Die Geschichte der Backofenproduktion im badischen Bretten wird nach 151 Jahren enden. Der Hausgerätehersteller Bosch-Siemens-Hausgeräte (BSH) hält an seinem Entschluss fest, im März 2028 die letzten Öfen an dem Standort zu fertigen, an dem der Schlossermeister Carl Andreas Neff 1877 mit sechs Gesellen einen kleinen Handwerksbetrieb zum Bau von mit Kohle befeuerten Backöfen gründete. Nur die Fertigung von Dunstabzugshauben könnte weiterlaufen. Europas Marktführer für Hausgeräte will diesen Teil des Werkes in dem Städtchen 30 Kilometer östlich von Karlsruhe ganz oder zum Teil verkaufen, um im Anschluss als Ankerkunde weiter Dunstabzugshauben aus Bretten zu beziehen.
„Der Standort Bretten hat viel Kompetenz. Die schwierigen strukturellen und wirtschaftlichen Rahmenbedingungen und Marktaussichten sind jedoch unverändert. Was wir jetzt brauchen, ist eine tragfähige Lösung, damit dieses Potential auch eine Perspektive hat“, sagt BSH-Chef Matthias Metz der F.A.Z. „Die Idee eines eigenständigen Unternehmens mit Zugang zu neuen Kunden und Märkten bietet aus unserer Sicht die Chance, einen relevanten Teil des Standorts und damit möglichst viele Arbeitsplätze zu erhalten. Um diese Perspektive zu gestalten, suchen wir nach einem externen Partner.“ Das gilt für die Produktion der Dunstabzugshauben, die Fertigung von Backöfen plant BSH an deren Standorte im europäischen Netzwerk abzuziehen, weil die BSH-Fabriken insgesamt zu wenig ausgelastet sind.
Kunden wollen lieber Muldenlüfter als Dunstabzugshauben
Ohne die Fertigung von Backöfen ist der Standort für das Unternehmen allerdings nicht mehr wettbewerbsfähig, weil der Hersteller allein nicht so viele Dunstabzugshauben braucht. Hintergrund ist, dass viele Kunden nicht mehr klassische Hauben bevorzugen, sondern sich für Muldenlüfter interessieren, die Kochdämpfe neben den Herdplatten einsaugen. In den vergangenen Wochen hat BSH deshalb mit mehreren potentiellen Interessenten gesprochen, die sich das Werk allerdings noch nicht am Ort angeschaut haben. Klar ist, dass das Traditionswerk langfristig nicht mehr unter dem Namen BSH firmiert. Die Hoffnung, die das Münchner Unternehmen mit dem Plan verbindet, ist, dass ein externer Partner noch andere Kunden neben BSH gewinnt oder auch in das Geschäft mit Restaurants, Kantinen oder Großküchen einsteigt, um die Fertigung profitabel zu machen.
BSH hatte im Oktober 2025 überraschend verkündet, zwei Werke in Deutschland zu schließen. Neben Bretten betraf die Entscheidung die Waschmaschinenfabrik im brandenburgischen Nauen. Dort haben sich Geschäftsführung und Arbeitnehmervertretung Ende April auf einen Sozialplan zur Schließung des Werkes bis Ende Juni 2027 geeinigt. Es war in einem Zeitraum von nur eineinhalb Jahren der zweite große Einschnitt bei dem Traditionsunternehmen, das Bosch und Siemens 1967 gemeinsam gegründet hatten und das seit 2015 vollständig zum Bosch-Konzern gehört. Im Februar 2024 hatte der Hersteller bereits den Abbau von 3500 der rund 57.000 Stellen auf der Welt angekündigt, aber erklärt, an den sechs Standorten in Deutschland festhalten zu wollen.

BSH beschäftigt am Standort in Bretten 980 Mitarbeiter – wie diese sich auf die Backofenfabrik, auf die Dunstabzugshauben-Produktion sowie auf Verwaltung und Entwicklung aufteilen, wollte BSH nicht offenlegen. „Auch wenn wir heute noch keine abschließende Lösung präsentieren können, so haben wir ein klares Ziel: Wir wollen für möglichst viele Mitarbeiter in Bretten eine nachhaltige Perspektive schaffen“, sagte eine Sprecherin. Die Frage, ob mit einem neuen Partner auch alle 980 Arbeitsplätze erhalten und betriebsbedingte Kündigungen vermieden werden können, beantwortet das Unternehmen nicht. „Wir führen aktuell erste Sondierungsgespräche mit potentiellen Partnern. Der Prozess hat gerade erst begonnen.“
Die Anpassung der Produktionskapazitäten begründet BSH-Chef Metz vor allem mit den hohen Standortkosten in Deutschland. „Deutschland ist ein Hochlohnkostenstandort mit sehr vielen Feier- und Urlaubstagen und hohen Lohnnebenkosten, der sich im internationalen Wettbewerb behaupten muss“, sagte Metz im Interview mit der F.A.Z. Anfang des Jahres. Zudem reiche das Siegel „Made in Germany“ nicht mehr aus, „dass der Kunde bereit ist, für in Deutschland hergestellte Geräte mehr Geld auszugeben. Die Kunden wissen, dass Produkte, die zum Beispiel aus anderen europäischen Ländern, aus China oder aus Indien kommen, auch von hoher Qualität sind – zu oftmals deutlich niedrigeren Preisen.“
Betriebsrat kämpft mit Alternativkonzept gegen Schließung
Der Betriebsrat in Bretten wollte diese Argumentation im Frühjahr nicht hinnehmen. Nach den Daten, die die Arbeitnehmervertreter ihren Planungen zugrunde legen, steht das Werk wirtschaftlich stabil da und schreibt schwarze Zahlen. Anfang Mai stellte der Vorsitzende des Betriebsrats, Kristian Kipcic-Suta, ein Alternativkonzept vor. „Mit unserem Konzept zeigen wir, dass eine wirtschaftliche Fortführung der Produktion in Bretten ohne betriebsbedingte Kündigungen möglich ist“, hatte Kipcic-Suta vor wenigen Wochen gesagt.
