Es sei ihm in einer Nacht klar geworden, auf was er sich eingelassen hatte, erzählt Benoît Bartherotte. In dieser stürmischen Nacht habe es seltsame Geräusche geben, ein Krachen und Bersten. Als er aus dem Fenster schaute, war der kleine Pinienwald, der zwischen seinem Haus und dem Meer stand, verschwunden. Stattdessen war dort: nichts. Nur Wasser, eine schwarze Fläche, aus der ein paar davonschwimmende Pinien ragten. Die Spitze seines Grundstücks auf der schmalen, sandigen Halbinsel von Cap Ferret am Bassin d’Arcachon, das er erst vor Kurzem gekauft hatte, war verschwunden, avalé par la mer, vom Atlantik aufgefressen, mitgerissen ins offene Meer.

Bartherotte war gerade erst mit seiner Familie hierhergezogen, aus Paris, um 1985 war das, und was vorher in seinem Leben passiert war, wäre allein Stoff für einen ziemlich guten Roman: 1946 in Bordeaux geboren, wuchs Bartherotte am Atlantik auf. Sein Großvater, der 1924 starb, war ein begeisterter Segler gewesen, so kam seine Mutter ans Cap Ferret, den äußersten Punkt der pinienbewachsenen Halbinsel, die das Bassin d’Arcachon im Westen von Bordeaux und seine weltberühmten Austernbänke vom offenen Atlantik trennt.
Vom Atlantik nach Paris und wieder zurück
Es gab damals keine Straße, nur Sandpisten und ein paar spartanische Fischerhütten ohne Strom, aber Bartherottes Mutter, die in vier Jahren vier Kinder bekam, wollte, dass der Nachwuchs das einfache, naturnahe Leben kennenlernt, und so orderte der Vater, Chef eines Unternehmens, das für die öffentlichen Verkehrsmittel der Region zuständig war, Lastwagen mit Betten und anderen Dingen durch die kaputten Sandpisten, um sich in den spartanischen Hütten einzurichten, obwohl er selbst nicht der allergrößte Fan dieser Robinsonaden war. Aber seine Mutter wollte es: „Sie war eine Anarchistin“, erzählt Bartherotte. „Wenn ihr jemand sagte, das kannst du nicht machen, das schaffst du nicht, das ist zu gefährlich, dann machte sie es extra.“

Und sie wollte ihre Kinder in einer Wildnis am Meer aufziehen. Für Benoît Bartherotte war das Leben am Meer ein Paradies. Bordeaux und das bürgerliche Leben dort erschienen ihm als Gefängnis; in der Stadt, als Kind der Fünfzigerjahre und unter dem strengen Erziehungsregime des Bordelaiser Bürgertums, sehnte er sich nach dem Leben im Rhythmus der Gezeiten, im Halbschatten der Pinien, mit Blick auf den weißen Streifen der Dune du Pilat am anderen Ende des Bassins, wo der Ozean einen anderen Maßstab ins Leben der Kinder brachte: Le grand large. „Wir lebten dort in langen Sommern in völliger Freiheit. Das war nicht Frankreich. Das war Afrika.“
Vielleicht beschloss Bartherotte deshalb später, die Landzunge um jeden Preis zu retten. Vorher aber, Ende der Sechzigerjahre, ging er nach Paris, um dem strengen Vater zu entkommen, aber auch dem Unglück, das die Familie erlitten hatte. Seine Schwester, der er sehr nahestand und die Philosophie studierte, starb mit 20 bei einem Autounfall; der Fahrer des Wagens, in dem sie saß, war eingeschlafen. Das Paradies der frühen Tage war zerstört; Benoît floh aus der zusammenbrechenden Familie nach Paris.
Ein Modechef will etwas ändern
Dort trifft er jemanden, der Wandbespannungen macht und Teppiche verlegt, ein Gelegenheitsjob, der ihn aber ins Modehaus von Louis Féraud bringt. Es gehört zu den vielen unglaublichen Geschichten im Leben Bartherottes, dass der berühmte Couturier Féraud, einer der Lieblingsschneider von Brigitte Bardot, den 26 Jahre jüngeren Teppichverleger fragt, was er von der aktuellen Kollektion hält, und eine freche Antwort erhielt; wenig später war Bartherotte, der als Kind einer angesehenen französischen Tuchmacherfamilie ein Auge für Mode hat, Partner von Féraud.

