Marokko musste in die Weihnachtszeit verlegt werden, weil die aufgeblähte Klub-WM den Termin im Sommer beanspruchte. Den europäischen Klubs zuliebe wurde dann im Dezember die Abstellungsfrist für die Spieler auf sechs Tage verkürzt.

Angesichts derlei unterwürfigen Gehabes war es wenig erstaunlich, dass sich Afrikas Fußballspitze gleich nach Bekanntwerden von Infantinos Investoren-Idee demonstrativ hinter den FIFA-Präsidenten stellte. Der Kontinentalverband forderte seine Mitgliedsverbände dazu auf, die Pläne zu prüfen, „und sich im Einklang mit den Vorschriften und festgelegten Verfahren der CAF und der FIFA am Konsultationsprozess zu beteiligen“.
Die FIFA hatte mitgeteilt, mit dem potentiellen Verkauf eines Teils ihrer kommerziellen Rechte etwa an der Weltmeisterschaft eine Milliardensumme einspielen zu wollen. Der Weltverband hatte eine Frist für die Zustimmung zum Deal gesetzt und im Gegenzug eine Sonderzahlung versprochen, die gerade den vergleichsweise finanzschwachen Fußballverbänden Afrikas sehr gelegen gekommen wäre. Gelockt wurde mit hohen Summen: Gleich mit dem Jawort für die Pläne sollten 20 Millionen US-Dollar (17,46 Millionen Euro) für jedes Land abrufbar sein. Außerdem wurde mit der Aussicht auf eine nochmals erweiterte WM geködert.
Doch auch in Afrika gibt es längst unzählige Stimmen, die eine Abkehr von der FIFA-Hörigkeit fordern. Ein ehemaliger CAF-Generalsekretär, der unerkannt bleiben wollte, kritisierte jüngst gegenüber dem US-amerikanischen „Observer“, der afrikanische Fußball müsse schauen, dass er vor lauter Dankbarkeit gegenüber der FIFA nicht in eine ungute Abhängigkeit gerate. Seine Kritik ging in Richtung des Verbandschefs Motsepe: „Wenn man Mächtigen erlaubt, sich über einen zu legen – so wie es zu Kolonialzeiten passiert ist –, kann das für den afrikanischen Kontinent nicht gut sein. Auch und gerade im Fußballgeschäft nicht.“
In Afrika wächst nun die Opposition
Schon im vergangenen Dezember, als die CAF-Führung bekannt gab, den Afrika-Cup ab 2028 nur noch alle vier Jahre ausspielen zu wollen, regte sich geballter Protest überall auf dem Kontinent. Über sechs Dekaden war es gewissermaßen Kulturgut, alle zwei Jahre um den Afrika-Titel zu spielen. Und es war auch ein Ausdruck afrikanischen Stolzes, in dieser Sache jahrelang den Kritikern aus Europa und deren Ligeninteressen die Stirn zu bieten.
Seit Motsepe auch dieses Gut scheinbar einfach so aufgegeben hat, formiert sich in Afrika eine zunehmend stärkere Opposition gegen ihn. Und nun, so scheint es, ist der FIFA-Präsident nach dem Scheitern seiner Pläne angeschlagen. Es könnte bald um Infantinos Posten an der FIFA-Spitze gehen. Der Schweizer sollte sich nicht mehr ganz so sicher sein, dass er weiterhin auf die verlässlichen 54 Stimmen aus Afrika zählen kann.
