
Viele Milliarden Euro fließen Jahr für Jahr illegal durch die Finanzsysteme Europas. Berechnungen der Nasdaq-Tochter Verafin haben ergeben, dass allein im Jahr 2023 rund 750 Milliarden Dollar aus illegalen Quellen in Europa gewaschen wurden, also Geld, das aus Drogen- oder Menschenhandel, Korruption oder Schwarzarbeit stammt. Das entspricht 2,3 Prozent der Wirtschaftsleistung, Europa steht damit für rund ein Viertel der globalen Geldwäscheaktivitäten.
Auf Deutschland allein entfallen knapp 130 Milliarden Dollar. Es ist der höchste Wert aller Staaten auf dem Kontinent. Gründe dafür gibt es viele. Die internationalen Beziehungen der deutschen Wirtschaft. Die zentrale Lage Deutschlands und seine vielen Verkehrsadern. Sein Immobilienmarkt. Hier konnten Wohnungen sogar bis vor wenigen Jahren mit Bargeld gekauft werden. Ohnehin, die Liebe der Deutschen zum Bargeld.
Für Bruna Szego bedeutet das viel Arbeit. Aber auch Chancen, etwas erreichen zu können. Seit etwa einem Jahr steht die promovierte Juristin aus Italien an der Spitze der „Anti-Money Laundering Authority“, kurz AMLA, der ersten europäischen Behörde, die grenzüberschreitend gegen Geldwäsche vorgeht. Ihr Büro hat Szego, Jahrgang 1966, in den obersten Etagen im Frankfurter Messeturm bezogen. Zuvor saßen dort Investmentbanker von Goldman Sachs.
Adlerperspektive im Frankfurter Messeturm
Von dieser Perspektive aus mehr als 200 Meter Höhe geht Szego einem Auftrag nach: Europa soll endlich mit einer Stimme sprechen, wenn es um das Phänomen der Finanzkriminalität geht – und dabei Geldwäsche und Terrorismusfinanzierung effektiver bekämpfen als bisher. Denn viele der Geldwäsche vorgelagerten Straftaten, Drogenhandel oder Steuerbetrug finden in einem Mitgliedstaat der EU statt. Die Rückführung des Geldes in den Wirtschaftskreislauf passiert hingegen dann häufig in einem anderen Land, sei es über Immobilienkäufe, Mittelsmänner, unkontrollierte Kassen in der Gastronomie oder Kryptowährungen.
Geldwäsche, das wird deutlich, endet nicht an den nationalen Grenzen. In den 27 EU-Staaten geben die Aufklärer in den nationalen Financial Intelligence Units (FIU) ihr Bestes, um den Verdachtsmomenten und Straftaten nachzugehen. Dabei handelt es sich um Sondereinheiten, die an teils völlig unterschiedlichen Stellen in der Verwaltung aufgehängt sind, aber nicht wie Staatsanwälte oder die Polizei ermitteln können. Siebenundzwanzig unterschiedliche Herangehensweisen, zumal jede internationale Komponente eines Geldwäschefalls Rechtshilfegesuche in einem anderen Land nach sich zieht.
Diese Fragmentierung ist ein Problem – und genau hier setzt Szego an. So will die AMLA-Chefin die nationalen Behörden stärker koordinieren und unterstützen – überflüssig sollen die FIUs aber nicht werden. „Unser Ziel ist es nicht, nationale Behörden zu ersetzen, sondern sie zu stärken und miteinander zu vernetzen“, betont Szego.
Den Überblick in diesem Gewirr an Zuständigkeiten, Sprachen und auch politischen Befindlichkeiten zu behalten, ist für Szego ein wahrer Kraftakt. Wer der Italienerin, die aus der Küstenstadt Savona unweit von Genua stammt, auf Konferenzen zuhört oder Interviews mit ihr liest, findet zwei wiederkehrende Aussagen. Zum einen will Szego mit der AMLA Standards zur Geldwäschebekämpfung einführen. Dann sei das nächste Ziel, eine konsistente Aufsicht zu erreichen, betont Szego.
Personaler Aufbau in Frankfurt als Priorität
Als sei diese fachliche Herausforderung noch nicht groß genug, muss sie auch den ambitionierten Zeitplan für den Aufbau überwachen. Hatte die AMLA zum Start vor einem Jahr lediglich 30 Beschäftigte, sollten es bis zum Jahresende 2026 schon 240 sein. Etwas anstrengen muss sich Szego noch: Stand Anfang Juli würden mehr als 150 Mitarbeiter aus 26 EU-Mitgliedstaaten im Messeturm arbeiten, sagt ein AMLA-Sprecher. Im Jahr 2028 sollen es 430 sein.
In der noch verbleibenden Zeit gilt es, die richtigen Leute zu finden, aber vor allem, die nötigen Strukturen zu entwickeln und sich als „Start-up“ im Geflecht der EU-Behörden zu etablieren. Gleichzeitig muss Szego die neue Institution nach außen hin repräsentieren. Nachdem ihre Nominierung im Januar 2025 vom EU-Rat bestätigt worden war, begann für sie eine mehrwöchige Roadshow durch alle europäischen Hauptstädte. Der Aufbau der AMLA gleiche dem Zusammenschrauben eines Flugzeugs – „und zwar während des Fluges, und niemand will, dass es zu einem Crash kommt“, sagte Szego auf dem International Bankers Forum im vergangenen Herbst. Es ist die Metapher einer Frau, die zwar die Last ihrer Aufgabe kennt, aber auch ihren Sinn für Humor nicht verloren hat.