Es folgen ein paar wilde Jahre in Paris, Bartherotte geht aus mit dem Architekten Oscar Niemeyer, der vor der Militärdiktatur nach Paris geflohen war und dort den Sitz der Kommunistischen Partei plant, und mit Jean-Baptiste Doumeng, der zwei seltene Eigenschaften auf sich vereint – er ist Mitglied der Kommunistischen Partei und Milliardär. Ein Mann, der im Zweiten Weltkrieg die Lebensmittelversorgung der Widerstandskämpfer organisierte, nach 1945 mit dem weltweiten Handel von Lebensmitteln aus Ostblockstaaten ein Milliardenvermögen machte und gern erklärte, der Kommunismus werde jeden so reich machen wie ihn selbst.
Doumeng finanzierte nicht nur den Filmemacher Jacques Tati, sondern kaufte auch das Modehaus des Künstlers Jacques Esterel, der Chansons und Theaterstücke schrieb und 1974 an einem Aneuyrisma starb. 1977 macht Doumeng Bartherotte zum Chef des Modehauses, der schon bald darauf von Modehäusern wie Yves Saint Laurent kopiert wird; 1985 gewinnt er einen Plagiatsprozess gegen die renommierte Konkurrenz. Aber Bartherotte will etwas ändern: Mit ihm nach Paris gekommen war Elisabeth, genannt Zaza, mit ihr bekam er sieben Kinder – und die, denkt Bartherotte 1985, sollen nicht in Paris aufwachsen. Sondern am Meer. Im Sand. In Pinienwäldern. In Cap Ferret.
Das Traumziel aller Millionäre
Dort kauft er fünf Hektar Land, baut ein Holzhaus – dann reißt es ihm einen Teil seines Grundstücks weg. Was jetzt passiert, ist für alle, die sich streng an Regeln halten, haarsträubend: Weil der Staat nichts tat, um die Halbinsel zu sichern – ein Gesetz aus dem Jahr 1807 entbindet den Staat vom Schutz von Privatgrundstücken –, lässt Bartherotte ohne Genehmigung Tausende von Lkw-Ladungen von Steinen und Sand ins Meer kippen.

Er investiert einen beträchtlichen Teil seines Geldes in einen mittlerweile fast 500 Meter langen Deich aus großen Steinen, der sein Anwesen und das berühmte Restaurant „Chez Hortense“ schützt. Bartherotte versenkte praktisch sein ganzes Geld. Er fährt einen alten Renault Twingo und wohnt in einem bescheidenen Bungalow, das große Haus nebenan wird an Stars wie Leonardo DiCaprio vermietet, die hier immer häufiger auftauchen, seit der Film Les Petits Mouchoirs von Guillaume Canet das einst verschlafene Cap Ferret zum Traumziel aller Millionäre machte; die Einnahmen gehen in den Deich.
Zuvor hatten die Fluten jedes Jahr mehr als 40 Meter der Landspitze fortgerissen, zwischen 1982 und 1985 sogar über 300 Meter – hundert Meter pro Jahr. Dieser massive Rückgang lag vor allem daran, dass, seit das auf der anderen Seite der Bucht gelegene Städtchen Arcachon befestigt worden war, die Strömung im Bassin d’Arcachon sich geändert hatte und das ablaufende Wasser den Sand der gegenüberliegenden Landzunge mit sich riss.
Bis 2100 könnten weltweit Häuser von 600 Millionen Menschen versinken
Die Atlantikküste mit ihren insgesamt 240 Kilometer langen Sandstränden, die von der Mündung der Gironde bis ins Baskenland reichen, ist seit Jahrzehnten von Erosion betroffen; Orte wie Lacanau verlagern sich ins Landesinnere, in Soulac müssten Hotelbauten dem Atlantik weichen. Der Klimawandel mit steigendem Meeresspiegel macht die Lage nicht besser. Die Hälfte der Halbinsel werde verschwinden, gab der staatliche Küstenmanager Gabriel Marly zu Protokoll, man wisse nur nicht, ob in 50 oder100 Jahren.

Diese Unsicherheit betrifft heute einen großen Teil der Weltbevölkerung: Rund elf Prozent aller Menschen leben in tiefliegenden Küstengebieten, bis zum Jahr 2050 werden es eine Milliarde Menschen sein, und bis zum Ende des Jahrhunderts könnten aufgrund des Klimawandels die Häuser von über 600 Millionen Menschen unter die Hochwasserlinie fallen.
„Das ist hier eigentlich nur eine Sandbank“, erzählt Bartherotte, während Zaza eine riesige Dorade auftischt und sich eine unüberschaubare Zahl von Kindern und Enkeln an dem großen Holztisch seiner Veranda mit Blick aufs Palmendickicht, die Pinien und die Bucht versammelt. „Bis 1820 gab es keinen einzigen Baum auf der Halbinsel. Nur ein kleines Wäldchen. Du bist hier auf dem Sand eines ehemaligen Deltas aus der Eiszeit. Als das Schmelzwasser ablief, hat es ganz viel Sand mit sich gerissen, und als der Meeresspiegel sank, tauchten die Dünen auf, und der Wind trieb den Sand landeinwärts.“
Die Kräfte des Meeres umleiten statt bekämpfen
Ein fragiles Gelände, dessen Spitze vor der Strömung aus dem Bassin zurückwich und an dessen Atlantikseite die Winterstürme jedes Jahr bis zu acht Meter Land mitreißen; im Februar dieses Jahres erst stürzte einer der zahlreichen Bunker aus dem Zweiten Weltkrieg, der auf der angenagten Düne stand, in die Tiefe. Kann man so einen Ort durch die schiere Gewalt einer Wand aus Steinen verteidigen? Ja und nein. Als er anfing, fuhren sechzig Lastwagen täglich Steine auf, um ein Gewicht gegen die 380 Millionen Kubikmeter Wasser zu setzen, das hier zweimal am Tag hereindrückt – heute sind es „nur“ noch tausend Lkw pro Jahr.

