Ayşe Demir ist schnellen Schrittes unterwegs. Sie geht in Richtung eines Marktstandes und spricht den Mann dahinter an. Auf seinem Verkaufstisch liegen Armbanduhren, Ringe, Schiebermützen und allerlei anderes wohl sortiert. „Merhaba! Hallo!“, sagt sie. Ob er Deutsch spreche? Wenig, sagt er. Türkisch? Ja.
Demir fragt ihn, ob er wahlberechtigt ist. Der Mann erklärt, er habe die deutsche Staatsbürgerschaft nicht, seine Frau und Kinder aber schon – und ja, alle drei würden natürlich wählen gehen. „Am 20. September“, sagt Demir noch mal mit Nachdruck und reicht ihm zwei Flyer, einen auf Türkisch und einen auf Deutsch. Die solle er seiner Familie geben. Er fragt nach weiteren, die er an seinem Stand auslegen kann. Demir drückt ihm einen kleinen Stapel in die Hand.
Es geht weiter zum nächsten Stand. Hier auf dem Hermannplatz im Berliner Bezirk Neukölln herrscht am frühen Abend viel Betrieb. Marktverkäufer bieten laut rufend Säcke mit Tomaten und Trauben zum Tiefpreis an.
„Nein, ich geh’ nicht wählen“, sagt ein anderer Mann mit einer Kiste Salat in der Hand. „Es bringt ja eh nichts.“ Er lacht und wendet sich ab. Das passiere immer wieder, einige seien schwer oder gar nicht zu bekehren, sagt Demir – und geht weiter. Es gebe genug Leute, die noch empfänglich sind.
Die Wahlbeteiligung in Neukölln lag 2025 bei 76 Prozent
Ayşe Demir arbeitet für den Türkischen Bund in Berlin-Brandenburg (TBB). Den Mitarbeitern des Vereins ist zuletzt aufgefallen, dass in Wahlkreisen wie Neukölln, in denen viele türkeistämmige Menschen leben, die Wahlbeteiligung verhältnismäßig niedrig ist. So lag sie bei der Bundestagswahl 2025 bundesweit bei 82,5 Prozent, in Neukölln jedoch nur bei 76 – damit lag der Bezirk auf dem vorletzten Platz unter den zwölf Berliner Bezirken. Daraus und aus ihren Erfahrungen schließen die Mitarbeiter, dass Menschen mit Türkeibezug seltener zur Wahl gehen, aber auch andere Menschen mit Migrationsgeschichte. Darauf deuten auch verschiedene Studien hin. Woran liegt das?
Ayşe Demir und ihr Team vom TBB sind in den Wochen vor der Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus auf den Straßen unterwegs, ehrenamtlich. Sie verteilen Postkarten an die Menschen, um sie zur Stimmabgabe zu motivieren und sie über die Wahl und deren Ablauf zu informieren. An diesem Abend geht die Gruppe über den Herrmannplatz und dann die Karl-Marx-Straße entlang. Hier reihen sich Cafés an Friseurläden, an Dönerbuden, an Kioske, an arabische Restaurants, an asiatische Supermärkte, an türkische Konditoreien und an deutsche Bäckereien.

Demir kommt mit vielen türkeistämmigen Menschen ins Gespräch, aber nicht nur. Sobald jemand weder Deutsch noch Englisch oder Türkisch spricht, greift Demir zum Handy. „Haben Sie schon eine Wahlbenachrichtigung bekommen? Es muss ein Brief nach Hause gekommen sein“, tippt Demir in ihr Handy und lässt die Sätze von einer App ins Arabische übersetzen. Die Frau, der sie das Handy entgegenhält, zuckt mit den Schultern. Demir deutet mit den Händen das Ankreuzen auf dem Wahlzettel an, sie spricht langsam und fragt die Frau, ob sie denn wählen dürfe. „Deutscher Pass?“ Die Frau nickt und zückt ihren Reisepass.
