Wenn heute über jüdische Kunstsammlungen aus dem ersten Drittel des 20. Jahrhunderts geschrieben wird, geht es oft um NS-Raubkunst, Entschädigungsforderungen und Restitutionsdebatten. Die kulturhistorische Bedeutung der Sammler und Sammlerinnen gerät dabei im öffentlichen Bewusstsein mitunter in den Hintergrund. Dies ist erstaunlich, zumal gerade im Wilhelminischen Kaiserreich und in der Weimarer Republik das jüdische Bürgertum das kulturelle Leben maßgeblich prägte und eine Vorreiterrolle einnahm, was das Engagement für die damals zeitgenössische Kunst betraf. Der Schriftsteller Arnold Zweig schrieb im Herbst 1933: „Die Juden als Bilderkäufer waren im Deutschland der letzten dreißig Jahre ebenso sehr das Rückgrat der Malerei, wie sie die Theater füllten und die Auflagen kauften, die von deutschen Büchern jeder Art gedruckt wurden.“ Auch die bedeutendsten Galeristen dieser Zeit waren überwiegend jüdischer Herkunft, man denke etwa an Paul Cassirer, Alfred Flechtheim, Heinrich und Justin Thannhauser sowie Herwarth Walden.
Die später den Nationalsozialisten so verhasste moderne Formensprache galt der fortschrittlichen jüdischen Bourgeoisie als zeitgemäßer Ausdruck ihrer Gegenwart sowie als ästhetische und intellektuelle Herausforderung, der sie sich mit Begeisterung, Neugierde und Offenheit stellte. Trotz Diskriminierungen und diverser Einschränkungen waren Juden mit der deutschen Reichsgründung 1871 zumindest formell gleichberechtigte Staatsbürger. Deshalb richteten sich ihre Ansprüche nicht nur auf eine politische und ökonomische, sondern verstärkt auch auf eine soziale und kulturelle Teilhabe. Zwar befriedigten Kunstwerke vor allem die persönliche Sammelleidenschaft und waren selbstverständlicher Teil der humanistischen Bildungskultur. Doch galt Kunst ebenso als prestigeträchtig und war der gesellschaftlichen Anerkennung des aufsteigenden jüdischen Bürgertums zuträglich. Vor allem aber verkörperten diese Privatsammler eine Zivilgesellschaft, die sich für das Gemeinwohl einsetzte. Doch im Nationalsozialismus wurden sie entrechtet, enteignet, ins Exil getrieben oder ermordet. Ihre Kunstwerke wurden beschlagnahmt, zwangsverkauft oder zerstört, wobei die wenigsten ins sichere Ausland verbracht werden konnten.
Eine „Vorreiterrolle“ kann Hamburg nicht für sich beanspruchen
Das Bucerius Kunst Forum in Hamburg versucht nun, mit der Ausstellung „Von Monet bis Picasso – Jüdische Kunstsammler:innen in Deutschland“ an die wegweisende historische Bedeutung dieser Sammlerkultur zu erinnern. Dass die Ausstellung „in bisher einzigartiger Weise ein erinnerungspolitisches Dunkelfeld“ erhellt und somit „eine Vorreiterrolle“ einnimmt, wird im Katalog vollmundig behauptet, trifft aber nicht zu. Denn bereits seit den späten Achtzigerjahren haben Museen wie etwa in Basel, Berlin, Düsseldorf, Frankfurt und Hamburg Biographien und Sammlungen des jüdischen Bürgertums rekonstruiert und zum Thema von Ausstellungen gemacht. In diese Tradition reiht sich das Projekt des Bucerius Kunst Forums ein, auch wenn das Gegenteil behauptet wird.

Exemplarisch werden fünfzehn Sammlungen und die Lebensgeschichten ihrer Urheber vorgestellt. Dazu zählen prominente Namen wie Margarete Oppenheim und die Familie Mendelssohn aus Berlin, Rosa Schapire und Max Emden aus Hamburg sowie Max Silberberg aus Breslau. Doch auch bisher kaum bekannte Sammlerpaare wie Martha und Walter Blank aus Köln sind vertreten. Zu sehen sind vor allem deutsche und französische Gemälde, Zeichnungen, Druckgrafiken und Skulpturen vom Impressionismus, Postimpressionismus und Expressionismus bis hin zur Neuen Sachlichkeit. Bei etwa der Hälfte der präsentierten Werke handelt es sich um NS-Raubkunst. Die Qualität einiger der heute nicht mehr existenten Sammlungen muss atemberaubend gewesen sein. Vor allem Franz und Robert von Mendelssohn und Paul von Mendelssohn-Bartholdy in Berlin besaßen Hauptwerke von Manet, Monet, Degas und Pissarro, Cézanne, van Gogh und Picasso. Darunter waren museale Hochkaräter wie Vincent van Goghs Gemälde „Sonnenblumen“, seine „Landschaft in Saint-Rémy“ und Pablo Picassos „Madame Soler“.
Die gezeigten Bilder geben einen falschen Eindruck der Sammlerleistung wieder
Doch im Bucerius Kunst Forum wird aus dem früheren Besitz der Mendelssohns lediglich ein mediokres Gauklerbild in Tempera von Picasso präsentiert. Das heißt, die Ausstellung schafft es noch nicht mal ansatzweise, die alles überragende Qualität und Bedeutung der Sammeltätigkeit dieser Familie anschaulich zu machen. Von Antonie und Ernst Lessing sowie von Alfred Wolf werden jeweils zwei Werke gezeigt, was für deren Sammlungen ebenfalls in keiner Weise repräsentativ ist. Wie die Direktorin Kathrin Baumstark gegenüber dieser Zeitung erläuterte, lehnten viele Museen Leihgaben ab, da sie Restitutionsforderungen von NS-Opfern oder deren Nachfahren fürchteten und „keine schlafenden Hunde wecken“ wollten. Dann muss allerdings die Frage erlaubt sein, ob ein solches Projekt als Ausstellung funktionieren kann, wenn die Exponate in Teilen einen unzureichenden oder gar falschen Eindruck von der Lebensleistung der jüdischen Sammler vermitteln.

Überzeugend sind hingegen die Essays im Katalog, die klug, informativ und auf der Höhe der Zeit sind. Die angefügten Sammlerbiographien sind jedoch wissenschaftlich ungenügend, da mehrere grundlegende Publikationen nicht berücksichtigt wurden. Trotzdem macht der dokumentarische Charakter des Katalogs deutlich, dass mit dem Antisemitismus und Holocaust nicht nur unvorstellbares menschliches Leid verbunden war, sondern auch ein kultureller Verlust zu beklagen ist, da ein großer Teil des deutsch-jüdischen Kulturerbes verloren gegangen ist. Die Nationalsozialisten haben außerdem versucht, die Namen und das gesellschaftliche Engagement der jüdischen Sammler nachhaltig aus dem öffentlichen Gedächtnis zu löschen.

Dem entgegenzuwirken sollten sich alle deutschen Museen mit ehemals jüdischem Besitz verpflichtet fühlen. Denn in Zeiten, in denen die rechtsextremistische AfD wie in Sachsen-Anhalt die Provenienzforschung am liebsten abschaffen würde, sind Forschungsprojekte und Publikationen über das historische jüdische Sammlerwesen wichtiger denn je. Am 30. September beginnt deshalb im Leipziger Museum der bildenden Künste eine weitere Ausstellung zu diesem Thema: „Vier Wände voller Kunst – Jüdische Familien und ihre Sammlungen in Leipzig“. Die in Hamburg vergebene Chance wird dann hoffentlich nachgeholt.
