Die wichtigste Aufgabe hat der Chefkontrolleur schon bei seinem Amtsantritt im Januar 2022 klar benannt. Kern seiner Mission, so sagte Stefan Asenkerschbaumer vor gut vier Jahren, sei es, den baden-württembergischen Traditionskonzern erfolgreich durch die tiefgreifende Transformation der Automobilindustrie zu steuern. Dass „die Herausforderung allerdings noch größer und intensiver geworden ist als damals erwartet“, gab der Manager vor gut einem Jahr im Gespräch mit der „Börsen-Zeitung“ zu.
Wie intensiv die Herausforderungen sind, zeigen die Verwerfungen, die nicht nur die Autosparte, sondern auch andere Geschäftsbereiche von Bosch in die Krise gestürzt haben und auf die der Konzern mit dem größten Stellenabbauprogramm in der Geschichte des Unternehmens reagiert. Die Aufgabe, vor der der Betriebswirt, der 1987 bei Bosch angefangen hat und am Montag seinen 70. Geburtstag feiert, steht, könnte in diesen Tagen kaum größer sein.
Die Rolle des Aufsichtsratsvorsitzenden verändert sich
Dabei verändern die Umbrüche in der Industrie und der Wandel in der Weltwirtschaft auch die Rolle Asenkerschbaumers als Vorsitzenden des Aufsichtsrats. „Es geht heute nicht mehr nur um die reine Aufsicht, sondern viel stärker um Rat, Information und Kommunikation. Der Dialog wird immer wichtiger mit Perspektiven von außen ebenso wie von innen“, sagt Asenkerschbaumer in einem Interview, das Bosch anlässlich seines Geburtstages am Montag auf Unternehmensmedien veröffentlichen will.
Asenkerschbaumer sieht sich als Sparringspartner, der mit der Geschäftsführung rund um Bosch-Chef Stefan Hartung um die beste Lösung ringt. „Das gilt umso mehr in schwierigen Zeiten wie diesen, die von Umstrukturierungen und Stellenabbau geprägt sind“, sagt der gebürtige Oberbayer. „Die Veränderungen sind nötig, um das Unternehmen zukunftsfähig zu machen – und dennoch sind sie schmerzhaft.“

In den vergangenen Jahren hat Bosch den Abbau von fast 28.000 Stellen angekündigt. Vor allem an den deutschen Standorten der Autosparte plant Bosch einschneidende Maßnahmen. Grund sind neben dem stagnierenden Automarkt vor allem der international zurückgehende Dieselanteil und die fehlenden Stückzahlen in der Elektromobilität. Dazu kommen die Probleme des Geschäftsbereichs für Elektrowerkzeuge und der Tochtergesellschaft Bosch-Siemens-Hausgeräte.
Die Sparprogramme haben Bosch in den vergangenen beiden Jahren 4,5 Milliarden Euro gekostet und dem Unternehmen 2025 erstmals seit fast 20 Jahren Verluste gebracht. „Wir müssen uns wandeln, und das sogar noch schneller als bisher“, erläutert Asenkerschbaumer weiter. „Meine wichtigste Aufgabe sehe ich darin, Veränderung auch in Zukunft als wesentliche und positive Triebfeder zu etablieren, um unsere Wettbewerbsfähigkeit zu sichern.“
„Ihm würde ich jeden Gebrauchtwagen abkaufen“
Weggefährten beschreiben Asenkerschbaumer als „Ehrenmann“, auf dessen Wort man sich verlassen könne. „Der macht keinen linken Move, ihm würde ich jeden Gebrauchtwagen abkaufen“, heißt es von Mitarbeitern, die viele Jahre eng mit ihm zusammengearbeitet haben. Kritiker im Unternehmen bemängeln allerdings, dass dem „Zahlenmann der Excel-Listen“ in bestimmten Bereichen die technische Expertise fehle, um für den Bosch-Konzern in der Krise eine neue Vision im Hinblick auf das Leitmotiv „Technik fürs Leben“ zu entwickeln.
Unter seinen Kollegen im Aufsichtsrat genießt Asenkerschbaumer hohes Ansehen, auch auf der Arbeitnehmerseite. Das Kontrollgremium führt er mit großer Ruhe und hoher Klarheit, heißt es. „Er ist ein leiser Mensch, der die Präzision von Bosch verinnerlicht hat. Und er denkt lieber noch einmal nach, bevor er etwas sagt“, erzählt ein Aufsichtsratskollege. Er habe großes Interesse daran, dass der Aufsichtsrat sich gemeinsam für die Belange des Unternehmens einsetze – und dass Kapital- und Arbeitnehmerseite mit einer Stimme sprechen.
