Große Wolken ziehen über die fränkische Landschaft, bauschig und weiß. Doch die Sonne scheint – beste Bedingungen also für das diesjährige Erlangener Poetenfest. Wie immer findet es im Schlossgarten statt, einem weitläufig grünen Park, dessen mächtige Eichen und Ahornbäume Kühle fächeln. Von den städtischen Finanzsorgen, die in diesem Jahr beinahe das Ende der altehrwürdigen Festivität bedeutet hätten, ist zunächst wenig zu merken. Sorgfältig hat man vor Podesten Holzbänke und Liegen, Stühle und schwarze Plastiksessel drapiert. Ältere Damen in Leinenkleidern, Familien und Studenten sitzen an Biertischen und freuen sich auf das hochkarätige Programm.
Auf dem Hauptpodium liest zum Auftakt Thilo Krause aus seinem zweiten Roman „Jetzt, wo du ein Held bist“; einer fein erzählten DDR- und Jugendgeschichte. Beim anschließenden, von Maike Albath souverän moderierten Gespräch erweist er sich als ebenso bescheidener wie kluger Gesprächspartner. Norbert Gstrein sorgt schon vor seiner Lesung für Gesprächsstoff: Als junger Autor, so bemerkt er, gebe man sich möglichst unfreundlich, um als Originalgenie zu gelten; im Alter hingegen werde man freundlich, wenn man beinah eines sei. Wohltuender ist es, den bekannten Schriftsteller anschließend über Bankierssöhnchen in hochgegürteten Tennishosen lesen zu hören, die im Ersten Weltkrieg in bester Kavaliersmanier verendeten.
Neben dem Hauptpodium gibt es der Attraktionen viele: Ein Vergnügen ist etwa die Buchkunst-Ausstellung im Kollegienhaus. Künstler präsentieren ihre Editionen, Hanif Lehmann zum Beispiel, dessen hochwertige Graphiken besonders ins Auge fallen. Zwischendrin lässt es sich auf den gekiesten Wegen flanieren, kann man giftgelbe Hutungetüme bestaunen und den silbernen Strahl des Springbrunnens beim Zerstäuben betrachten. Die Leute sind freundlich und gut gelaunt, viele sind Stammgäste, kommen aus Erlangen oder den umliegenden Städten, manche sind von weit her angereist.
Buchgefühl unter weißen Putten
Seit 2025 setzten die Veranstalter vermehrt auf alternative Formate: Podcasts werden live aus Erlangen ausgestrahlt. In der Orangerie des Schlosses mit ihren weißen Putten etwa kann man mit dem BR2 auf Sendung gehen. Die „Buchgefühl“-Ausgabe mit Radka Denemarková erweist sich jedoch als recht schläfrige Angelegenheit. Zu einer kritischen Auseinandersetzung mit dem Buch der tschechischen Autorin kommt es nicht. Auf der Website titelt man: „Zum Lächeln, zum Weinen, zum Nachdenken, zum Aktivwerden?“ Das bringt die Chose auf den Punkt: Eine Kuschelveranstaltung mit viel Befindlichkeit.

Besser ist es um „ARD Literally“ mit Mithu Sanyal bestellt; auch dieser wird live aus Erlangen übertragen. Die Kulturwissenschaftlerin und Autorin weiß kenntnisreich über „Wuthering Heights“ zu sprechen: von der unbarmherzigen Frömmigkeit im Haushalt über gängige und weniger gängige Geistertypen des 19. Jahrhunderts bis hin zur widerständigen Handlung des Romans. Als Zuschauer leidet man allerdings nicht wenig unter der Unbedarftheit der Moderatorin („Und ich dachte mir zuerst: Warte mal, wo sind jetzt eigentlich diese Blonde und der andere Typ? Hä?“).
Von Doderer bis Alkoholsucht
In einer der Dependancen des Fests darf man am Sonntagmorgen der gewitzten Nora Gomringer lauschen. Die läuft zu großer Form auf und entzückt ihr Publikum auf der Terrasse eines bauhausartigen Gebäudes mit Märchenadaptionen und einer humorig umgedichteten Schöpfungsgeschichte. Zurück im Schlosspark ist es windiger und wärmer als am Vortag; die Blumenrabatten leuchten im Sonnenlicht, von den Ständen weht Bratgeruch her. Hinten liegen auf einer Wiese unter roten Sonnenschirmen Bücher aus, Kinder blättern eifrig darin.
Am Nachmittag gibt Thomas von Steinaecker eine atmosphärisch dichte Schwesterngeschichte zum Besten und wartet im anschließenden, obzwar etwas zähen Gespräch mit Bezügen zu Doderer und Stephen King auf. Unvergleichlich schnodderig präsentiert Christoph Peters anschließend seinen Roman „Entzug“. Der Autor, selbst einst Alkoholiker, erzählt auf amüsante Weise von der Sucht nach Hochprozentigem. Bachmannpreisträgerin Lena Schätte liest anschließend aus „Das Schwarz an den Händen meines Vaters“, eine erzählerisch starke Mutter-Tochter-Geschichte, obgleich sprachlich nicht von großer Finesse.
Was Erlangen anders macht
Das Erlanger Poetenfest war schon immer eine niedrigschwellige Veranstaltung: Es findet mitten im öffentlichen Raum statt, nicht nur Kulturbürger nehmen teil. Und es war schon immer wenig kompetitiv: Preise werden nicht verliehen. Die Stimmung ist angenehm, lieblich gar. Man kann kommen und gehen, wie man möchte; gefällt ein Text weniger, steht man auf und wechselt ungezwungen zu einer anderen Veranstaltung. Das kann einem kaum ein Literaturhaus bieten.
Auch wenn man mitunter in Kauf nehmen muss, dass der literarische Anspruch niedrig bleibt – dass Podcasts seicht oder Autorengespräche wenig kritisch geführt werden –, steht Erlangen mit diesem Konzept in Deutschland einmalig da. Umso bedauerlicher ist es, dass die angespannte Finanzlage nicht ganz ohne Auswirkungen auf das inzwischen 46. Poetenfest geblieben ist. Die meisten Veranstaltungen kosten keinen Eintritt, umso nachdrücklicher wird um Spenden gebeten, die an eigens dafür aufgestellten Tischen entrichtet werden können. Viele der Anwesenden folgen diesem Aufruf. Es bleibt zu hoffen, dass dieses altehrwürdige und für die deutsche Literaturlandschaft so wichtige Fest, das als lässige Flaniermeile ein ganz eigenes Flair besitzt, nicht abermals in finanzielle Bedrängnis gerät.
