
Es ist nicht ganz einfach, zu sagen, wie es um den Ludwig-Erhard-Gipfel in diesem Jahr steht. Der Augenschein am Dienstag, dem ersten von drei Tagen, sagt: Es sind weniger Teilnehmer auf dem Gut Kaltenbrunn am Tegernsee als im vergangenen Jahr. Die F.A.Z. hat zuvor auch Kunde von Leuten bekommen, die jäh eine Gratiseinladung erhielten. Ging etwa die Angst um, dass infolge der Kritik am Gipfel und der dort für hohe Ticketpreise verheißenen „Premiumvernetzung in entspannter Atmosphäre“ samt „Einfluss auf die politischen Entscheidungsträger“ die Leute wegbleiben?
Der Augenschein kann natürlich trügen. In einer Pressemitteilung der veranstaltenden Weimer Media Group ist zu lesen, dass der Gipfel „inhaltlich“ weiter wachse. Ein Sprecher sagt der F.A.Z. bei strahlendem Sonnenschein am See, 2025 sei das Wetter nicht so gut gewesen. Deswegen seien die meisten Leute drin gewesen, deswegen habe es dort voller ausgesehen. Dieses Jahr verteile es sich mehr. Auf die Bitte, einen etwas belastbareren Zahlenvergleich zu schicken, schreibt er später: „Der diesjährige Ludwig-Erhard-Gipfel stößt auf sehr großes Interesse. Über alle drei Tage und Formate hinweg erwarten wir rund 1.400 Gäste. Hinzu kommen Zuschauer über Livestreams und das TV-Programm. Aufgrund des großen Interesses gehen wir davon aus, mehr Menschen zu erreichen als in den Vorjahren.“
Vielleicht kann man Folgendes als gesichert annehmen: Es sind weniger politische Schwergewichte da. Minister aus dem Bundes- wie auch dem bayerischen Kabinett haben sich entschuldigen lassen. Der bayerische Ministerpräsident Markus Söder (CSU), zuletzt Schirmherr, kam nach eingehender Prüfung durch Topjuristen in der Staatskanzlei zum Schluss, die Kontaktanbahnungen am Tegernsee seien zwar wohl nicht rechtswidrig, aber, wie Söder sagte, in einer „Grauzone“ anzusiedeln. Daher werde er zumindest dieses Jahr nicht teilnehmen. Darüber hinaus werde es am See auch keinen Staatsempfang geben. Dafür hatte der Freistaat in den vergangenen Jahren insgesamt gut 118.000 Euro ausgegeben.
Wo ist Söder? Er habe sich hier „immer sehr wohlgefühlt“
In der Münchner „Abendzeitung“ wies Verlegerin Christiane Goetz-Weimer, die einst zusammen mit ihrem Ehemann Wolfram, dem parteilosen heutigen Kulturstaatsminister, den Gipfel gegründet hatte, nicht nur zurück, dass die Kontakte käuflich seien – „Wer sich auf unseren Veranstaltungen wie und mit wem vernetzt, entscheidet jeder selbst“ –, sie kommentierte auch Söders Absenz, Doppelbödigkeit zumindest andeutend: „Mein Eindruck: Auch der Ministerpräsident hat sich beim Ludwig-Erhard-Gipfel immer sehr wohlgefühlt.“ Seine Entscheidung, die Schirmherrschaft auszusetzen, „hatten wir befürwortet, weil wir Neutralität mit Blick auf die Kommunalwahlen für richtig hielten“.
Das ist insoweit erklärungsbedürftig, als es ja auch früher schon Wahlen gab und der Gipfel für sich in Anspruch nimmt, überparteilich zu sein. Jedenfalls hob sie hervor, dass etwa Ilse Aigner (CSU), Aspirantin auf das Bundespräsidialamt, und Hubert Aiwanger kämen. Als der bayerische Wirtschaftsminister und Vorsitzende der Freien Wähler dann tatsächlich kommt, versprüht er einen gewissen Stolz darauf, zu denjenigen zu gehören, die nicht eingeknickt sind und mitgeholfen haben, dass der Gipfel sein diesjähriges Großthema „Resilienz“ auch auf sich selbst beziehen kann – und natürlich auf Armin Laschet (CDU), der trotz gebrochener Schulter am See ist.
Zur Wahrheit gehört aber auch: Im vergangenen Jahr war die Stimmung beschwingter. Damals sagte Goetz-Weimer in ihrer Auftaktrede: „Vielleicht stehen wir ja an der Schwelle zu sieben fetten Jahren.“ Der Ölpreis sei auf „Fünf-Jahres-Tief“, Staaten wie Argentinien, Indien oder Vietnam entwickelten sich sehr positiv. Über Vietnam sagte sie: „Vietnam hat sich von einem der ärmsten Länder der Welt zum Tiger Asiens voranentwickelt.“ Wohin sich der Ölpreis 2026 entwickelt hat, ist bekannt. Und die Weltgemeinschaft? Goetz-Weimer nennt als Leuchtfeuer wieder Argentinien, Indien, Vietnam. „Vietnam hat es von einem der ärmsten Länder der Welt zum Tiger Asiens gebracht.“
Ernüchterung über die „Entscheider aus unserer Mitte“
Die größte Hoffnung 2025 speiste sich aus dem Umstand, dass gerade eine neue Regierung ins Amt gekommen war, die – bei aller Überparteilichkeit auf dem Gipfel – dort viel eher gefiel als die Ampel. Goetz-Weimer sagte damals, „viele Zentralfiguren der neuen Regierung“ seien „Stammgäste“ des Gipfels, „Entscheider aus unserer Mitte“. Die Vorfreude, das merkt man in diesem Jahr, ist einer gewissen Ernüchterung gewichen. Allenfalls Wirtschaftsministerin Katherina Reiche wird gelobt – sie schlage „völlig zurecht Alarm“, so Goetz-Weimer, deren Mann übrigens ebenso wenig da ist wie Tegernsee-Fan und CDU-Chef Friedrich Merz.
Hilfreich ist da, dass Theo Waigel, der den „Freiheitspreis der Medien“ bekommt, daran erinnert, dass die Zeiten früher auch nicht immer so fett waren, und Ernst Jünger mit den Worten zitiert: „Es ist besser, in der Zuversicht als in der Furcht zu leben.“ Aiwanger schafft danach nahtlos den Übergang zu seiner „Keynote“: „Liebe Frau Goetz-Weimer, eigentlich hätten auch Sie den Preis verdient“, und zwar dafür, „dass Sie den Mut gehabt haben, am Gipfel festzuhalten“, und das „trotz gezielter Diffamierung“.
Während Goetz-Weimer vor allem die AfD der Diffamierung zeiht, lässt Aiwanger sich davon nicht beirren und schiebt den „links orientierten Medien“ die Schuld zu. Jedenfalls hoffe er, „dass hier der Turnaround gelungen ist und dass der Gipfel in Zukunft stärker ist denn je“. Wenig später folgt der Auftritt des ranghöchsten Gastes aus Berlin: Der CDU-Politiker und Staatssekretär Philipp Amthor spricht.
