
Zwei Wochen ist es her, dass drei Männer tot aus dem Rhein geborgen wurden, die alle von Hessen aus ins Wasser gegangen waren. Sie waren 23, 27 und 50 Jahre alt. Nach bisherigen Erkenntnissen geht die Polizei von Unglücksfällen aus. Am vergangenen Samstag ertrank abermals jemand – ein 40 Jahre alter Mann im Waldsee bei Raunheim. Dass alle vier Todesopfer Männer waren, sei kein Zufall, sagt Michael Hohmann, Präsident des hessischen Landesverbands der Deutschen Lebens-Rettungs-Gesellschaft (DLRG). „Ertrinken ist männlich“, sagt er. „Am vergangenen Hitzerekord-Wochenende gab es in Deutschland 26 Badetote – davon waren 100 Prozent Männer.“
Hohmann führt das vor allem auf Selbstüberschätzung zurück. Gelegentlich spiele auch der Einfluss von Alkohol eine Rolle. „Außerdem vermute ich, dass sich manche Nichtschwimmer nicht trauen, das vor ihren Freunden zuzugeben“, sagt er. Statt ihre Fähigkeiten realistisch einzuschätzen, gingen sie trotzdem ins Wasser. „So schwer kann das Schwimmen doch nicht sein“, mit diesen Worten fasst Hohmann diese Haltung zusammen. Mitunter reichen dann wenige Minuten für einen tödlichen Badeunfall.
Tote durch Ertrinken gibt es jedes Jahr. Laut DLRG-Statistik kamen in Deutschland im Jahr 2025 mindestens 393 Menschen auf diese Weise ums Leben, 82 Prozent davon waren Männer. Die meisten Unglücke ereigneten sich in freien Gewässern: Seen, Flüssen oder Bächen. In Hessen waren es 19 Tote – sieben mehr als im Jahr 2024.
Flache Atmung verhindert Auftrieb
Gerade beim Schwimmen seien die Gefahren oft unsichtbar: Bei 40 Grad Außentemperatur und einem spiegelglatten See sei die Versuchung groß, einfach ins Wasser zu springen. „Ich bin auch der Letzte, der den Menschen diesen Spaß verderben will. Wildes Schwimmen ist toll“, sagt Hohmann. Häufig aber gebe es Strömungen unter der Wasseroberfläche. Auf die treffe man oft erst, nachdem man bereits eine längere Strecke geschwommen sei. „Deswegen ereignen sich solche Todesfälle letztlich häufig durch Erschöpfung.“
Auch der plötzliche Temperaturabfall sei nicht zu unterschätzen. Derzeit seien die Gewässer um die 25 Grad warm, bei Außentemperaturen von 40 Grad. Dieser Temperaturunterschied überfordere vor allem die Körper älterer Menschen und könne zu Wadenkrämpfen führen sowie Auswirkungen auf die Atmung und den Blutkreislauf haben. „Deswegen duschen wir uns in öffentlichen Bädern vor dem Baden kalt ab.“
Auf dieses Risiko weist auch David Reichle hin, seit anderthalb Jahrzehnten Schwimmmeister und mittlerweile Betriebsleiter im Freibad Wörrstadt in Rheinhessen. Er beobachtet oft leichtsinnige Besucher, die sich „nach zwei oder drei Bierchen“ direkt ins Wasser stürzten. „Da ist eine Herzattacke nicht unwahrscheinlich.“
Reichle betreut mit einem kleinen Team ein in den vergangenen beiden Wochen stark frequentiertes Freibad in einer 8000-Einwohner-Stadt, das bis zu 2000 Besucher am Tag zählt. An einigen Tagen mussten nachmittags Menschen abgewiesen werden, weil Reichle und seine Kollegen die Sicherheit nicht mehr gewährleistet sahen. „Wir müssen noch irgendwie den Überblick wahren können“, sagt er. Schwimmmeister legen Wert darauf, dass sie den Boden im Wasser einwandfrei sehen können. Angesichts der immensen Besucherzahl und der Trübung des Wassers durch Sonnencremeablagerungen sei das aber kaum noch möglich.
Reichle will aber nicht nur Männern Unvernunft unterstellen. Sein Bad habe Stammbesucherinnen, die den Schwimmmeistern von ihren Herz- oder Kreislaufproblemen berichteten – und auch dann unverdrossen schwimmen gingen, wenn die Schwimmmeister ihnen nicht die volle Aufmerksamkeit gewähren könnten. „Sie setzen sich unnötigen Risiken aus, sosehr ich den Menschen die Erholung im Wasser gönne“, sagt Reichle. Im vergangenen Sommer habe eine 70 Jahre alte Frau leblos in einem schlecht einzusehenden Winkel am Boden des Beckens gelegen. Dank einer aufmerksamen Schwimmerin sei sie noch rechtzeitig geborgen und reanimiert worden. Reichle hat sich nach eigenen Worten eine Beobachtungstechnik angeeignet, mit der er alle Menschen im Wasser prüft und jene im Blick behält, bei denen er Zweifel hat.