Keine Wahlempfehlungen
„Es geht uns in allererster Linie darum, die Leute zu mobilisieren und zu informieren“, sagt Demir. Viele wüssten nicht, wann die Wahl stattfindet, andere seien mit Erst- und Zweitstimme nicht vertraut. Seit zehn Jahren gibt es diese Aktion des TBB vor Wahlen schon.
Demir und ihr Team geben jedoch keine Wahlempfehlungen ab – auch wenn sie immer wieder danach gefragt würden. „Es geht nur darum, die Wahlbeteiligung zu erhöhen“, sagt Demir. „Aber es ist kein Geheimnis, dass wir damit natürlich auch eine starke Fraktion gegen rechtsextreme Positionen und Politik ermöglichen wollen.“
Türkeistämmige Menschen wählten lange traditionell die SPD. Doch diese Zustimmung geht zurück, das zeigte auch eine Umfrage der Konrad-Adenauer-Stiftung aus dem Jahr 2025. Eine bundesweite Untersuchung des Deutschen Zentrums für Integrations- und Migrationsforschung (Dezim) zur Wahlneigung verschiedener Bevölkerungsgruppen von Ende August zeigte, dass sich Wähler mit Migrationshintergrund immer stärker von Parteien abwenden. Die Forscher hatten gefragt, wie wahrscheinlich es ist, dass die Befragten eine bestimmte Partei jemals wählen würden. Die Abwendung von Parteien zeigte sich insbesondere bei Wahlberechtigten, die Wurzeln in der Türkei, im Nahen Osten, in Nordafrika, Afghanistan oder Pakistan haben.
Alle Parteien verlieren an Zuspruch
Von ihnen konnte sich zum Zeitpunkt der Befragung nur jeder Zweite vorstellen, jemals CDU oder CSU zu wählen – ein Jahr zuvor waren es noch 67 Prozent gewesen. Die SPD rutschte in dieser Gruppe ebenfalls ab, von 71 Prozent auf 60 Prozent. Auch die Linke verlor deutlich an Zuspruch. Die AfD kommt bei Wahlberechtigten mit Migrationshintergrund ebenfalls weniger gut an als bei Wählern, deren Eltern beide von Geburt an Deutsche waren. Bei der Bundestagswahl 2025 hatten rund 12,8 Prozent der Wahlberechtigten eine Einwanderungsgeschichte.
Dass die Wahlbeteiligung migrantischer Bürger verhältnismäßig gering ist, beschäftigt den Kölner Sozialpsychologen Musa Deli schon lange. Politische Nichtbeteiligung beginne nicht erst am Wahltag, sondern sei das Ergebnis eines längeren Prozesses. „Ich würde aber grundsätzlich davor warnen, das vorschnell kulturell zu erklären“, sagt er im Gespräch mit der F.A.Z. Und man dürfe Menschen mit Migrationsgeschichte und auch türkeistämmige Menschen nicht in einen Topf werfen. „Es ist keine homogene Gruppe. Lebensrealitäten, politische Einstellungen, Erfahrungen sind viel zu vielfältig“, sagt Deli.
Es gebe viele unterschiedliche Gründe dafür, dass Menschen sich nicht an Wahlen beteiligten – nicht nur Menschen mit Migrationshintergrund. Für die Beteiligung an Wahlen hält Deli drei Erfahrungen für entscheidend: „Ich gehöre dazu. Ich werde gehört. Und: Ich kann etwas bewegen.“
„Mitreden ist erlaubt, Mitentscheiden nicht“
Dort sieht der Forscher große Defizite. Deli beobachtet, dass viele Menschen sich in ihren Bedürfnissen nicht gesehen fühlen. Wenn sie politische Anliegen hätten, heiße es auf kommunaler Ebene relativ schnell, es gebe dafür den Integrationsrat. „Das klingt erst mal nach Beteiligung, aber diese Gremien haben häufig vor allem beratende Funktionen“, sagt Deli. Die Entscheidungsmacht liege woanders. „Das sind symbolische Gremien, die Teilhabe simulieren. Zugespitzt: Mitreden ist erlaubt, Mitentscheiden nicht.“ Das bekämen besonders Menschen der dritten Einwanderergeneration mit.
