Azizam, mein Lieber, heute ist der 4. Juli. Du hast mir ein Foto von dir geschickt, in Cowboykleidung, und geschrieben, dass Ihr zur Feier einer amerikanischen Freundin geht. Deine Weste erinnert mich an ein Kleid, das meine Mutter mir nähte, als ich neun Jahre alt war. Damals besuchte sie einen Nähkurs, und dieses Kleid war das schönste, das ich in meiner ganzen Kindheit getragen habe. Eine weiße Bluse mit Puffärmeln, dazu eine schwarze Weste und ein schwarzer Rock mit unzähligen schwarzen Fransen an verschiedenen Stellen. Wenn ich ging, schienen die Fransen zu tanzen, und ich liebte das.
Eines Tages stand ich stolz in meinem neuen Kleid vor meinem Großvater, und er sagte zu meiner Mutter: „Warum hast du deiner Tochter amerikanische Kleidung genäht?“ Meine Mutter sagte nichts, verließ aber aus Protest das Zimmer und schlug die Tür hinter sich zu. Von diesem Tag an bekam Amerika für mich – die ich jeden Morgen in der Schule mit dem Ruf „Tod für Amerika“ begann – die Bedeutung von Schönheit und Freiheit.
Das größte Geschenk?
Meine Mutter sprach jedoch nie über ihren damaligen Widerspruch und wurde wieder dieselbe gute und gehorsame Tochter ihres Vaters, die Amerika für den größten Feind des Islams hielt. Mein Großvater war Revolutionär und Gegner des amerikanischen Denkens.

Heute, fast fünfzig Jahre nach der Revolution, hat Amerika mir das größte Geschenk gemacht: den Tod des Diktators. Und meinen Großvater in die Trauer um den Märtyrertod seines Revolutionsführers gestürzt. Heute, zeitgleich mit den Feierlichkeiten zum zweihundertfünfzigsten Jahrestag der amerikanischen Unabhängigkeit, findet in Teheran die Trauerprozession für den gefallenen Führer – oder eben den Diktator – statt.
Rachegefühle und jemandem den Tod zu wünschen, sind nichts, worauf man stolz sein könnte. Aber sie gehören manchmal zur wirklichen Erfahrung eines Menschen. Eines Menschen wie mir und wie vielen anderen. Dieser Tod war für mich zwar eine Befreiung, aber zugleich das Ergebnis eines Angriffs, der ein Schandfleck auf der Stirn Amerikas bleibt.
Eine besondere Tür für Frauen
Ich werde nie vergessen, wie beschämt S., der amerikanische Freund, der auf dem türkischen Hof zu Gast war, damals den Blick vor mir senkte. Für mich war Freiheit immer der größte Mangel. Immer stand jemand am Schultor und durchsuchte meine Tasche, schaute auf meine Fingernägel, ob sie nicht zu lang waren, und auf mein Gesicht, ob ich geschminkt war. Und jahrelang gab es überall und immer eine besondere Tür für Frauen, an der geprüft wurde, ob ich würdig war, einzutreten.
Kann man alldem gegenüber gleichgültig bleiben, einfach gehorchen und zu einem unvollständigen Menschen werden? So wie ich, die viele Jahre lang ein unvollständiger Mensch war und so lebte, dass sie möglichst problemlos durch alle Türen gehen konnte.
Heute hast du mich gefragt, was ich Trump schreiben würde, wenn ich ihm einen Brief schreiben könnte. Ich würde ihm sagen: Ich weiß, dass du Amerika mit deinem ganzen Herzen liebst und dass Amerika deine Identität und dein Stolz ist. Schau dir die Freiheit an, die du in den Händen hältst. Diese Freiheit erlaubt dir, töricht zu sein, impulsive und überstürzte Entscheidungen zu treffen, lächerliche und widersprüchliche Dinge zu sagen, viele deiner eigenen Landsleute vor der ganzen Welt zu beschämen und den Nahen Osten in Brand zu setzen.
Alle Türen sind mir verschlossen
Du hast die Freiheit, Fehler zu machen und alles zu zerstören, und die Medien haben die Freiheit, dir zu widersprechen – und du wiederum hast die Freiheit, sie „Fake News“ zu nennen. Das ist etwas, das ich nicht habe, und deshalb fühle ich mich in meinem eigenen Land wie ein unvollständiger Mensch.
Als Bürgerin kann ich nicht einmal herausfinden, wie viele Menschen in meinem Land getötet wurden. Als du mein Land angegriffen hast, wurde der Zugang zu Nachrichten erneut abgeschnitten. Niemand wusste mehr, wo man Schutz suchen sollte. Jahrelang hatte ich selbst als Journalistin nicht das Recht, an den Orten wichtiger Ereignisse anwesend zu sein. Alle Türen sind mir verschlossen.
Denn hier ist Wissen die größte Gefahr. Wissen bedeutet Freiheit. Und Freiheit bedeutet Bewusstsein.
Statt zu trauern, feiern
Ich weiß nicht einmal, wie viele Menschen tatsächlich an der Trauerfeier für den früheren Führer meines Landes teilnehmen, wie viele heute Nacht, statt zu trauern, feiern. Ich weiß nicht einmal, welche Vereinbarungen zwischen Iran und Amerika getroffen werden. Und ich weiß nicht, ob der gegenwärtige Führer meines Landes lebt oder tot ist.
Du wirst bald in die Türkei kommen. Mit deinem echten Namen, hinter einem Rednerpult und im Scheinwerferlicht der Kameras wirst du in Ankara als Mensch und als Präsident sprechen.
Ich, nur wenige Kilometer weiter, übe hinter einer erfundenen Identität die Freiheit. In der Stadt, in die ich geflohen bin, damit ich jeden Tag meinen schwarzen Bikini anziehen und – um die Worte meines Großvaters zu benutzen – meinen Körper mit meiner amerikanischen Freiheit dem Ozean überlassen kann.
Nur damit ich kein unvollständiger Mensch bleibe.
Nona ist ein Pseudonym. Unter ihm schickt eine iranische Autorin wöchentlich Briefe, in denen sie aus ihrem Leben im und mit dem Irankrieg berichtet. Aus dem Persischen übersetzt von Mehrdad Zaeri.
