Ernest Hemingway, Jackson Pollock, Kurt Cobain, Virginia Woolf – sie alle litten mit hoher Wahrscheinlichkeit unter einer manisch-depressiven Erkrankung, die man heute als bipolare Störung bezeichnet. Was versteht man darunter, und gibt es einen Zusammenhang zwischen der Genialität der Künstler und ihrer Erkrankung?
Typisch für die bipolare Störung ist der Wechsel zwischen Phasen ausgeprägter depressiver Verstimmung und manischer, euphorisch-gereizter Stimmung. Die Betroffenen sind dann völlig verändert gegenüber ihrem Normalzustand. In den depressiven Phasen sind sie meist extrem traurig und verzweifelt, ohne Energie, sehen keine Zukunftsperspektive, können sich weder konzentrieren noch schlafen und sind entweder völlig antriebslos oder innerlich getrieben. Ganz anders in den manischen Phasen: Hier ist der Gedankengang beschleunigt, die Betroffenen sprechen ohne Unterlass, fühlen sich großartig, zu Höchstleistungen berufen, haben kein Schlafbedürfnis, sind innerlich getrieben und springen von einem Vorhaben zum anderen. Nicht selten geben sie in solchen manischen Phasen große Geldmengen aus. Etwa 1,5 Prozent der Bevölkerung sind betroffen, die Erkrankung ist bei Männern und Frauen etwa gleich häufig, beginnt meist im jungen Alter und in etwa der Hälfte der Fälle mit einer manischen Phase. Die Ursachen werden zu etwa 80 Prozent neurobiologischen Gründen zugeschrieben. Der Schwerpunkt der Therapie liegt auf der Behandlung mit Medikamenten. Psychotherapie hat für die Unterstützung im Verlauf jedoch ebenso eine hohe Bedeutung.
Wichtig sind Stimmungsstabilisierer
Was sollte man wissen: Die Erkrankung ist gut behandelbar, allerdings unterscheidet sich die Therapie grundlegend von der Behandlung bei wiederkehrenden Depressionen. Bipolare Depressionen werden möglichst nicht mit Antidepressiva behandelt, da dadurch das Risiko besteht, dass eine manische Episode ausgelöst wird. Zentrales Behandlungsprinzip ist der Schutz durch sogenannte Stimmungsstabilisierer wie Lithium, Valproinsäure oder auch neuere Antipsychotika. Außerdem ist es wichtig, dass die Betroffenen auf Alkohol und Drogen verzichten. Denn sie verschlechtern den Erkrankungsverlauf, wie man es bei den genannten prominenten Persönlichkeiten – außer bei Virginia Woolf – in teilweise dramatischer Weise gesehen hat.

Außerdem muss man im Kopf behalten, dass die Erkrankung lebensbedrohlich ist: Die Lebenserwartung ist um etwa 13 Jahre verkürzt, wozu auch die hohe Suizidrate von fünf bis 20 Prozent beiträgt – alle erwähnten Künstler haben sich suizidiert. Aber auch die finanziellen Schäden in manischen Episoden können massive Konsequenzen haben. Es ist gut zu wissen, dass für Patienten, die sich bereits in einer manischen Episode finanziell stark geschädigt hatten, über das Betreuungsrecht ein sogenannter Einwilligungsvorbehalt eingerichtet werden kann. Dann werden Geschäfte, die in einer manischen Episode abgeschlossen werden, nicht rechtskräftig. Dies kann viel Schaden abwenden.
Ob die künstlerischen Leistungen mit der schweren psychischen Erkrankung im Sinne von „Genie und Wahnsinn“ zusammenhängen, wurde immer wieder diskutiert. Ich bin heute davon überzeugt, dass die genannten und viele andere Betroffene trotz der Erkrankung und nicht wegen der Erkrankung so erfolgreich waren. In depressiven Episoden ist die Produktivität meist auf dem absoluten Tiefpunkt. In den manischen Episoden sind Energie und Schaffenskraft zwar gesteigert, eine gezielte Tätigkeit ist allerdings zumindest auf dem Höhepunkt der Störung kaum möglich. In der Regel sind die Betroffenen durch diese Erkrankung – trotz der prinzipiell guten Behandlungsmöglichkeiten – so beeinträchtigt, dass sie viel Hilfe von professioneller und Angehörigenseite für ihre Lebensbewältigung benötigen.
Literatur:
– S3-Leitlinie Diagnostik und Therapie bipolarer Störungen. AWMF-Registernummer 038-019 (Stand 17.4.2025; in Überarbeitung) https://register.awmf.org/de/leitlinien/detail/038-019 (letzter Zugriff: 6.9.2026).
Singh B, Swartz HA, Cuellar-Barboza AB et al. Bipolar disorder. Lancet 2025;406(10506):963-978.
– Singh B, Swartz HA, Cuellar-Barboza AB et al. Bipolar disorder. Lancet 2025;406(10506):963-978.
