
Es ist ein trauriges Charakteristikum der diesjährigen Kunstbiennale von Venedig, die Ende der kommenden Woche eröffnet, dass im Vorfeld mehr Menschen darüber sprechen, was dort alles nicht stattfinden soll, als darüber, was stattfindet. Es begann mit dem Aufruf von 200 Künstlern und Kuratoren, Israel wegen des Gaza-Kriegs zu boykottieren. Danach sagte Südafrika seine Teilnahme ebenfalls wegen eines Gaza-Streits ab, dann erklärte die Jury, die die Silbernen und die Goldenen Löwen zu vergeben hat, sie werde sowohl Israel als aus das auf Einladung des Biennale-Präsidenten Buttafuoco wieder teilnehmende Russland bei der Preisvergabe nicht berücksichtigen, denn Künstler aus Ländern, deren Regierungschefs vom Internationalen Strafgerichtshof mit Vorwürfen von Verbrechen gegen die Menschlichkeit konfrontiert seien, könnten aus Sicht der Jury keine Preise bekommen.
Damit waren vor allem Israel und Russland gemeint, aber wenn Iran (wegen der blutigen Niederschlagung der Proteste durch das Regime), die Vereinigten Staaten (wegen des eindeutig völkerrechtswidrigen Angriffs auf Iran) oder Saudi-Arabien (Einsatz von Knochensägen) noch rechtzeitig angezeigt worden wären, hätte die Jury auch Künstler aus diesen Ländern nicht bedenken dürfen.
Ein Versöhner zwischen Juden und Arabern wird gecancelt
Belu-Simion Fainaru, der Künstler, der als Beitrag Israels gezeigt wird, erklärte, dass niemand aus der Jury mit ihm vorher gesprochen habe, und dass er, obwohl in Israel lebend, vielleicht nicht die Position Netanjahus oder Smotrichs vertrete. Dass er einer der vielen liberalen Menschen in Israel sein könnte, die Aussöhnung mit den Palästinensern erträumen und anerkennen, dass die Siedler im Westjordanland auch nach israelischem Recht Verbrechen begehen; und dass man, wenn der Krieg je enden soll, auf beiden Seiten Menschen wie Fainaru braucht, der seit drei Jahrzehnten jüdische und arabische Künstler zusammenbringt – all das war der Jury egal.
Er kommt aus Israel, er kriegt keinen Preis. Diese Argumentation zeigt, wie heruntergekommen Teile der Kunstszene sind, die einerseits mit unendlichen Wortgirlanden und großer Differenzierungswut das Recht auf individuelle heteronormative Lebensgestaltung verteidigen und jede Form von klischeehafter Verallgemeinerung als faschistisch anprangern – aber dann alle Menschen wegen ihrer Herkunft etwa aus Israel über einen Kamm scheren und so genau die unversöhnlichen Frontstellungen aufbauen, die sie anderswo so bitterlich beklagen.
Jetzt ist die Jury nach Protesten gegen ihren Protest geschlossen zurückgetreten. Man muss ihr keine Träne nachweinen. Eine Publikumsjury soll jetzt zwei Löwen vergeben. Aber vielleicht braucht die Biennale sie auch gar nicht. Goldene Löwen gab es ohnehin nicht immer, erst 1986 wurden sie bei der Kunstbiennale eingeführt, nachdem dort alle Preise für Kunst in Folge der Studentenproteste 1968 abgeschafft worden waren. Der Vorwurf damals: Preise für Kunst seien per se bourgeois und faschistisch.