Lange Karriere in der italienischen Notenbank
Ihr Jurastudium führte Szego nicht an den Bank- und Finanzplatz nach Mailand, sondern an die Universität in Rom. Im Anschluss begann sie bei der Banca d’Italia, der Notenbank in Rom. Dort war sie zunächst in der Abteilung für Bankenaufsicht beschäftigt, wechselte zeitweise in die Analyseabteilung und übernahm mitten in der Finanzkrise 2008 die Leitung des Referats, das für die Bankenregulierung zuständig war. Später kam die Zuständigkeit für die Umsetzung der neuen EU-Aufsichts- und -Abwicklungsregeln hinzu. Schließlich wurde sie Abteilungsleiterin für Bankenregulierung, bevor sich im Dezember 2024 eine große Mehrheit im Europäischen Parlament für sie als kommende AMLA-Chefin aussprach.
Dabei setzte sich Szego unter anderem gegen den Deutschen Marcus Pleyer durch, der zuvor zwei Jahre lang die internationale Taskforce zur Geldwäschebekämpfung geführt hatte. Neben ihrer fachlichen Expertise sprachen für Szego zwei Punkte: Wegen der Ansiedlung der AMLA in Frankfurt erfüllte die Italienerin im Gegensatz zu Pleyer den Proporzgedanken innerhalb der EU. Weil Szego außerdem in der Banca d’Italia lange die Auswahlausschüsse für Berufsanfänger geleitet hatte, vertraute man auf ihre Erfahrung und ihr Geschick in der Mitarbeitergewinnung für die neue Behörde.
Szego sucht den Austausch mit Branchenvertretern, auch aus dem Nichtfinanzsektor – schließlich umfassen die Pakete zur Geldwäschebekämpfung der EU immer mehr Berufsgruppen: Immobilienmakler, Steuerberater, Notare, Wirtschaftsprüfer und von 2029 an auch Profifußballvereine. Die AMLA-Chefin beugt einer Sorge vor, die ihr immer wieder begegnet: „Ja, es braucht mehr Sicherheit, aber möglichst wenig Bürokratie“, sagte Szego auf der Euro Finance Week. Ihrer Auffassung nach geht es darum, ein Gleichgewicht zwischen den Kosten für Unternehmen und dem Nutzen für die Gesellschaft herzustellen. Dieser Aspekt ist ihr wichtig: Immer wieder betont die Finanzexpertin in ihren Reden, dass der Kampf gegen die Geldwäsche nicht nur finanziell, sondern auch gesellschaftlich geboten sei.
Es brauche EU-weit einheitliche Regeln, die überall gleich angewandt werden. Zudem müssten Schlupflöcher geschlossen werden, schließlich nutzten Kriminelle nationale Unterschiede gezielt aus, sagte sie auf der Euro Finance Week in Frankfurt. Zudem müssten sensible Informationen sicher und vertrauenswürdig ausgetauscht werden. So beaufsichtigt die AMLA 40 grenzüberschreitend tätige Finanzinstitute mit besonders hohem Geldwäscherisiko direkt, darunter auch Krypto-Dienstleister. „Krypto-Assets bergen aus Sicht der Geldwäschebekämpfung erhebliche Risiken“, erläutert Szego.
Datenabgleich und Technologie als Treiber
Die Erwartungen der Politik und der Finanzwirtschaft sind hoch. Die Unternehmensberatung EY Deutschland hat zusammen mit der Finanzplatzinitiative Frankfurt Main Finance im Herbst Experten aus Banken, Versicherern, Technologieunternehmen, Regierungsinstitutionen und Universitäten aus zehn europäischen Ländern befragt, was sie von der AMLA erwarten. Das Ergebnis: Die Befragten begrüßen die Einrichtung als einen wichtigen und transformatorischen Schritt im Kampf gegen Finanzkriminalität. „Sie hat die einzigartige Chance, neue regulatorische und technologische Wege zu gehen, wenn sie Effektivität und Effizienz in den Vordergrund stellt“, sagt Oliver Behrens, Präsident von Frankfurt Main Finance, einer Initiative, in der zahlreiche Banken und Finanzdienstleister zusammengeschlossen sind. Die Schlagkraft der AMLA wird jedoch von den Experten daran gemessen, inwieweit sie moderne Technologien effektiv für den Datenaustausch einsetzt.
Pünktlich zum ersten Geburtstag ihrer Behörde konnte Szego hier einen wichtigen Erfolg vermelden. Gemeinsam mit dem Europäischen Datenschutzausschuss arbeitet die AMLA an Leitlinien, die es Behörden in unterschiedlichen Ländern schon bald möglich machen, personenbezogene Daten miteinander auszutauschen. Für die Bekämpfung der Geldwäsche in der EU wäre das ein großer Schritt.
