Mein Lieber, azizam, was für ein seltsamer Tag heute. Vor zwei Tagen bin ich in der Stadt meiner Eltern angekommen. Im Wald, im Grün, in der schwülen Luft. Den größten Teil dieser zwei Tage habe ich geschlafen und konnte mich nicht dazu bringen, meine Cousine zu besuchen. Sie war am Kopf operiert worden und inzwischen wieder zu Hause. Meine Großmutter war die Erste, die ich sehen wollte. Ich hatte ihr ein Kopftuch als Mitbringsel mitgebracht. Sie war fröhlich und warmherzig. Wie immer. Ich schlief bei Mama, wachte auf, frühstückte, redete, sah Serien und ging spazieren.
Ich wollte mir die Goldgeschäfte in der Stadt ansehen. Ich dachte mir, wenn ich schon in der Türkei kein Konto eröffnen kann, kaufe ich mir eben einen Armreif, den ich jederzeit wieder verkaufen kann. Einen gebrauchten Armreif. Ich traf diese Entscheidung, weil ich wütend bin. Wenn ich ein „High Risk“-Mensch bin, bedeutet das eben, dass ich außerhalb des Spiels leben muss. Aber der Goldpreis schoss plötzlich auf eine schockierende Weise in die Höhe, sodass er, als ich das zehnte Goldgeschäft betrat, von 20 auf 21,5 gestiegen war. Also strich ich den Plan mit dem Armreif.
Er holte einen Joint hervor, und wir rauchten ihn zusammen
Heute ging ich mit Mama zum Haus meiner Tante. Ich nahm die kleine Schneekugel, die ich für meine Cousine gekauft hatte, in die Hand und betrat ihr Zimmer. Sie lag auf ihrem Bett und blickte auf die Landschaft vor dem Fenster. Oliven- und Mispelbäume. Ihr Atem ging schwer und geräuschvoll. Ich setzte mich auf einen Stuhl ihr gegenüber. Sie sah mich an. Sie sprach mit ihren Augen zu mir, und ich mit meiner Stimme zu ihr. Ich nahm ihre Hand und sagte: „Wenn deine Antwort Ja ist, drück meine Hand.“ Ich fragte: „Möchtest du, dass ich heute Nacht bei dir bleibe?“ Sie drückte meine Hand. Dann schlief sie ein, und ich verließ ihr Zimmer. Ich unterhielt mich eine Weile mit meiner Tante und meiner jüngeren Cousine.

Danach ging ich ein Stück mit meinem Cousin spazieren. Er sagte, er sei an einem philosophischen Tiefpunkt angekommen. An einem einzigen Tag seien drei Mitglieder seiner Familie – sein Vater, seine Mutter und seine Schwester – dem Tod so nahe gekommen, dass das Leben für ihn bedeutungslos geworden sei. Er wollte sich von seiner Verlobten trennen. Er wollte sie nicht. Er wollte niemanden außer seiner Schwester, mit der er sich, wie er selbst sagte, wie ein Zwilling fühlte. Er wollte in ein anderes Land gehen und irgendwo ganz für sich allein sein. Wir gingen durch die Straßen in der Nähe der Häuser unserer Eltern.
Er holte einen Joint heraus, und wir rauchten ihn zusammen. Etwas, was wir noch nie zuvor gemeinsam getan hatten. Danach nahm ich eine Zigarette von ihm, und wir gingen rauchend weiter. Die Sonne war grell und heiß. Wir kauften uns zwei alkoholfreie Biere. Er nahm mir die leere Flasche aus der Hand und warf sie zusammen mit seiner eigenen an den Straßenrand. Ich sah ihn überrascht an. Er fragte: „Was ist?“ Ich sagte: „Gut gemacht.“ Heute Abend gehe ich mit der Familie meines Onkels und meinem Großvater essen, weil mein Cousin morgen früh seinen Militärdienst antreten muss. In dem Jahr, in dem ich an die Universität kam, wurde er geboren, und jetzt muss er während des Krieges zum Militär. Er hat einen Zwillingsbruder, der sein Studium noch nicht abgeschlossen hat und ebenfalls bald seinen Militärdienst antreten muss.
Sie trank Alkohol und war politisch aktiv
Mein anderer Onkel, der eine freiere Denkweise hat, beschäftigt sich in diesen Tagen mit dem psychischen Zustand seines fünfzehnjährigen Sohnes. Derselbe Junge, der bei den Protesten festgenommen worden war. Wegen des Schocks, den er erlitten hatte, ging er nicht mehr zur Schule, und auch dieses Jahr sagt er, dass er nicht zur Schule zurückwill. Er ist schwer depressiv.
Dann habe ich noch eine andere bittere und seltsame Nachricht gehört. Eine junge Frau, mit der ich vor einigen Jahren eine Zeit lang befreundet war, hatte einen Herzstillstand. Aber ihr Hals sah in Wirklichkeit so aus, als wäre sie erhängt worden. Und um ihren Tod herrscht ein seltsames Schweigen. Jetzt beschäftigt mich die Frage, ob dieses Mädchen durch Alkohol und Tabletten eine Überdosis genommen hatte oder ob sie bei den Protesten festgenommen und hingerichtet worden war. Denn sie trank Alkohol und war zugleich politisch aktiv und protestierte.
Ich erinnere mich daran, dass wir zusammen zum Aerobic gingen. Sie war neunzehn und saß auf einem großen Gymnastikball und machte spezielle Übungen, um ihre Becken- und Vaginalmuskulatur zu stärken. Ich weiß nicht, ob es am Ende etwas gebracht hat. Danach hörte ich nichts mehr von ihr, außer dass sie zweimal geschieden wurde – und nun ein Herzstillstand mit fünfunddreißig.
Das Leben scheint in eine empfindliche Phase eingetreten zu sein. Hier ist alles durcheinander. Manchmal bin ich wütend, manchmal glücklich. Aber wenn ich auf meinem Bett liege, empfinde ich eine tiefe Ruhe darüber, wieder zu Hause zu sein.
Nona ist ein Pseudonym. Unter ihm schickt eine iranische Autorin wöchentlich Briefe, in denen sie aus ihrem Leben im und mit dem Irankrieg berichtet. Aus dem Persischen übersetzt von Mehrdad Zaeri.
