
Zugegeben, für Bayer gab es schon viele Momente, in denen es hieß: Jetzt wird es wirklich wichtig im Streit um Glyphosat. Aber es ist tatsächlich so, dass für den Pharma- und Agrarchemiekonzern existenzielle Wochen anstehen. Dabei geht es nicht nur um die Zukunft des angeblich krebshaltigen Pflanzenschutzmittels. Sondern um die Frage, wie Unternehmen in einem wichtigen Markt wie den USA Geschäfte machen können, wenn sie sich stets sorgen müssen, auf Milliardenstrafen verklagt zu werden.
Ende Mai ist es zehn Jahre her, dass Bayer angekündigt hat, den amerikanischen Konkurrenten Monsanto kaufen zu wollen. Rund 63 Milliarden Dollar hat das Unternehmen im Sommer 2018 für die Übernahme gezahlt. Seitdem hat Bayer mehr als zehn Milliarden Euro für Gerichtsprozesse und Vergleiche ausgegeben und hat auch einst optimistische Anleger viel Geld gekostet: An der Börse ist der Dax-Konzern gerade nur knapp 39 Milliarden Euro wert – und dabei kostet die Aktie mit rund 40 Euro heute sogar zwei Drittel mehr als noch vor einem Jahr.
Der zaghafte Aufschwung hängt zum einen mit einer soliden operativen Leistung zusammen, zum anderen damit, dass die Chancen für den Konzern derzeit so gut stehen wie lange nicht, sich des Rechtsrisikos zu entledigen. Das hängt auch mit dem Führungsstil des Bayer-Vorstandsvorsitzenden Bill Anderson zusammen: In seinem Heimatland spricht er offensiv an, was ein Ende von Glyphosat für Landwirte bedeuten würde, er greift die Klageindustrie mit scharfen Worten an und schreckt auch nicht davor zurück, die Politik zu kritisieren. Auf politische Entscheider einzuknüppeln ist in Deutschland zwar en vogue, in den USA aber alles andere als Standard.
Im Juni wird sich zeigen, wie viele der noch 67.000 verbleibenden Kläger ein Vergleichsangebot annehmen, für das Bayer nochmals bis zu 7,25 Milliarden Euro bezahlen will. Kurz danach entscheidet der Supreme Court in einem Grundsatzurteil zu Glyphosat. Für Bayer eine einmalige Chance auf mehr Rechtssicherheit. Das Urteil? Völlig offen. Und doch zeigt der neue Kurs im Umgang mit dem Rechtsrisiko, dass Bayer eine klare Strategie hat. Die fehlte früher komplett.
