
Die belgische Volkswirtschaft hat sich im ersten Quartal unauffällig entwickelt, genauer gesagt: durchschnittlich. Das reale Bruttoinlandsprodukt stieg gegenüber dem Vorquartal um 0,2 Prozent und gegenüber dem ersten Vierteljahr 2025 um 0,8 Prozent. Annähernd die gleichen Wachstumsraten hat das EU-Statistikamt Eurostat für den ganzen Euroraum registriert.
Dagegen entwickelte sich die Brüsseler Börse seit Jahresbeginn überdurchschnittlich gut. Der Krieg im Iran konnte dem Brüsseler Leitindex Bel-20 nur vorübergehend etwas anhaben. Sein Allzeithoch von 5678 Punkten, auf welches es von Jahresbeginn bis Mitte Februar geklettert war, hat das Brüsseler Börsenbarometer zwar noch nicht wieder ganz erreicht.
Aber nachdem er Ende März einige Tage lang wieder unter die 5000-Punkte-Marke gefallen war, liegt der Leitindex mittlerweile wieder bei rund 5500 Punkten. Am Dienstag startete er mit 5437 Punkten. Seit Jahresbeginn hat er um rund sieben Prozent zugelegt und sich damit deutlich besser entwickelt als der Euro Stoxx 50, dem er sonst oft folgt und der sich in dem Zeitraum nur knapp behauptete. Erst recht lief er besser als der Dax, der seit Jahresbeginn an Wert einbüßte.
Wenn sich der Bel-20 über- oder unterdurchschnittlich entwickelt, liegt es meistens am Schwergewicht im Brüsseler Index, dem weltgrößten Bierkonzern AB Inbev mit Sitz in Löwen. Die Aktie des Unternehmens, deren Wert in den Pandemiejahren auf teils unter 50 Euro gefallen war, ist seit Jahresbeginn um knapp 14 Prozent auf zuletzt rund 68 Euro gestiegen.
Hauptauslöser des Kurszuwachses waren die Unternehmenszahlen im ersten Quartal. Zur Überraschung der Analysten und zur Freude der Investoren verkaufte der Konzern erstmals seit 2023 wieder mehr Getränke. Im ersten Quartal stieg der Absatz um 0,8 Prozent. Auch der Betriebsgewinn legte mit 5,3 Prozent stärker zu als erwartet. „Ein Hoch auf das Bier!“, sagte Vorstandschef Michel Doukeris und fügte hinzu, die Ergebnisse spiegelten die Widerstandsfähigkeit der Branche trotz schwächerer Nachfrage in wichtigen Märkten wider.
Neben dem Wachstum der globalen Kernmarken wie Corona und Stella Artois zahlte sich der Vorstoß in das Geschäft mit Getränken jenseits des Bieres aus. Der Umsatz mit Dosencocktails wie der Marke Cutwater stieg um 37 Prozent. Ein Analyst des Investors Matrix Fund Managers sagte, die Strategie, sich auf wenige globale Schlüsselmarken zu konzentrieren, sei aufgegangen.
Fußballweltmeisterschaft 2026 macht Durst auf Bier
An seiner Prognose für das Gesamtjahr hielt der Vorstand fest. Diese berücksichtige bereits die aktuelle Einschätzung der Inflation und anderer makroökonomischer Bedingungen, die eher keinen Anlass für Optimismus geben. Hoffnung besteht in der Branche dennoch: Die Fußball-WM lässt gesteigerten Bierdurst erwarten.
„Ein Hoch auf das Bier“ kann AB-Inbev-Vorstandschef Doukeris auch aus persönlichen Gründen sagen. Im vergangenen Jahr erhielt der Brasilianer neben seinem Grundgehalt eine Vergütung von rund 85,8 Millionen Euro in Aktien und Optionen. Damit verdiente er fast 1800-mal so viel wie der am schlechtesten bezahlte Mitarbeiter des Unternehmens.
In Belgien, das eine solche Diskrepanz bisher nicht kennt, löste die Entlohnung des Brasilianers eine öffentliche Debatte aus. Xavier Baeten von der Brüsseler Vlerick Business School nannte das Verhältnis von 1800 zu eins gegenüber dem Nachrichtenportal „7sur7“ für Belgien „wirklich beispiellos“.
Dass dieser Rekord ausgerechnet bei AB Inbev zustande kommt, ist laut Baeten allerdings kein Zufall. Er spiegelt die Tatsache wider, dass AB Inbev zwar seinen Sitz unverändert in Belgien hat, aber nach globalen Maßstäben geführt wird. Das schlägt sich auch in der Entlohnung nieder. In den Vereinigten Staaten bestehe nur ein kleiner Teil des Gehaltspakets aus einem festen Grundgehalt, während der Großteil aus langfristigen Boni und Aktien bestehe.
Von den 20 Werten im Bel-20 haben 15 im vergangenen Jahr zugelegt. An Wert verloren haben nur fünf Unternehmen. Drei kommen aus der Chemiebranche: der Konzern Solvay, dessen einstige Ausgliederung Syensqo sowie der Chemikalienhändler Azelis. Eingebüßt haben außerdem der Autohändler D’Ieteren Group und der Beteiligungskonzern Sofina.
Nach Einschätzung von Analysten ist das Aufwärtspotential vieler Bel-20-Werte noch nicht erschöpft. Besonders gilt das für die AB-Inbev-Aktie. Das Portal Guruwatch.nl, das aktuelle Analystentipps zusammenfasst, weist für den Bierkonzern ausschließlich Kaufempfehlungen aus. Das gilt auch für den Biotechkonzern Argenx, den Immobilienentwickler WDP sowie für D’Ieteren.
