Baden-Württembergs Gesundheitsminister Oliver Hildenbrand (Grüne) hat die Pläne der schwarz-roten Koalition auf Bundesebene, die Regel für Krankschreibungen zu verschärfen, deutlich kritisiert. Dass Arbeitnehmer künftig bereits ab dem ersten Tag verpflichtend eine Krankschreibung vorlegen sollten, sei Ausdruck einer Misstrauenskultur gegenüber Beschäftigten, sagte Hildenbrand.
«Ich bin überzeugt: Die allermeisten Menschen bei uns im Land handeln verantwortungsvoll. Sie pauschal unter Generalverdacht zu stellen, ist weder gerecht noch zielführend», so der Gesundheitsminister. Zudem befürchtet er eine Überlastung der Arztpraxen. Schon heute arbeiteten viele Hausärztinnen und Hausärzte am Limit. «Wer Menschen mit kurzfristigen Erkrankungen zwingt, sofort und unverzüglich eine Praxis aufzusuchen, produziert vor allem mehr Bürokratie und noch vollere Wartezimmer.» Stattdessen brauche es Entlastungen, kluge Steuerung und Vertrauen in die Eigenverantwortung der Menschen.
Das plant die Bundesregierung
Union und SPD hatten sich zuvor auf Bundesebene auf ein größeres Reformpaket geeinigt. Es sieht unter anderem vor, das Arbeitnehmer schon ab dem ersten Tag der Erkrankung eine Arbeitsunfähigkeitsbescheinigung vorlegen müssen. Aktuell muss eine Bescheinigung her, wenn man länger als drei Kalendertage arbeitsunfähig ist, also am vierten Tag.
Abgeschafft werden soll zudem die Möglichkeit zu telefonischen Krankschreibungen. Seit Ende 2023 können Patientinnen und Patienten damit auch ohne Praxisbesuch eine Arbeitsunfähigkeit feststellen lassen – unter der Bedingung, dass man in der Praxis bekannt ist und keine schweren Symptome hat. Mit den Reformen will die Bundesregierung auf den aus ihrer Sicht zu hohen Krankenstand in Deutschland reagieren.
Bei den Ärzten im Südwesten kommt die Abschaffung der telefonischen Krankschreibung nicht gut an. Damit tue man weder dem medizinischen Personal noch den Kranken einen Gefallen, kritisierte der Präsident der Landesärztekammer, Wolfgang Miller. «Die Patienten bekommen die Abschaffung der telefonischen Krankschreibung leider direkt zu spüren. Denn die Arztpraxen werden wieder mit nicht notwendigen Terminen belastet.» Nicht jeder Patient mit Schnupfen oder leichtem Infekt müsse sich sofort persönlich vorstellen. Die telefonische Krankschreibung sei ein guter Weg, Ressourcen zielgerichtet einzusetzen.
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