Zehn Jahre können in einer Branche viel verändern. Es ist nicht so, dass die Handelswelt in den Frankfurter Einkaufsstraßen 2016 noch in bester Ordnung gewesen wäre – schon damals klagten Immobilienmakler, wie schwierig es sei, geeignete Mieter für Flächen zu finden. Die Zeil sei längst kein Selbstläufer mehr, hieß es.
Doch wer hätte zu der Zeit gedacht, dass Tausende Quadratmeter Ladenfläche in bester Innenstadtlage, etwa in den ehemaligen Filialen von Karstadt und Zara, einmal jahrelang leer stehen würden. Oder dass ein Modehaus wie das von Esprit an der Hauptwache, einer der Topadressen in Frankfurt, umgebaut würde zu einem Bürohaus, in dem Einzelhandel nur noch eine Nebenrolle spielt. Als verrückt hätte man vermutlich die Idee abgetan, in einem großen Modekaufhaus an der Fußgängerzone, bei Peek und Cloppenburg, eine Schule und eine Sporthalle unterzubringen. Doch das ist inzwischen alles Realität. Einzelhandel über vier, fünf Etagen braucht niemand mehr.
Das rasante Wachstum im Onlinehandel, insbesondere bei Mode und Elektroartikeln, hat einen großen Anteil an der Entwicklung. 2016 verzeichnete der Onlineumsatz im deutschen Einzelhandel ein Plus von 10,8 Prozent im Vergleich zum Vorjahr, bei einem Marktanteil von neun Prozent am Gesamtumsatz. Dann kam Corona, der Online-Booster. Monatelang waren die Ladengeschäfte geschlossen. Verbraucher saßen zu Hause, hatten viel Zeit zum Stöbern im Internet – und erlebten, wie bequem es ist, Turnschuhe und Jeans nach Hause zu bestellen. Im Spitzenjahr, 2020, stiegen die Onlineumsätze um gut 23 Prozent. Der Marktanteil stieg auf fast 15 Prozent, inzwischen liegt er bei 13,5 Prozent.
Handel: Onlineumsätze legen stärker zu
Die Dynamik hat wegen der globalen Krisen und der Konsumflaute zwar deutlich nachgelassen. Doch verstetigt sich das Wachstum weiter, wie der Handelsverband Deutschland und das Kölner Institut für Handelsforschung in ihrer jüngsten Analyse zum Onlinehandel berichten. Danach legten die Onlineumsätze 2025 im Vergleich zum Vorjahr real um 3,9 Prozent zu, die Umsätze in den Ladengeschäften um 1,3 Prozent, und das auch nur, weil die Umsätze mit Lebensmitteln in die Statistik einfließen. Die Prognose für 2026 sieht nicht besser aus.
Wer in der Frankfurter Innenstadt unterwegs ist, gewinnt einen anderen Eindruck. Samstags sind Fußgängerzonen und Einkaufspassagen voll. Besucher drängeln sich an den Weinständen vor der Kleinmarkthalle und auf dem Wochenmarkt an der Konstablerwache. Nach einem freien Platz im Café muss man suchen. Die Innenstadt brummt, im wahrsten Sinne des Wortes. Viele Besucher kommen mit dem Auto aus dem Umland, schon um die Mittagszeit sind die Parkhäuser oft belegt. Läuft doch, könnte man meinen.
Doch der Eindruck täuscht. Zwar hat das Leben in der Innenstadt, wie auch die Zahlen des Passantenzählers Hystreet zeigen, nach Corona wieder deutlich an Fahrt aufgenommen, doch viele kommen in die Stadt, einfach nur, um zu bummeln, Freunde zu treffen, Kaffee zu trinken. Die Einkaufstüten bleiben dagegen leer.