Bartherottes Deich, der an den tiefsten Stellen 40 Meter tief reicht, ist damit einer der größten Küstenschutzbauten, ein pharaonisches Unterwasserbauwerk, in das er viele Millionen, sein ganzes beträchtliches Vermögen (und Geld anderer betroffener Nachbarn) versenkt; aber er ist nicht bloß eine stumpfe Mauer gegen das Meerwasser, sondern ein aquadynamisches Kunstwerk mit Modellcharakter für andere bedrohte Küstenstreifen: Es hält das Wasser nicht nur vom Land weg, es kanalisiert die Kräfte des Meeres: Durch die Strömung, die nicht an die Landspitze des Kaps ausweichen kann, entsteht – sehr zur Freude der Fischer – eine tiefe Fahrrinne an der Mündung des Bassins. Das Bollwerk stellt sich dem Wasser nicht dumpf entgegen, es leitet seine Kräfte um.
Das unterscheidet Bartherottes Werk von den militärisch anmutenden Verteidigungslinien gegen das Meer, wie man sie etwa in den Rockaways vor New York aufgeschüttet hat: Dort liegen die Häuser wie hinter einem riesigen Schutzwall und sehen das Meer nicht mehr. Bartherottes Hütten – zwei seiner Söhne haben eine Baufirma – setzen sich den Elementen aus, sie schützen vor der Sonne, aber öffnen sich dem Wind und den Blicken aufs Bassin.

Rückkehr zu Siedlungen?
Es gibt auch keinen Zaun. Wie schützt sich Bartherotte gegen neugierige Camper, Wanderer, Einbrecher? „Je suis protégé par ma reputation“, sagt Bartherotte und erinnert in diesem Moment sehr an den späten Hemingway, was nicht nur an seinem Bart liegt. Ihn schütze sein Ruf. Zu diesem Ruf gehört es, dass er 2015 ein paar Warnschüsse in die Luft abgefeuert hat, als ein paar renitente Angler auf seinem Grundstück herumkletterten, was ihm einen Prozess und einen Ruf wie Donnerhall eintrug. Seine Kinder sind in einer maximal offenen Dünenwelt aufgewachsen. Zwei haben ein Modelabel, G. Kero, gegründet, der Sohn Antonin war Sänger der Gruppe Hangar und Bassist von Papooz, zwei Brüder bauen die in der Gegend so beliebten traditionellen Holzhäuser (Beton ist bei den Bartherottes nur für Deiche akzeptabel), und Marion, eine der Töchter, ist als Malerin erfolgreich; sie schafft es nicht nur, das glitzernde Licht auf dem Bassin und den Halbschatten unter den Pinien in ihren Aquarellen wiederzugeben, sondern sie bekommt malerisch die einmalige Stimmung des Cap zu fassen, die Gerüche und Texturen – das Luftige der Gischt, das Frischgewaschene eines tiefblauen Himmels über dem Atlantik, den schweren Duft von Harz und warmem Holz in den Pinienwäldern, die weiche Wärme des unvergleichlichen Sandes der Dünen. Er sei sehr berührt von ihren Werken, sagt ihr Vater; die Kinder hätten nicht viel fernsehen dürfen, wenn er sie dabei erwischte, warf er sie raus, draußen spielen, malen, was man in der wilden Natur sieht, und siehe da: Was für eine tolle Künstlerin sie geworden ist.
Am Ende des Sandweges läuft die Flut auf. Bartherotte wirft seinem Hund einen Stock ins strudelnde Wasser, das Tier springt erfreut die Steine des Deichs hinunter und hinein in die Strömung.
„Es geht darum, sich den Dingen anzupassen“, sagt Bartherotte. „Das Meer ist millionenfach stärker als wir. Es ist so stark wie der Himmel. Es ist so stark wie Jupiter. Wir werfen dem Meer nichts vor, wir werfen ihm nicht vor, dass es das Land frisst; wir diskutieren ein bisschen mit ihm und sagen: Lass uns ein bisschen was übrig.“ Der Unterschied zwischen seinem Deich und den amerikanischen Wällen ist der zwischen Resilienz und Konfrontation. Doch auch das bisschen ist schwer zu verteidigen. Nicht jeder kann sich Tausende von Lkw-Ladungen leisten.
Früher konnte man die Hütten dieser Küste einfach abbauen und anderswo hinstellen, wenn das Meer es so wollte. Und vielleicht wird man in Zukunft zu dieser Mobilität von Siedlungen zurückkehren müssen, wenn man dem Meer nahe sein will.