Der Plan, den die Arbeitnehmer zusammen mit der IG Metall Bruchsal und dem Saarbrücker Info-Institut erarbeitet hatten, sah vor, dass die Produktion von Dunstabzugshauben ausgebaut und weiter automatisiert wird. Insbesondere sollen Aufträge, die BSH bislang an externe Unternehmen vergibt, wieder bei BSH gefertigt werden. Bretten ist das einzige Werk im europäischen Produktionsverbund von BSH, das klassische, über den Herdplatten angebrachte Dunstabzugshauben herstellt. Die Produktion der Backöfen wollten die Arbeitnehmervertreter später als von der Geschäftsführung vorgeschlagen auslaufen lassen, um die natürliche Fluktuation für den Abbau von Stellen zu nutzen.

Der Hausgerätehersteller hat das Konzept der Arbeitnehmer nach eigenen Angaben intensiv geprüft und „wertvolle Impulse“ daraus aufgenommen. Aus Sicht des Unternehmens ist die Nachfrage nach Dunstabzugshauben in den Plänen des Betriebsrats zu optimistisch bewertet. BSH könne das Produktionsvolumen, das für eine profitable Fertigung notwendig sei, niemals allein sicherstellen, heißt es in Unternehmenskreisen. Was aus Sicht des Betriebsrats nicht zu den Schließungsplänen passt, sind die gerade erst abgeschlossenen Modernisierungsmaßnahmen im Werk. Im Blick haben die Arbeitnehmervertreter dabei vor allem die erst im Mai 2025 in Betrieb gegangene Emaillierungsanlage. Für die Investition hat BSH eine Förderung in Höhe von einer halben Million Euro erhalten, die das Unternehmen jedoch nicht abruft, weil die Anlage wieder stillgelegt wird.
BSH legt hocheffiziente Emaillierungsanlage still
Noch hängen die in Form gepressten Stahlbleche ordentlich an Förderbändern und schweben durch die Werkhalle in Bretten. Düsen sprühen Seitenwände, Boden, Deckel und Rückwand mit einem matt schimmernden Pulver ein. Dann bewegen sich die Bauteile in die 835 Grad heiße Emaillierungsanlage. Sie brennt das Silikatpulver in die Bleche ein: Die Oberflächen verwandeln sich in typische, porenlose Emaille-Schichten – jedenfalls noch bis März 2028. Dann legt BSH eine der global effizientesten Anlage dieser Art still, weil Dunstabzugshaben keine emaillierten Bleche brauchen.
In Bretten sorgte die Entscheidung der BSH-Geschäftsführung für großen Unmut und Proteste. Nicht nur wegen der langen Geschichte, schließlich feiert das Werk im nächsten Jahr sein 150-jähriges Bestehen, sondern auch wegen der großen Abhängigkeit der badischen Stadt von der Fabrik. Nach Schätzungen von Oberbürgermeister Nico Morast (CDU) verliert sein Gemeinwesen durch eine komplette Schließung 1000 direkte und bis zu 3000 indirekte Arbeitsplätze. „Es ist für die Stadt und die Region eine Katastrophe“, sagt Morast. „Das reicht von Gastronomie und Hotellerie über Zulieferer und Handwerker, die teilweise kontinuierlich mehrere Personen in die Werkhallen schicken.“
Schon bei der Bilanzpressekonferenz hatte BSH-Chef Metz die Aussichten für den Hausgerätehersteller und damit auch für das Werk Bretten pessimistisch bewertet. „Die Zeiten, in denen Wachstum in unserer Branche quasi automatisch kam, sind vorbei“, sagte Metz im Mai. „Was wir erleben, ist kein kurzfristiger Wandel, sondern ein Zeitenwechsel in unserer Industrie.“ Ein Zeitenwechsel, der die Erlöse hat stagnieren lassen. BSH setzte im vergangenen Jahr 15 Milliarden Euro um, das ist ein Rückgang um 1,6 Prozent. Den genauen Gewinn nennt BSH nicht. Im Bosch-Konzern gehört BSH mit den Elektrowerkzeugen zum Bereich Konsumgüter, der 2024 bei einem Umsatz von 19,9 Milliarden Euro eine Umsatzrendite von 2,4 Prozent erzielt hat.
Als Bosch diese Umsatzzahlen verkündete, war noch der Plan aktuell, dass das Werk Bretten auf jeden Fall ganz schließen wird. Nun könnte zumindest ein Teil der Produktion weiterlaufen. Es gilt: Die Hoffnung auf die Dunstabzugshaube stirbt zuletzt.
