Azizam, mein Lieber, heute ist Aschura. Daran hat mich meine Mutter letzte Nacht im Traum erinnert. Aschura ist der wichtigste Trauertag der Schiiten, er erinnert an den Tod von Imam Hussein in der Schlacht von Kerbela im Jahr 680. Als ich aufwachte, habe ich mit ihr telefoniert. Sie erzählte mir, dass sie gestern wie jedes Jahr das Aschura-Abendessen veranstaltet haben. Diese Zeremonie gibt es in der Familie meines Vaters, seit vor etwa einhundertfünfzig Jahren auf ihrem Land Walnussbäume gepflanzt und dem heiligen Imam Hussein geweiht worden sind. Das bedeutet, dass alle Walnüsse verkauft werden müssen und der Erlös für das Aschura-Mahl an Bedürftige verteilt wird. Jetzt ist mein Vater als ältester Sohn der Familie dafür verantwortlich. Nach ihm wäre mein Bruder an der Reihe, aber ich bezweifle, dass er das kleinste Interesse an dieser Tradition hätte.

Aschura ist der seltsamste iranische Brauch. Der prächtigste und lebendigste. Er wird nie vergessen und nie alt, sondern von jeder Generation mit neuen, eigenen Geschichten verbunden und weitergetragen. Es ist die einzige Zeremonie, der einzige Karneval, der vollkommen aus dem Volk kommt und allein durch Gelübde und private Spenden organisiert wird.
Kein Recht, Wasser zu verweigern
Auf Instagram sehe ich Bilder, die Menschen vom diesjährigen Aschura gepostet haben. Über den Aufnahmen liegt die Trauermusik für die durstigen Lippen Husseins. Dazu erscheinen Bilder von Khodanur, dem jungen Mann aus der Region Belutschistan, dessen Hände bei den letzten Unruhen von Sicherheitskräften an einen Fahnenmast gebunden wurden, während man ein Glas Wasser vor ihn stellte.
Ich habe dir mal erzählt, wie wichtig Wasser in Iran ist. Vielleicht, weil der größte Teil des Landes aus Wüste besteht und Dürre im Laufe der Geschichte immer das größte Problem der Menschen in Iran war. Deshalb muss man sogar einem Tier Wasser geben, bevor man es schlachtet. Sonst gilt sein Fleisch als unrein. Der Durst von Aschura ist in Iran längst mehr als eine historische Tatsache geworden: Er ist ein Symbol. Kein Mensch hat das Recht, einem anderen das Wasser zu verweigern. Nicht einmal vor einer Hinrichtung.
Wie rau und grob meine Hände geworden sind
In einigen Städten gedenken die Trauerzüge neben Aschura auch der Toten der Unruhen des 7. und 8. Januars. Eine Trauer, die der Kontrolle der Regierung entglitten ist. Die Menschen finden in jedem Ereignis einen Anlass, an die Unruhen zu erinnern. Sie zeigen Bilder eines Stadions in San Diego mit vierzigtausend Zuschauern und schreiben darunter: Wenn ihr wissen wollt, wie viele vierzigtausend ermordete Menschen sind, dann schaut euch diese Menge an. Wir werden wohl nie erfahren, wie viele Menschen tatsächlich getötet wurden. Alles bleibt eine ungefähre, inoffizielle Schätzung – so wie die Ereignisse von Aschura vor vierzehn Jahrhunderten.
Manchmal denke ich, dass keine Erzählung die Menschen so sehr verbinden kann wie Aschura. Und doch bin ich Iran so fern wie nie zuvor. Denn Aschura gehört den Schiiten und existiert hier, in der sunnitischen Türkei, nicht. In diesen Tagen vermisse ich meine Katze Mi sehr und denke oft an meine Familie. Hier verbringe ich meine Tage damit, Schafe zu füttern und Arbeiten auf dem Hof zu erledigen. Wenn ich mir abends das Gesicht wasche, merke ich, wie rau und grob meine Handflächen geworden sind. Morgens pflücke ich eine große Schüssel Maulbeeren vom großen Baum. Der rote Saft tropft auf mein Gesicht, wenn ich mich zu den Ästen strecke, er läuft über meine Hände und weiter über meine Arme. Meine Kleidung ist voller roter Flecken, und meine Fingernägel werden schwarz.
Der sicherste Duft, den ich kenne
Ich liebe diesen Baum. Ich habe das Gefühl, er wartet auf mich, damit ich ihn von dem Geschenk erleichtere, das er für mich bereithält. Die Bäume zeigen mir, was Großzügigkeit und Geben bedeutet. Geben nicht, um etwas dafür zu bekommen. Geben einfach nur des Gebens wegen. Als wäre das Geben selbst ein Bedürfnis des Baumes. So nehme ich das verletzte Küken des Hofes und lege es auf mein Herz, zwischen meine Brüste – an die Quelle von Nahrung in meinem Körper. Ich streichle es und hoffe, dass es stärker wird und am Leben bleibt.
Im Gegensatz zum Maulbeerbaum und zu den Olivenbäumen sind die Walnussbäume hier vertrocknet. Die Walnussbäume auf dem Land meines Großvaters dagegen tragen reichlich Früchte, denn sie wachsen an einem der wasserreichsten Orte Irans. Als ich ein Kind war, band mein Vater eine große Schaukel an die kräftigen Äste eines Walnussbaums, und mein Bruder und ich konnten stundenlang im Schatten seiner Zweige schaukeln. Noch heute ist der Geruch seiner Blätter der angenehmste und sicherste Duft, den ich in dieser Welt kenne.
Hast du jemals an einem Walnussblatt gerochen? Es genügt, mit dem Fingernagel leicht über das Blatt zu streichen und dann einzuatmen.
Nona ist ein Pseudonym. Unter ihm schickt eine iranische Autorin wöchentlich Briefe, in denen sie aus ihrem Leben im und mit dem Irankrieg berichtet. Aus dem Persischen übersetzt von Mehrdad Zaeri.
