Waren das schon die Kulissen für den Film? Als am Abend des 4. Dezember mehr als 1000 Gäste durch die Filmstadt Cinecittà liefen, gingen ihnen die Augen über: Schön erleuchtet ragten da monumentale Kulissen wie aus dem alten Rom in den Himmel. Es waren aber nicht die Aufbauten für den Film über den italienischen Designer Brunello Cucinelli, der hier gleich Premiere feiern sollte. Sondern Außenkulissen, die ursprünglich für Klassiker wie „Ben Hur“ und die Serie „Rom“ geschaffen wurden.
Aber es hätte irgendwie gepasst. Denn einen Monumentalfilm gab es auch an diesem schönen Abend in Rom zu sehen: Ins neu eröffnete Teatro 22 auf dem riesigen Gelände der legendären Filmstadt kamen Journalisten, Politiker, Prominente und Mitarbeiter, um die Weltpremiere von „Brunello: The Gracious Visionary“ (etwa: „Der gütige Visionär“) zu sehen – einen abendfüllenden Dokumentarfilm mit vielen fiktionalen Elementen über das Leben eines italienischen Bauernjungen, der sich mit viel Geschick zum Milliardär hocharbeitet.
Über Umwege zu den Zirkeln der Superreichen
Na gut, der Film ist nicht so aufwendig wie „Ben Hur“, nicht so dramatisch wie „Cleopatra“, nicht so rauschhaft wie „La Dolce Vita“ und nicht so beschwingt wie „Ein Herz und eine Krone“, die alle auf diesem Gelände gedreht wurden. Aber als Coming-of-Age-Geschichte eines Jungen aus der erbärmlichen Nachkriegszeit über die vielen Umwege des Heranwachsenden bis zu den intimen Zirkeln der Superreichen zeichnet er eine Entwicklung nach, die dem Jungen, der da am 3. September 1953 in einem entlegenen Dorf der entlegenen Provinz Perugia geboren wurde, nicht in die Wiege gelegt wurde.

Die Premiere an dem Abend in Rom verzögert sich etwas, denn erstens muss der Champagnerempfang ausgekostet werden, und zweitens brauchen die Gäste umso länger, je prominenter sie sind. Jessica Chastain ist schon da, Jonathan Bailey, Chris Pine und Jeff Goldblum auch. Aber die Ministerpräsidentin lässt auf sich warten; Giorgia Meloni wollte dabei sein, um zu demonstrieren, wie wichtig ihr „Made in Italy“ ist.
Mario Draghi, ihr Vorgänger im Amt, leitet mit warmen Worten in „dieses großartige Werk“ ein, „das alle Italiener stolz macht“. Als Wirtschaftswissenschaftler erkennt er in dem Film „eine Anerkennung für einen Mann und ein Unternehmen“. Aber er hebt auch „den sozialen Wert“ für „die Würde der Menschen“ hervor. Das ist nicht einfach so dahingesagt: Die weit mehr als 3000 Cucinelli-Mitarbeiter verdienen deutlich über dem Branchendurchschnitt.
Keine Scheu vor Glorifizierung
Gedreht hat den Film Giuseppe Tornatore, der schon einmal einen Film über eine ialienische Ikone gedreht hat, nämlich den Komponisten Ennio Morricone, und der für „Cinema Paradiso“ 1990 mit einem Oscar ausgezeichnet wurde. Sein Cucinelli-Film könnte ein Zeichen dafür sein, dass man sich nach all den banalen Mode-Werbefilmen, all den schrecklichen Casting-Sendungen („GNTM“) und den klamaukigen Klischee-Orgien („Der Teufel trägt Prada 2“) nun vielleicht doch endlich einmal stärker der Dokumentation zuwendet. So hat die Camera Nazionale della Moda Italiana gerade die Doku „Grand Tour. Viaggio attraverso le Accademie delle Arti e dei Mestieri“ vorgestellt, die das Handwerk darstellt. Richtig geraten: Neben Marken wie Brioni, Dolce & Gabbana, Fendi, Kiton, Tod’s und Valentino taucht auch Brunello Cucinelli darin auf.
In seinem Film wiederum, der die Glorifizierung nicht scheut, werden Archivmaterial und Zeitzeugenausssagen mit interpretierten Szenen zur Dokufiktion verbunden. Man sieht Cucinelli, wie er durch sein Heimatdorf geht, in sein Elternhaus, in dem es keinen Strom, kein fließendes Wasser gab; man sieht den jungen Mann beim Kartenspiel in einer Bar, in der er Jahre vertändelte, in der er von einer Prostituierten viel über das Leben und von einem Studenten viel über Philosophie lernte; man sieht den Unternehmer, der den Einkäufern bei Modetagen in einem Münchner Hotel vorgaukelt, dass seine Sachen höchst begehrt seien.
Leitmotiv ist das Kartenspiel. „Ich hatte ein mathematisches Verständnis“, sagt Cucinelli. „Ich sehe alle Karten, die noch nicht gespielt wurden. Diese Leidenschaft hat mir in meinem Beruf sehr geholfen.“ Eine gute Voraussetzung für einen Unternehmer, die nächsten Spielzüge erahnen und die Zukunft berechnen zu können.

Und man erfährt in dem Film viel über die so simple wie geniale Idee, Kaschmir einzufärben. Bis dahin war das feine Unterhaar der Kaschmirziege als Inbegriff teurer Mode meist nur in dezenten Naturtönen wie Beige, Grau oder Schwarz erhältlich. Im Zuge des Aufbruchs der italienischen Mode mit Designern wie Giorgio Armani, Gianni Versace und Gianfranco Ferré fasste dann auch dieser Modemacher den Mut zum Experiment. Auffällige Kaschmirpullover verhalfen ihm seit der Firmengründung 1978 und vor allem in den vergangenen zwei Jahrzehnten zu ungeheurem Erfolg. Historische Ironie: Mit dem Trend zum „quiet luxury“ sind auch die Cucinelli-Farben zurückhaltender geworden. Jedenfalls wächst der Umsatz auch in Jahren, in denen große Luxuskonzerne kleinlaut geworden sind – im vergangenen Jahr um mehr als zehn Prozent auf 1,4 Milliarden Euro.
Der Claim vom „humanistischen Kapitalismus“ mag über die Maßen heroisch klingen. Im Dorf Solomeo, aus dem seine Frau stammt, lässt er sich aber gut besichtigen. Ein kleines Nest am Rande der Globalisierung, das wie so viele italienische Dörfer einst vom Verfall bedroht war, hat Cucinelli zu einem Wirtschafts- und Kulturzentrum ausgebaut: Er schuf neue Produktionsstätten und eine Schneiderschule, renovierte die Kirche und den ganzen Dorfkern, baute ein Theater und ein Amphitheater, verwandelte alte Industriebrachen im „Progetto per la Bellezza“ in Weinberge, Obstgärten, Olivenhaine – und errichtet nun eine Universalbibliothek.
Davon haben dann auch die Besucher der Premiere in Rom etwas. Als die Leinwand schwarz geworden und der Applaus abgeebbt ist, als Cucinelli selbst die Reise in seine Vergangenheit „ergreifend“ genannt hat, geht es durch die antiken Außenkulissen zum Dinner. Auf dem Tisch: Olivenöl aus eigener Fertigung. In Regalen an den Wänden: kilometerweise Bücher.
