Sie trägt man gern in der Hitze, weil sie saugfähig und atmungsaktiv ist, in den kalten Tagen, die kommen, sowieso: denn Baumwolle ist weich und zugleich auch strapazierfähig. In Europa hat sie Hanf und Leinen, die traditionellen Pflanzenfasern für Textilien, allerdings erst gegen Ende des 19. Jahrhunderts weitgehend verdrängt. Wie archäologische Funde zeigen, wurde die auf dem indischen Subkontinent heimische Indische Baumwolle (Gossypium arboreum) dort schon vor fünftausend Jahren zu Textilien verarbeitet. Später wurde auch die Levante-Baumwolle (Gossypium herbaceum) kultiviert, vor allem im Nahen Osten. Ob auch im südlichen Afrika, wo sie wild in Savannen wächst, ist wissenschaftlich ungeklärt.
Mit ihrer eher kümmerlichen Faserlänge spielen beide ursprünglichen Arten heutzutage kaum noch eine Rolle. Das internationale Geschäft mit der Baumwolle dreht sich um zwei Arten aus der Neuen Welt: Die sogenannte Sea-Island-Baumwolle (Gossypium barbadense) kommt ursprünglich aus dem Nordwesten von Südamerika, wo sie in der Nähe von Guayaquil bereits vor etwa achttausend Jahren angebaut wurde. Seither durch Züchtung optimiert, findet diese Baumwolle dank ihrer bis zu fünf Zentimeter langen Samenfasern noch immer eine Marktnische.
Weltweit besteht die Ernte heutzutage jedoch hauptsächlich aus der sogenannten Upland-Baumwolle (Gossypium hirsutum), einer Spezies, die ursprünglich von Mexiko bis ins nordöstliche Brasilien heimisch war. Der Nachweis, dass sie seit mehr als fünftausend Jahren angebaut wird, stammt von der Halbinsel Yucatán.
Heutige Einflüsse auch aus Südamerika
Durch Züchtung verbesserte Versionen von Gossypium hirsutum verbreiteten sich im Laufe der Zeit bis nach Mittelamerika, in die Karibik und schließlich auch nach Südamerika. Dabei entstand eine Fülle unterschiedlicher Varianten, in der Wuchsform ebenso wie in Anzahl und Länge der Samenfasern. Nicht selten nutzten Kulturformen auch die Gelegenheit, sich wieder mit der Wildform zu vermischen, und wo Gossypium hirsutum auf Gossypium barbadense traf, auch mit dieser nahe verwandten Spezies.

Doch woher stammte die Wildform, aus der sich die diversen Sorten von Gossypium hirsutum entwickelt haben? Dieser Frage widmeten sich Wissenschaftler um Weixuan Ninga von der Iowa State University in Ames und Mark A. Arick von der Mississippi State University. Gemeinsam mit Forschern aus Spanien, Mexiko, der Schweiz und China erkundeten sie die genetischen Wurzeln dieser ökonomisch so wichtigen Faserpflanze. Solche Ahnenforschung wird nicht bloß aus wissenschaftlicher Neugier betrieben. Dass hochgezüchtete Baumwollsorten durch strenge Auslese genetisch ziemlich gleichförmig daherkommen, macht die Wildform zu einem unersetzlichen Reservoir genetischer Vielfalt. Auf diese Ressource können Pflanzenzüchter beispielsweise zurückgreifen, wenn neue Sorten gefragt sind, die sich klimatischen Herausforderungen gewachsen zeigen.
Wild wachsende Pflanzen bereichern Genpool
In die Studie einbezogen wurden 158 wild wachsende Baumwollpflanzen aus dem Norden der Halbinsel Yucatán. Im Buschland dicht an der Meeresküste wächst wilde Baumwolle dort in Populationen, die aus Hunderten von Pflanzen bestehen. Von den durch Züchtung entstandenen Baumwollsorten unterscheidet sich diese Wildform nicht nur dadurch, dass sie als ausladender, reich verzweigter Strauch daherkommt. Ihre Blätter, Blüten und Samenkapseln sind auch deutlich kleiner als bei den Kulturformen und die viel kürzeren Samenfäden nicht schneeweiß, sondern bräunlich gefärbt.
Im Vergleich zu modernen Baumwollsorten erwies sich die genetische Vielfalt alter Landsorten und wild wachsender Baumwolle erwartungsgemäß als weitaus größer. Als genetisch reichhaltigste Population von allen bislang untersuchten entpuppte sich der Wildwuchs im Nordwesten von Yucatán. Wie Weixuan und Kollegen in den „PNAS“ berichten, weist diese Wildform zugleich eine größere genetische Nähe zu Kulturformen von Gossypium hirsutum auf als zu anderen wild wachsenden Populationen. Damit bestätigt sich die Vermutung, dass der Anbau dieser Baumwollspezies und ihre Optimierung durch Züchtung einst auf der Halbinsel Yucatán begonnen hat.
Unabhängig davon wurde im Nordwesten von Südamerika die Baumwollspezies Gossypium barbadense in Kultur genommen. Im Laufe der Zeit, als sich der Anbau von Baumwolle immer weiter verbreitete, kamen die beiden Baumwollarten mancherorts miteinander in Kontakt: Insekten konnten Blütenstaub von der einen zur anderen tragen. So entstanden Kreuzungen zwischen den Spezies, die ursprünglich durch geographische Barrieren getrennt waren. In der Pflanzenzüchtung geschieht das häufig und zunehmend mit Absicht. Denn wenn sich die genetische Ausstattung nahe verwandter Arten vermischt, vergrößert sich das Sortiment der erblichen Eigenschaften als Basis für die Auslese der Züchter. Bei modernen Baumwollsorten – ob Upland-Baumwolle oder Sea-Island-Baumwolle – stammen heute durchschnittlich 13 bis 14 Prozent des Genoms von der jeweils anderen Spezies.
