
Junge Menschen wachsen damit auf, dass sich die deutsche Politik und Wirtschaft seit Jahren im Krisenmodus befinden: Das Bildungssystem ist in vieler Hinsicht prekär, und der Siegeszug der Künstlichen Intelligenz schafft große Unsicherheiten für die Berufsplanung. Hinzu kommen immer größere Schuldenberge und die Folgen geopolitischer Spannungen und der globalen Klimakrise. Das Ergebnis einer am Dienstag veröffentlichten Bertelsmann-Studie „Demokratie braucht Zukunft“ überrascht damit wenig: Die Mehrheit der Jüngeren ist pessimistisch – aber immerhin nicht ganz so pessimistisch wie die Älteren. Auch wenn die Gruppe der Zuversichtlichen insgesamt klein ist: Die Ansicht, dass es künftigen Generationen besser gehen werde, ist unter den Jüngeren deutlich stärker verbreitet.
Nach der repräsentativen Befragung vom Dezember 2025 sind 52 Prozent der Menschen in Deutschland der Meinung, künftigen Generationen werde es schlechter gehen. In der Gruppe der 18- bis 34-Jährigen ist der Anteil der Pessimisten mit 48 Prozent etwas geringer. Die optimistische Einschätzung, dass sich die Aussichten für jüngere Generationen (eher) verbessern, teilen in dieser Altersgruppe 13 Prozent; insgesamt sind es nur 7 Prozent. Aber der Anteil junger Menschen mit negativer Grundhaltung nimmt zu. Nach einer am 7. Juli veröffentlichten Jugendstudie des Umweltbundesbandes (UBA) in der Reihe „Zukunft? Jugend fragen!“ blicken mittlerweile 73 Prozent der jungen Menschen pessimistisch auf die gesellschaftliche Zukunft Deutschlands, 2021 waren es noch 54 Prozent. Geht es um die persönliche Zukunft, schrumpft der Anteil der pessimistischen jungen Leute zwar auf 30 Prozent. Aber auch hier ist die Tendenz im Vergleich zu 2021 (19 Prozent) deutlich negativ.
Mehr Unzufriedenheit an den politischen Rändern
Zukunftserwartungen hängen auch damit zusammen, welche politischen Präferenzen die Befragten haben, zeigt die Bertelsmann-Studie. Wähler vom linken und rechten Rand sind pessimistischer als Wähler von Parteien der politischen Mitte. Mehr als drei von vier AfD-Wählern (76 Prozent) befürchten, dass es zukünftige Generationen schlechter haben werden. Mehr als jeder Zweite, der sich für Die Linke entscheidet, teilt diese Auffassung (55 Prozent). Deutlich geringer ist der Anteil der Pessimisten unter Wählern von CDU/CSU, SPD, Bündnis 90/Die Grünen; rund 40 Prozent sehen schlechtere Chancen für die künftigen Generationen. Offen bleibe die Richtung der Kausalität, schreiben die Autoren: Wählen Menschen die AfD, weil sie pessimistischer in die Zukunft blicken, oder sind Wähler der AfD aufgrund ihrer politischen Präferenz pessimistischer? Über die Parteigrenzen hinweg sind 37 Prozent mit der Demokratie in Deutschland (eher) unzufrieden und nur 25 zufrieden. Unter den Jüngeren ist der Anteil der Unzufriedenen mit 31 Prozent etwas geringer.
Die Bertelsmann-Stiftung hat junge Leute auch speziell zu ihren wirtschaftlichen Zukunftserwartungen befragt. Eine knappe Mehrheit der 16- bis 25-Jährigen (53 Prozent) ist zuversichtlich, dass ihre Generation bessere Chancen am Arbeitsmarkt haben wird als die Elterngeneration. Andererseits glaubt nur weniger als ein Drittel der jungen Leute (26 Prozent), einen höheren Wohlstand zu erreichen werden als die eigenen Eltern. Die Umfrageergebnisse stammen aus dem „Young Economy Tracker“ der Bertelsmann-Stiftung von Januar 2026.
Klimawandel verliert für junge Menschen an Bedeutung
Auf die Frage, wofür der Staat Geld ausgeben soll, gaben die allermeisten Befragten (90 Prozent) an, Bildungsausgaben sollten Priorität haben. An zweiter und dritter Stelle der Prioritätenliste stehen Mehrausgaben für das Gesundheits- und Pflegesystem (87 Prozent) und für die Verkehrsinfrastruktur (82 Prozent). Klimawandel (62 Prozent) und Landesverteidigung (60 Prozent) gehören zu den Schlusslichtern.
Auch die Studie des Umweltbundesamtes bestätigt: Umwelt- und Klimaschutz verlieren für junge Leute an Bedeutung. Während im Jahr 2021 noch die Hälfte der 14- bis 22-Jährigen beides für „sehr wichtig“ hielt, schrumpfte der Anteil 2025 um rund ein Drittel. Aber für 73 Prozent bleiben Umwelt- und Klimaschutz weiterhin „wichtig“. 69 Prozent kritisieren, die Bundesregierung tue hier nicht genug. Aber auch nach der UBA-Studie haben junge Menschen zunehmend andere Sorgen. Von den vorgegebenen Problemfeldern wurden Kriminalität und öffentliche Sicherheit am häufigsten genannt (für 54 Prozent „sehr wichtig“), gefolgt von sozialer Gerechtigkeit (für 53 Prozent „sehr wichtig“).
Jüngere befürworten das Leistungsprinzip grundsätzlich
Die Bertelsmann-Stiftung wollte genauer wissen, was Gerechtigkeit für die Jüngeren bedeutet. Der „Young Economy Tracker“ zeigt: Leistung soll sich nach Ansicht der 16- bis 25-Jährigen lohnen. 89 Prozent stimmten der Aussage zu, es gehe gerecht zu, wenn jene, die im Beruf viel leisten, auch mehr verdienen. Gespalten ist die junge Generation, ob Gerechtigkeit auch bedeutet, dass jeder nur das bekommt, was er oder sie sich durch eigene Anstrengung erarbeitet hat. Dieser Aussage stimmten 55 Prozent der Befragten zu, 43 widersprachen mehr oder weniger deutlich.
Breite Zustimmung gab es aber wiederum dafür, dass alle die gleichen Startchancen erhalten sollten (92 Prozent). Für eine deutliche Mehrheit (65 Prozent) bedeutet das: Alle sollen auch die gleichen Lebensbedingungen haben. Widerspruch überwiegt hingegen, wenn gefragt wird, ob eine Gesellschaft gerecht ist, wenn Einkommen und Vermögen für alle gleich verteilt sind. 29 Prozent sehen das „überhaupt nicht“ so und 42 Prozent „eher nicht“. 28 Prozent der jungen Menschen stimmten zu.
Fast einhellig (zu 97 Prozent) ist die junge Generation der Meinung, damit es gerecht zugehe, müssten Kindererziehung und die Betreuung pflegebedürftiger Angehöriger unterstützt werden. 90 Prozent sagen, zu einer gerechten Gesellschaft gehöre, dass arme Menschen eine angemessene Grundversorgung erhalten (90 Prozent).