Wenn ein Notfall gut ausgehe, helfe das einem Wasseraufsichtsteam, sagt Reichle. „Ich bin der Ansicht, dass jeder Schwimmmeister zumindest einmal einen Menschen in echter Not gesehen haben muss.“ In der Ausbildung könne man nicht vermitteln, wie sich das anfühle. Untergehen im Wasser habe schließlich nichts mit der legendären amerikanischen Rettungsschwimmer-Serie „Baywatch“ zu tun, in der Pamela Anderson und David Hasselhoff durch wildes Winken und laute Schreie alarmiert würden. „In Wirklichkeit geht das alles ganz leise, der Körper sinkt einfach weg. Ertrinkende haben ja gerade keine Kraft mehr, auch nicht zum Schreien.“
Oft komme sogar ein Stimmritzenkrampf hinzu, der jeden Laut unterbinde. Dabei handelt es sich um eine schmerzhafte, unwillkürliche Verkrampfung der Kehlkopfmuskulatur, die den Zugang zur Luftröhre blockiert und zu akuter Atemnot führt. „Der Krampf kann so heftig sein, dass die Atmung und sogar die Beatmung durch uns extrem erschwert ist.“
Hinzu kommt laut DLRG-Präsident Hohmann ein physikalischer Effekt: Mit zunehmender Erschöpfung werde die Atmung flacher. Dadurch befinde sich weniger Luft in der Lunge, der Auftrieb nehme ab. Er vergleicht das mit einem Luftballon: Je weniger Luft er enthält, desto leichter sinkt er im Wasser. Der Kopf tauche deshalb immer wieder kurz unter, bis die Kraft schließlich nicht mehr ausreiche. Auch Hohmann sagt: „Das Ertrinken verläuft unbemerkt.“
Smartphone schränkt die Aufmerksamkeit ein
In seinem Freibad beobachtet Schwimmmeister Reichle seit Jahren eine weitere große Gefahr: Immer öfter komme es vor, dass sich kleine Kinder allein in den Becken aufhielten. Vermutlich hänge das mit dem Smartphone zusammen, das viele Eltern ablenke. „Vielleicht kennen sie auch einfach nicht die Gefahren“, sagt Reichle. „Am vergangenen Wochenende mussten wir mehr als zehnmal kleine Kinder zu uns nehmen und die Eltern ausrufen, da bei den Nichtschwimmerkindern weit und breit niemand zu sehen war.“ Immer wieder schicke er die Erziehungsberechtigten anschließend nach Hause, in der Hoffnung auf einen Lerneffekt.
DLRG-Präsident Hohmann spricht von einer Vollkasko-Mentalität. „Eltern von Kindern erwarten, dass sich bei Eintrittspreisen zwischen zwei und fünf Euro die Bademeister um die Sicherheit kümmern.“ Das funktioniere aber rein logistisch nicht. In den Frankfurter Bädern wurde deshalb eine Aktion unter dem Slogan „Klein, nie allein“ ins Leben gerufen. Sie solle Eltern dafür sensibilisieren, ihre Kinder nicht alleinzulassen, sagt Boris Zielinski, Geschäftsführer der Frankfurter Bäderbetriebe. Wie Bademeister immer wieder berichten, sind einige Badbesucher zudem der deutschen Sprache nicht ausreichend mächtig – folglich verstünden sie Appelle oder Durchsagen der Wasseraufsicht nicht.
„Bei Kindern, die nicht schwimmen können, sollte die Aufsichtsperson höchstens eine Armlänge entfernt sein“, sagt Hohmann. Vorgeschrieben ist das in Deutschland nicht, ebenso wenig wie ein Schwimmabzeichen als Zugangsvoraussetzung zum Schwimmerbecken. In den USA und in Kanada hingegen ist es üblich, dass Eltern umgehend des Bades verwiesen werden, wenn sie sich deutlich weiter als einen halben Meter entfernt von ihrem Kind aufhalten.
Hohmann warnt zudem vor der falschen Sicherheit, die Schwimmflügel versprächen. Immer wieder erlebe er, dass Kinder sie sich beim Spielen von den Armen über die Hände oder sogar bis zu den Füßen schöben. „Sie finden das lustig.“ Dann fehle der notwendige Auftrieb, das Gesicht könne unter Wasser geraten. Und auch beim Sprung ins Wasser könnten Schwimmflügel verrutschen. „Der Aufprall kann sie von den Armen ziehen. So schnell kann man gar nicht schauen – die Schwimmflügel treiben oben, das Kind ist am Beckenboden.“
Unfälle wie jene am Rhein sind laut Fachleuten vor allem deshalb tragisch, weil man sie leicht verhindern könnte. „In Deutschland bewacht die DLRG mehr als 100 Badestellen. Dort können wir im Ernstfall reagieren“, sagt Hohmann. Auf solche Rettungseinsätze bereiten sich die DLRG-Helfer vor. Dabei kommen Übungspuppen mit rund 75 Kilogramm Gewicht zum Einsatz – in etwa das Gewicht eines bewusstlosen oder schon stark erschöpften Menschen mit Wasser in der Lunge.