Krisen und Kriege: Die Verbraucher sind nicht in Kauflaune
Die Verbraucher sind einfach nicht in Kauflaune. Wie auch? Globale Krisen wie die Kriege in der Ukraine und in Iran haben die Preise für Lebensmittel und Energie nach oben getrieben. Hinzu kommt die Diskussion darüber, wie die Milliardenlöcher in der Renten- und Pflegeversicherung gestopft werden können – kein Thema, das die Konsumstimmung hebt. Die einen Verbraucher können gar nicht anders, als spitz zu rechnen und zu sparen, die anderen legen ihr Geld aus Sorge vor der Zukunft lieber auf die hohe Kante oder geben es für andere Dinge wie teure Reisen und Konzerte aus, weil sie „schon alles haben“.
Gespart wird vor allem bei Kleidung, Elektronik und Haushaltswaren. Das bleibt nicht ohne Folgen. Zahlreiche Handelsunternehmen haben im vergangenen Jahr ihre Türen für immer geschlossen. Die einen still und leise, andere wurden durch Insolvenz dazu gezwungen. Zunehmend trifft die Entwicklung Geschäfte mit einer langen Tradition, in Mainz etwa den Schreibwarenladen Listmann und das Kindergeschäft Wirth, in Frankfurt das alteingesessene Fachgeschäft Betten Nöll an der Berger Straße, um nur einige Beispiele zu nennen. Einen Rückgang um weitere 4900 Geschäfte erwartet der Handelsverband Deutschland für dieses Jahr.
Fest steht: Überleben im inhabergeführten Handel kann nur, wer die Digitalisierung nicht verpasst. Eine Webadresse ist dabei nur das Mindeste. „Es funktioniert noch“, sagt etwa Mirella Sasse, die in Frankfurt zwei Kinderfachgeschäfte, „Frau Nellson und ihre Schönigkeiten“, betreibt. „Aber man muss sich deutlich mehr anstrengen als früher.“ Einladungen zu Events und Aktionen im Laden gehören dazu, Filmchen auf Instagram, die zeigen, welches Spielzeug und welche Accessoires neu eingetroffen sind.
Krise im Handel: Besonders schwer haben es Modegeschäfte
Besonders schwer haben es Modegeschäfte, deren Umsätze zuletzt rückläufig waren, während die Onlinemarktplätze, vor allem die sogenannten Pure-Player, die ausschließlich online verkaufen (Amazon, Zalando, Otto), ein Plus von real 2,8 Prozent verbuchten. Unter Druck geraten Modehändler auch durch asiatische Billigshops wie Temu und Shein oder Plattformen wie Tiktok. Laut Handelsverband verbucht Tiktok kurz nach dem Start seiner Verkaufsfunktion bereits beachtliche Zahlen. Temu und Shein stehen danach inzwischen für fünf Prozent des gesamten Onlineumsatzes in Deutschland. Nahezu jeder zweite Verbraucher, der Dinge im Ausland bestellt, macht dies bei Temu oder Shein.
Und trotzdem ist die Innenstadt nicht kleinzukriegen. Internationale Marken suchen weiterhin Standorte in deutschen Metropolen. Als die japanische Modekette Uniqlo im vergangenen Oktober an der Biebergasse in Frankfurt ihre Vorzeigefiliale eröffnete, standen Fans der preisgünstigen und schlichten Textilien tagelang Schlange. Und auch Monate später ist die Filiale einer der wichtigsten Magneten in der Innenstadt.
Mehr Sorgen muss sich die Stadt um die Einkaufsstraßen in den Stadtteilen machen, in denen immer mehr Ladengeschäfte leer stehen. Nachmieter sind dann Cafés, Dönerbuden, Kioske. Mit dem Verkauf von Mode könne man die hohen Mieten nicht mehr erwirtschaften, sagen Branchenvertreter. Eine Vermieterin an der Berger Straße wollte im vergangenen Jahr das Gegenteil beweisen und hatte im Schaufenster nach „innovativem Einzelhandel“ für eine „langfristige Beziehung bei moderater Miete“ gesucht. Eingezogen ist eine Fahrschule.