Geboren 1956 in Burghausen, studierte Asenkerschbaumer nach einer kaufmännischen Ausbildung und dem Wehrdienst bei den Gebirgsjägern an der Universität Nürnberg-Erlangen zuerst Wirtschaftspädagogik und dann Betriebswirtschaftslehre. Sein Studium schloss er mit einer Promotion zum Thema „Betriebliches Innovationsmanagement“ ab. 1987 begann er seine berufliche Laufbahn bei Bosch – zuerst als Trainee und dann als Fachreferent im Büro der Geschäftsleitung. Asenkerschbaumer arbeitete in der Logistik des Konzerns, im Controlling und als Werkleiter im walisischen Cardiff. 2006 übertrug ihm Bosch-Chef Franz Fehrenbach den Geschäftsbereich Starter und Generatoren, der für den Oberbayern zuständige Geschäftsführer war damals Volkmar Denner.
2010 stieg Asenkerschbaumer zum „G2“ auf
2010 übernahm Asenkerschbaumer in der Konzerngeschäftsführung die Verantwortung für die Finanzen sowie für Einkauf und Logistik und rückte zwei Jahre später zum stellvertretenden Bosch-Chef auf, als Denner den scheidenden Fehrenbach an der Spitze ablöste. In einem Interview mit der „Süddeutschen Zeitung“ ein Jahr nach seinem Aufstieg zum „G2“, wie bei Bosch der Stellvertreter des Chefs heißt, erläuterte Asenkerschbaumer, dass er aufgrund seiner Erfahrungen auf den verschiedenen Posten „nicht nur das Optimieren der Zahlen“ im Auge behalten, sondern auch stets das „Verständnis der Produkte und Fertigungsprozesse“ berücksichtigen könne.
Während Asenkerschbaumers Zeit als Finanzchef stieg Bosch 2012 aus der Technik für solare Energie aus, kaufte 2015 die Siemens-Anteile des Gemeinschaftsunternehmens Bosch-Siemens-Hausgeräte und entschied sich 2018 gegen den Aufbau einer eigenen Batteriezellproduktion. Im Januar 2022 übernahm der Manager den Vorsitz im Bosch-Aufsichtsrat sowie in der Robert Bosch Industrietreuhand KG, die die unternehmerische Gesellschafterfunktion des Konzerns übernimmt und damit maßgeblich die Strategie des Konzerns verantwortet.
Der Oberbayer folgte in beiden Funktionen auf den altersbedingt ausscheidenden Fehrenbach und agiert seitdem als Partner des neuen Konzernchefs Stefan Hartung. Dass Asenkerschbaumer und nicht Hartungs Vorgänger Denner an die Sitze der beiden Kontrollgremien rückte, überraschte nicht wenige: Auch Denner hatte sich Hoffnungen gemacht, wie sein Vorgänger Fehrenbach nach der Zeit als Bosch-Chef auch die Verantwortung in Aufsichtsrat und Industrietreuhand zu übernehmen.
Asenkerschbaumer ist bewusst, dass er den baden-württembergischen Traditionskonzern stabilisieren muss, und das ausgerechnet „in Zeiten einer gesellschaftlichen und politischen Unsicherheit, die wir so lange nicht erlebt haben“, wie er in dem Geburtstagsinterview den Bosch-Mitarbeitern erläutert. „Wir müssen vor diesem Hintergrund unser Wachstum sichern – nicht nur in etablierten, sondern auch in neuen Märkten. Denn volkswirtschaftlich sehen wir ein sinkendes Potentialwachstum weltweit, wovon Bosch mit seinen Erzeugnissen in den Gebrauchs-, Home-, Mobilitäts- und Industriebereichen betroffen ist.“
Die Unternehmen allein werden die grundlegende Krise der deutschen Volkswirtschaft allerdings nicht bewältigen, davon ist Asenkerschbaumer ebenfalls überzeugt. In einem Gastbeitrag für die F.A.Z. forderte er als Präsident der Schmalenbach-Gesellschaft für Betriebswirtschaft im Sommer 2023 „den Willen zur Veränderung. Und zwar auf allen Seiten: in der Gesellschaft, bei den Unternehmen, in der Wissenschaft und in der Politik.“ Es sei wichtig, „dass sich die Unternehmen einbringen, damit die Gesellschaft, in der sie sich bewegen, auf möglichst breiter Basis eine klare Vorstellung von einer positiven Zukunft entwickeln kann“. Geht es nach Stefan Asenkerschbaumer, soll Bosch die Speerspitze dieser Unternehmensbewegung sein.