„Die Politik macht doch sowieso nichts für uns“, diesen Satz höre er in seinem Job als Leiter eines Gesundheitszentrums in Köln immer wieder von jungen Menschen. Er komme nicht aus dem Nichts, dahinter stünden teilweise ganz konkrete Alltagserfahrungen – Benachteiligungen auf dem Arbeitsmarkt, bei der Wohnungssuche oder im Bildungssystem. Einige Menschen seien nicht politikverdrossen, ihnen fehle vielmehr Selbstwirksamkeit: Wieso soll ich mich politisch beteiligen, wenn meine Lebensrealität überhaupt nicht mitgedacht wird?

Ein Beispiel dafür sei die Altersvorsorge, sagt Deli – die eigene oder die der eingewanderten Eltern oder Großeltern. Ehemalige Gastarbeiter sind häufig von Altersarmut betroffen. 2024 lag die Quote der armutsgefährdeten Rentner aus Gastarbeiterstaaten bei 34,3 Prozent – bei Rentnern ohne Migrationshintergrund bei 16,8 Prozent. Die Gründe dafür sind laut Dezim vielfältig: Gastarbeiter haben nicht nur häufig weniger verdient als ihre deutschen Kollegen, sie konnten oft auch weniger Erwerbsjahre für die Rentenansprüche ansammeln. Etwa, weil sie teilweise älter als andere in den deutschen Arbeitsmarkt eintraten oder vom Arbeitsplatzabbau in den Sechziger- und Siebzigerjahren besonders betroffen waren.
Mit angezogener Handbremse durchs Leben gegangen
Ein weiterer Nachteil: der fehlende Spracherwerb. Deli erzählt von seinem Vater, der als Gastarbeiter 1965 aus der Türkei nach Köln kam, jahrzehntelang bei Ford arbeitete und am Wochenende gern Deutschkurse an der Volkshochschule besuchen wollte. Doch der Arbeitgeber habe ihm davon abgeraten. Denn die Gastarbeiter sollten sich gar nicht integrieren, sagt Deli. Sie kamen zum Arbeiten und sollten dann in ihre Heimat zurückkehren – häufig wollten sie das auch.
„Auch in den Grundschulen und den weiterführenden Schulen gab es damals Türkischunterricht, damit die Kinder es einfacher haben, wenn sie irgendwann zurück in die Türkei gehen“, sagt Deli. Mit dem Versprechen einer Rückkehr lebten also nicht nur viele Gastarbeiter, sondern auch deren Kinder. „Viele der ersten und zweiten Generation sind immer mit einer angezogenen Handbremse durch Leben gegangen. Warum soll ich mich integrieren? Wir gehen ja eh zurück“, sagt Deli. All das könne sich auch heute noch in einem fehlenden Zugehörigkeitsgefühl widerspiegeln.

Zugehörig fühle er sich, sagt Şükrü Durak – obwohl er weder fließend Deutsch spricht, noch die deutsche Staatsbürgerschaft besitzt. Der Apotheker sitzt mit seinem Bekannten Muzaffer Sahin vor einem Café in der Neuköllner Karl-Marx-Straße, als Ayşe Demir auf die beiden zukommt. Der Erfolg der AfD schockiere ihn, sagt Sahin. Selbstverständlich werde er wählen gehen. Durak kneift bei dieser Aussage die Lippen zusammen. Seit 21 Jahren lebt er in Berlin und ist schon lange Inhaber der Apotheke gegenüber. Er zahle in Deutschland Steuern, sei Teil dieses Kiezes, dieser Stadt und wolle sie auch mitgestalten, sagt er.
Doch bei Landtagswahlen dürfen, genau wie bei Bundestagswahlen, nur deutsche Staatsbürger ihre Stimme abgeben; bei Europa- und Kommunalwahlen auch EU-Ausländer. Durak darf in Deutschland also gar nicht wählen. „Ich fordere ein Wahlrecht für alle“, sagt er – zumindest auf kommunaler Ebene. Und ergänzt: Auch für die deutschen Rentner, die seit Jahren in Alanya leben. Das sei doch klar.