Orientierung im Wildgewässer wird unterschätzt
An den zu meidenden unbewachten Stellen ereignen sich laut Hohmann die meisten tödlichen Unfälle. In befahrenen Gewässern wie dem Main und dem Rhein sei das Risiko noch höher. „Sie würden doch auch nicht auf einer Bundesautobahn einen Sandkasten aufstellen und spielen“, sagt Hohmann. „Und diese Flüsse sind nun mal Bundeswasserstraßen.“ Der DLRG-Präsident berichtet von einem Fall, bei dem ein Mann am Mainufer bauchnabeltief im Wasser saß. Ein Frachtschiff sei vorbeigefahren und habe ihn einfach „mitgenommen“. Der Mann habe den Unfall nicht überlebt. „Diese Schiffe haben einen enormen Sog“, warnt Hohmann.
Am Rhein kommt zudem eine Besonderheit hinzu: sogenannte Buhnen. Das sind Steinbauwerke, die vom Ufer aus in den Fluss hineinragen und die Strömung für die Schifffahrt lenken sollen. Bei höherem Wasserstand sind sie oft kaum oder gar nicht zu erkennen. „Sie erzeugen allerdings einen lebensgefährlichen Sog und ziehen den Schwimmer drei Meter senkrecht nach unten“, sagt Hohmann. Auch geübte Schwimmer hätten kaum eine Chance, sich daraus zu befreien.
Ein weiterer, laut Hohmann oft unterschätzter Faktor ist die Orientierung im Wasser. In Freibädern sei das rettende Ufer – der Beckenrand – jederzeit erreichbar. In freien Gewässern dagegen legten Schwimmer schnell auch 100 Meter oder mehr zurück und bemerkten die eigene Erschöpfung oft erst auf dem Rückweg. „Deswegen sind öffentliche Schwimmbäder auch die sichersten Badestellen und die, an denen die wenigsten Unfälle passieren“, sagt Hohmann.
Das bestätigt Betriebsleiter Reichle. Einige Male hätte er oder eine Kollegin auch in diesem Sommer schon ins Wasser springen müssen. Jedes Mal seien sie aber rechtzeitig bei der Person gewesen und die Sache sei glimpflich ausgegangen.
Hitzewellen erhöhen das Risiko
Die vor vielen Jahren erlernten Seepferdchen-Baderegeln hätten auch für Erwachsene immer noch Gültigkeit, sagt Hohmann. Auf der Website der DRLG finden sich die zwölf Regeln in 28 Sprachen. Darunter ist auch ein Punkt, der wahrscheinlich am häufigsten belächelt wird: Nach dem Essen nicht unmittelbar schwimmen zu gehen. „Das ist aber kein Mythos. Der Körper ist dann mit Verdauen beschäftigt.“
Auf „Vollkasko“ sollte man sich also nicht verlassen – Eigenverantwortung spielt laut Hohmann eine zentrale Rolle. Fehlende Bademeister seien dabei nur ein Teil eines größeren strukturellen Problems. Bädererhaltung fällt unter die freiwilligen gesetzlichen Leistungen der Kommunen. „Wenn die aber, wie gerade, kein Geld mehr haben, wird da als Erstes gespart“, sagt der Fachmann.
Während es in Hessen noch ganz gut aussehe, fehle es in Deutschland allgemein an Wasserfläche. Liege das nächste Schwimmbad für Schulen eine Stunde entfernt, könne der Schwimmunterricht oft nicht mehr ausreichend häufig stattfinden. Die Folgen sind, wie Hohmann berichtet, dramatisch: 20 Prozent der Kinder verlassen die Grundschule als Nichtschwimmer, 60 Prozent von ihnen sind keine sicheren Schwimmer. „Und aus unsicheren jungen Schwimmern werden dann nicht plötzlich sichere erwachsene Schwimmer.“
Das Mindestmaß sollte für jeden das Bronzeabzeichen, der Freischwimmer sein, fordert Hohmann. Außerdem biete die DLRG Auffrischungskurse für Erwachsene an. Das könne man alle zwei bis drei Jahre vor der Badesaison machen. „Das ist wie ein TÜV-Siegel fürs Schwimmen“, sagt Hohmann. Schwimmfähigkeit sei nichts, das einmal gelernt werde und dann dauerhaft selbstverständlich bleibe.
