
Die Stadt Friedberg möchte auf dem früheren Kasernengelände im Süden der Kommune ein grünes Baugebiet mit Wohnungen und Platz für Behörden und Gewerbebetriebe auflegen. Ob es dazu kommt, ist aber unklar, denn die Bundeswehr interessiert sich unerwartet stark für die ehemaligen Ray Barracks in Friedberg.
Das Bundesministerium der Verteidigung weist die früher von der amerikanischen Armee genutzte Liegenschaft auf einer Karte mit sieben anderen früheren Militärgeländen als geeignet für eine Nutzung durch die Bundeswehr, nämlich für den neuen Wehrdienst. Das Interesse richtet sich auch auf den ehemaligen Übungsplatz im Stadtteil Ockstadt. Das geht aus einer Erklärung des Ministeriums hervor.
Die Bundeswehr braucht Platz für den Aufwuchs und weitere Kasernen, Depots und Übungsplätze. Angesichts dessen prüft sie stillgelegte Kasernen, ob sie sich wieder zu ihrem ursprünglichen Zweck nutzen lassen. Die Ray Barracks sind weit und breit das einzige Gelände, das die Bundeswehr genauer prüft. Die nächstgelegenen Standorte sind Kusel, Speyer und Mönchengladbach.
Plan für autoarmes Neubaugebiet mit Grünflächen und Radwegen
Das frühere Kasernengelände in Friedberg erstreckt sich über alles in allem 74 Hektar, das entspricht etwa 100 Fußballfeldern. Die Stadt sieht 65 Hektar davon als Bauland vor. Das haben die Stadtverordneten im Dezember 2022 beschlossen. 55 Prozent der Baufläche soll demnach für Wohnungen vorgehalten werden und 38 Prozent für Gewerbebauten. Der Rest entfällt auf Straßen, Radwege und Grünflächen, die auch der Erholung dienen sollen.
Die Stadt plant unter anderem ein Quartierszentrum mit Café und Platz für kirchliche und andere Angebote. Parkanlagen und Flächen für den Naturschutz nicht zu vergessen. Das neue Stadtquartier soll autoarm sein und über Fuß- und Radwegenetze verfügen. Die Stadt will dort nicht zuletzt einen sorgsamen Umgang mit Energie verwirklichen. Zu diesem Zweck sollen die Stadtwerke, der Energieversorger OVAG und die Technische Hochschule Mittelhessen (THM) die Einzelheiten planen.
Das Ministerium führt die Ray Barracks, in denen Elvis Presley seinen Wehrdienst leistete, neuerdings in ihrer sogenannten Moratoriumsliste. Für Areale auf dieser Liste ist der Prozess des Wandels für zivile Zwecke, die sogenannte Konversion, ausgesetzt. „Das heißt, es besteht ein sehr starkes Interesse“, sagt der direkt gewählte Wetterauer Bundestagsabgeordnete Thomas Pauls (CDU) und fügt hinzu: „Wir wissen noch nicht viel.“ So sei unklar, ob sich die Bundeswehr für die gesamte Liegenschaft interessiere. Von der genaueren Prüfung durch den Bund ist auch der Landkreis betroffen – er betreibt auf dem Gelände eine eigene Erstaufnahme für Flüchtlinge und will dort ein neues Kreishaus bauen. Das besagt jedenfalls ein Beschluss aus dem Jahr 2021.
Friedberger Bürgermeister Dahlhaus sieht den Bund in der Pflicht
„Die sicherheitspolitische Notwendigkeit einer starken Bundeswehr ist unbestritten. Für die Entwicklung unserer Heimatstadt Friedberg und der gesamten Region wäre eine Reaktivierung der Ray Barracks jedoch ein schwerer Einschnitt“, gibt Pauls zu bedenken. Er verweist auf das Interesse etwa des Technischen Hilfswerks, der Feuerwehr, des Wetteraukreises sowie der Technischen Hochschule Mittelhessen an der Liegenschaft. Teils seien schon konkrete Planungen für eine künftige Nutzung erarbeitet worden. „Sollte das Gelände wieder militärisch genutzt werden, stünden die Flächen auch für dringend benötigten Wohnraum oder gewerbliche Entwicklung nicht mehr zur Verfügung“, folgert Pauls. Er rechnet mit einer Klarstellung durch das Ministerium bis zum Jahresende.
„Wir haben Beschlüsse und ich will eine positive Entwicklung der Stadt“, sagt Bürgermeister Kjetil Dahlhaus (parteilos). Das nun dokumentierte starke Interesse der Bundeswehr komme auf den ersten Blick einer 180-Grad-Wende gleich. Allerdings sitze die Stadt mit am Tisch und werde gefragt. „Wir haben eine große Entwicklungsmöglichkeit in Gestalt des ehemaligen Kasernengeländes vor Augen, die wir nutzen wollen.“
Die Bundeswehr müsse dem nicht im Wege stehen. Wenn die Bundeswehr die Liegenschaft in Anspruch nehmen sollte, erwarte die Stadt aber vom Bund eine nennenswerte Unterstützung mit Blick auf Stadtentwicklung, Infrastruktur und Lebensqualität. Dies gelte schon aufgrund der finanziellen Unterausstattung, unter der auch die allermeisten anderen Kommunen litten.
